Hallo,
vergangene Woche schrieb ich über neun vermeintliche Gründe für den Geburtenrückgang (Abre numa nova janela). Seitdem recherchiere ich weiter und beschäftige mich insbesondere mit dem Einfluss von Männern auf die Anzahl der Geburten.
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Die erste Sache, die mein Gehirn zum Rauchen gebracht hat:
Die zusammengefasste Geburtenziffer für Männer ist noch niedriger (Abre numa nova janela)als die Geburtenziffer für Frauen. Die Geburtenziffer, das kurz zur Wiederholung, gibt an, wie viele Kinder eine Frau Person im Laufe ihres Lebens bekommen würde, wenn sich am aktuellen Fortpflanzungsverhalten nichts ändert. Für Frauen lag diese Zahl bei 1,35 (Abre numa nova janela), für Männer im Jahr bei 1,25 (Abre numa nova janela).
Wie kann das sein, wo doch jedes Kind einen Vater und eine Mutter hat? Selbst wenn sich das nicht gleichmäßig verteilt, also beispielsweise ein Mann mehrere Kinder mit mehrere Frauen hat und dafür andere Männer kinderlos bleiben - in der Statistik müsste das doch aufs Gleiche rauskommen?
Der Unterschied hat mehrere Gründe. Ein bedeutender: Die beiden Zahlen werden nicht mit denselben Daten berechnet. Während sich die Geburtenziffer für Frauen auf die harten Zahlen der Standesämter und des Mikrozensus bezieht, muss für die Vaterschaftsziffer befragt und geschätzt werden. Denn bei der Anmeldung einer Geburt werden die genauen Daten des Vaters nur erfasst, wenn die Eltern verheiratet sind. Für den Mikrozensus werden Männer nicht einmal gefragt, ob sie Kinder haben.
Fakten über Männer und ihr Fertilitätsverhalten zusammenzukratzen ist ein mühsames Geschäft für Wissenschaftler, und für Journalistinnen erst recht. Ich bin gerade mittendrin.
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Not-so-fun-fact, den ich in der Recherche ausgegraben habe: Den absoluten Negativrekord bei Geburten in Deutschland halten die ostdeutschen Männer, die im Jahr 1994 auf lediglich 0,74 Kinder pro Mann kamen. Auf dem Level bewegen sich aktuell die südkoreanischen Frauen und während ich über diese und ihre 4-B-Bewegung schon zig Denkstücke gelesen (und geschrieben (Abre numa nova janela)) habe, kann ich mich nicht an eine Debatte über den reproduktionsfaulen ostdeutschen Mann in den Neunziger Jahren erinnern.
Das Schreckgespenst damals hieß anders. Es war die kinderlose Akademikerin, die Vollzeit arbeitende "Karrierefrau", und dass dieser Geist noch nicht ganz vertrieben ist, zeigt das Gerede über childless cat ladys.
Ich studierte in den Nullerjahren, und ich erinnere mich gut an die düstereren Prophezeihungen, dass fast jede zweite von uns niemals Mutter werden würde. Die Forschung nahm damals an, dass 40 Prozent aller Frauen mit Hochschulabschluss kinderlos bleiben würde.
Diese Annahme war falsch. Während die hier nun schon mehrfach zitierte zusammengefasste Geburtenziffer zwar die sinnvollste Zahl ist, um aktuelle Schwankungen zu zeigen und politische Lösungen zu diskutieren, ist sie doch nur eine mehr oder minder verlässliche Hochrechnung. Aus ihr einen Satz wie "die deutschen Frauen bekommen heutzutage im Durchschnitt nur noch 1,35 Kinder" zu machen, ist eigentlich nicht ganz korrekt.
Wie viele Kinder die Menschen bekommen, weiß man mit Bestimmtheit erst, wenn ihre reproduktive Phase zu Ende ist. Dann berechnen Bevölkerungsforscher die sogenannte Kohortenrate. Für Frauen, die in den 1970er Jahren geboren sind, ergab das: Sie bekamen im Durchschnitt 1,6 Kinder - eine Zahl, die deutlich über den Geburtenziffern der vergangenen Jahrzehnte liegt. Kinderlos blieb nur ein gutes Fünftel dieser Frauen.
Bei den Männern sind knapp 30 Prozent ohne Nachwuchs. Und während es zwar rein theoretisch möglich ist, dass sich diese Lücke noch schließt, rechne ich (genau wie die meisten ExpertInnen) eher nicht damit.
Ich fasse daher zusammen: Die typische kinderlose Person ist keine alte Frau mit Katze. Es ist ein alter Mann ohne Katze. Kinderlosigkeit ist männlich.

Wie diese Lücke zustande kommt, was die Gründe dafür sind und was gegen männliche Kinderlosigkeit getan werden könnte (und ob überhaupt etwas): Darüber schreibe ich demnächst.
Falls du eine Studie kennst, die ich dafür unbedingt lesen sollte: Schreib mir gern (Abre numa nova janela). Falls du Journalistin bist und aus diesem Newsletter abschreiben möchtest: Bitte verlinke und zitiere mich. Oder bestell den Text gleich bei mir. (Abre numa nova janela)
Falls du mir eine Frage zur Geburtenrate geschickt hast: Meine Antwort findet du etwas weiter unten.
Danke fürs tapfere Durchhalten dieses Statistik-Proseminars. Nächste Woche wieder mehr lockeres Geplauder, versprochen.
Ich wünsche dir ein schönes Wochenende,
Barbara
Vor einiger Zeit fragte ich hier, wie es mit "Innen & Außen" weiter gehen soll. Danke für die vielen Antworten!
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»Dutzende Aufgaben, Hunderte Informationen – dafür sind unsere Gehirne nicht gemacht«, sagt Psychologieprofessorin Eva Asselmann. Hier verrät sie, was wir tun können, wenn zu viel unkontrolliert auf uns einprasselt. (Steady (Abre numa nova janela))
ADHS ist nicht so toll, wie Heidi Klum behauptet. Multitasking ist keine Diagnose. Wann Promi-Interviews ein falsches Bild von ADHS zeichnen – und wann nicht. (Übermedien (Abre numa nova janela) - jetzt ohne Paywall)

Über Tradwives schreiben? Yes, please! Zumindest in Romanen wie diesem. Journalisten könnten ihre Hausfrauenbegeisterung gerne etwas bremsen (Abre numa nova janela).
Natalie Heller Mills ist eine Instagram-Tradwife mit Millionen Followern. Das Buch springt zwischen ihrer Gegenwart auf der Familienfarm mit Kindern, Geld, Nannys, Kameras, Internet, Waschmaschine und Idiot-Ehemann, ihrer Vergangenheit als intelligente, konservative, aber wenig beliebte Studentin und ihrer Zukunft (?) auf der Familienfarm mit Kindern und Mann, aber ohne Elektrizität, fließendem Wasser und Internet hin und her.
Wie diese drei Zeitebenen zusammenpassen, ohne dass die Autorin eine Zeitmaschine erfinden muss, verrate ich nicht. Aber das Buch ist ein Banger, lest es.
Gehören Kinder mit Behinderung auf die Förderschule? Oder ins normale Schulsystem? SZ-Journalistin Kathrin Aldenhoff hält sich aus dieser Frage wohltuend raus, sondern begleitet stattdessen das erste Schuljahr eines Sechsjährigen mit Down-Syndrom. Eine sehr nahe, sehr berührende Geschichte. (SZ-🎁-Link (Abre numa nova janela))
Inside CumEx bei ARD Sounds (Abre numa nova janela). Am Anfang fand ich die Fokussierung auf den Zweikampf zwischen Staatsanwältin Anne Brorhilker und CumEx-Anwalt und -Berater Hanno Berger bisschen overdone, am Ende hatte ich schlechte Laune, weil das Finanzsystem nach wie vor so unfair ist. Aber zwischendurch habe ich sehr viel gelernt. Empfehlung.

Diese Woche war migränetechnisch super. Warum auch immer. Ich nehme es, wie es kommt - und habe am #migränemittwoch einen Eislolli empfohlen. Mehr dazu hier (Abre numa nova janela).
Hier wie versprochen meine Antworten auf eure Fragen zur Geburtenrate:
Sarah fragt: Hängt der Rückgang der Geburtenrate nicht auch mit der Einführung der Rente durch Reichskanzler Bismarck zusammen? Warum wird über den Pillenknick so viel und darüber so wenig diskutiert?
→ Fantastische Frage. Die Antwort sieht man auf dieser Grafik, und es stimmt: Gegen den Absturz der Geburtenrate Anfang des 20. Jahrhunderts sind die Schwankungen der 1960er pillepalle.
(Abre numa nova janela)Julia schreibt: Deutschland ist zu kinderunfreundlich und man fühlt sich von der Familienpolitik verarscht.
→ Der Zusammenhang zwischen familienpolitischen Leistungen und der Geburtenrate ist verworrener als man denkt (wie im letzten Newsletter (Abre numa nova janela)und in diesem Essay (Abre numa nova janela)erklärt). Dass die Einstellungen zu Familie eine große Rolle spielen, ist aber unbestritten. Und natürlich verändert es eine Gesellschaft, wenn so wenige Kinder gibt wie derzeit.
Eine Vermutung von Vanessa: Babys werden immer größer und schwerer, Mütter immer älter, die Versorgung rund um die Geburt nicht besser. Kommt es zu mehr Geburtsschäden?
→ Das weiß ich nicht. Mich würde es wundern, wenn das einen statistisch relevanten Effekt hat (auch wenn die Erlebnisse für die Betroffenen natürlich schrecklich sind, klar). Weiß jemand mehr? (Abre numa nova janela)
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