Wie schaffen es rechte Netzwerke ihre offensichtlichen Fake-Stories in die Breite zu bringen? Sie setzen dabei sehr erfolgreich auf ihre eigenen Kanäle auf Social Media, auf rechte Hetzblogs und auf Medien von rechten Parteien. Doch ab und zu gelingt ihnen ein wahrer „Coup“, dann nämlich, wenn ein anerkanntes Qualitätsmedium die Fake-Geschichte aufgreift und damit nicht nur Verbreitung, sondern auch Legitimität verleiht.
Ein Beispiel wie aus dem Lehrbuch hat vor kurzem Florian Klenk beigesteuert, der Chefredakteur des Wiener Wochenmagazins „FALTER“. Um seine wacklige Argumentation zu stützen, griff er eine mehr als vier Jahre alte Geschichte auf, die damals mit aller Vehemenz von FPÖ & Co verbreitet wurde, aber sonst kein ernstzunehmendes journalistisches Medium auch nur mit einem Wort würdigte.
Der ernste Kontext
Es geht um eine Aussage von Sebastian im Rahmen einer TV-Diskussion mit dem extremrechten Blogger Gerald Grosz auf oe24.TV (Abre numa nova janela). Am 4. Jänner 2022 diskutierten die beiden über eskalierende Demonstrationen von Corona-Maßnahmen-Gegner*innen in Wien. Anlass waren tags zuvor bekannt gegebene Ermittlungen des Staatsschutzes gegen Neonazis wie Gottfried Küssel, welche die Demonstrationen unterwanderten.
Ein Video von Küssel und dem rechtsextremen Gewalttäter Manuel Mittas war aufgetaucht, in dem vom Tragen von Sprengstoffgürteln und geplanten Aktionen die Rede war. Der ORF berichtete damals: „Zehntausende nehmen regelmäßig in Wien an den Demonstrationen teil. Das Innenministerium bestätigte, dass es grundsätzlich mehr Gewaltbereitschaft gibt. Und vorne weg gehe mittlerweile meist die extreme Rechte.“
Der Kontext ist insofern auch von besonderer Relevanz, als dass wir seit den Corona-Jahren eine bevorzugte Zielscheibe der radikalisierten Szene sind. In einschlägigen Chat-Gruppen wurden Gewaltfantasien und Verschwörungstheorien über uns verbreitet und die mutmaßlich gleiche Person, welche die Ärztin Lisa-Maria Kellermayr in den Tod getrieben hat, bombardierte uns in der Zeit auch mit Morddrohungen.
Eine humoristische Spitze
Im Kontext dieser Medienberichte diskutierte Sebastian hitzig mit Gerald Grosz im wöchentlichen politsatirischen Format „Fellner! Live“ über Maßnahmen, die von staatlicher Seite gegen diese Radikalisierungsdynamiken ergriffen werden könnten. In einem diesbezüglichen Wortgefecht überzog Sebastian scherzhaft mit der Äußerung, „na Flammenwerfer gibt’s a no“, nur um unmittelbar danach einzuwerfen, dass der Einsatz von Wasserwerfern – nicht Flammenwerfern – gegen gewaltbereite hasserfüllte Neonazis und bekannte Holocaust-Leugner auf diesen Demonstrationen seiner Meinung nach ein unwillkürlicher assoziativer Gedanke sei.

Ein schlechter Scherz, wie Sebastian bei zahlreichen Gelegenheiten später einräumte, aber ein für alle Zusehende klar als solcher erkennbarer. In der gegenständlichen Sendung wurde sodann auch nicht mehr auf diese humoristische Spitze eingegangen, doch die rechte Szene griff den Sager kurze Zeit später auf und verfremdete ihn. Das Hetzmedium „Exxpress“ berichtete zwei Tage später, dass Sebastian angeblich die „Verbrennung von Corona-Demonstranten“ fordern würde. Ausnahmsweise wahrheitsgemäß führte der „Exxpress“ zumindest noch an, dass die Bemerkung scherzhaft gewesen sei.
Dankbar von der FPÖ aufgegriffen
Der FPÖ genügte das jedoch und sie nahm den Bericht zum Anlass für eine parlamentarische Anfrage an die Justizministerin. Schon wenige Tage später, genauer gesagt am 20. Jänner 2022, wurden 10 Fragen hierzu im Parlament eingebracht. Die FPÖ wollte unter anderem von Justizministerin Alma Zadic wissen, ob aufgrund seiner Aussagen schon Ermittlungen gegen Sebastian eingeleitet worden wären. Es wurden übrigens keine Ermittlungen eingeleitet, wie eine Beantwortung später ergab.

Die Corona-Pandemie zog vorüber und auch der künstliche „Aufreger“ geriet in Vergessenheit. Vier Jahre lang, denn dann wurde er von rechten Netzwerken wieder aufgewärmt. Anlass waren diesmal unsere Klagen gegen digitale Gewalttäter, die uns öffentlich drohten, zu Gewalt gegen uns aufriefen, uns diffamierten und beleidigten. Inzwischen wissen wir, dass diese fast ausschließlich der rechten Szene entstammen.
Aufgewärmt und verfremdet
Der FPÖ nahestehende Rechtsanwälte wie Niki Haas traten auf den Plan zur Verteidigung dieser Hasskommentatoren und in ihren gerichtlichen Schriftsätzen fand sich plötzlich eine Erzählung wieder: Der Flammenwerfer. Sebastian müsse sich auch üble Nachrede und derbste Beschimpfungen gefallen lassen, immerhin habe er im Fernsehen den Einsatz von Flammenwerfern gegen Impf-Gegner gefordert.
Die Fake-Story wurde also nicht nur aufgewärmt, sondern sogar noch weiter verfremdet und zugespitzt. Denn nun hieß es, dass „Impf-Gegner“ und nicht mehr Corona-Demonstranten gemeint gewesen wären und aus dem Scherz wurde eine Forderung. Bald machte der Sager in den Täterkreisen die Runde: „Der Bohrn Mena forderte den Einsatz von Flammenwerfern gegen Impfgegner und jetzt verklagt er unschuldige Leute!“
Und damit nicht genug, auch strafrechtlich relevante Äußerungen gegen Veronika wurden von digitalen Hasskommentatoren in formvollendeter Sippenhaft damit gerechtfertigt, dass Sebastian ja damals angeblich diese Aussage getätigt hätte.
https://steady.page/de/bohrnundmena/posts/2bfd5e6f-45e7-4fde-afa2-be648c1ac6fc (Abre numa nova janela)Vor Gericht gefloppt, bei Klenk erfolgreich
Vor Gericht floppte diese Argumentation jedenfalls erwartungsgemäß, immerhin kann man eine aktuelle und noch dazu kontextfremde Beleidigung nicht damit rechtfertigen, dass jemand vor vier Jahren angeblich im Fernsehen eine Aussage getätigt hat. Damit könnte das Kapitel auch wieder ad acta gelegt werden, frei nach dem Motto: „Thema verfehlt, setzen – fünf!“. Doch bei einem verfing sich diese Erzählung und er griff sie fatalerweise dankbar auf: Florian Klenk. Denn dem Chefredakteur des FALTER passte das gut in sein Narrativ, wonach Klagen gegen Hasskommentare und insbesondere gegen die öffentlich sichtbare Unterstützung ebendieser durch Likes „überschießend“ wäre - und so begann er mit der Verbreitung.
Im Rahmen einer Fernsehdiskussion mit unserem Anwalt Robert Kerschbaumer beim Sender PULS4, brachte er den „Flammenwerfer“ in bester FPÖ-Logik als Argument vor: Jemand der selbst solche Aussagen tätige, der müsse sich mehr gefallen lassen. Kerschbaumer widersprach vehement und wies darauf hin, dass die Aussage so gar nicht gefallen sei und damit ein rechtes Narrativ bedient werde, das von Tätern vor Gericht als Schutzbehauptung verwendet würde.
Rechte Netzwerke jubeln
Florian Klenk gab sich davon jedenfalls unbeeindruckt und so fand sich die zugespitzte und komplett verfremdete rechte Fake-Story in der Printausgabe des FALTER vom 19. Mai 2026. Dort konnte man dann im Rahmen einer Kritik an den Klagen gegen Hass im Netz lesen: „Darf man noch linker Trampel“ sagen? Ist „Sauschädel“ strafbar oder nur unhöflich gegen einen, der auf OE24 schon einmal den „Flammenwerfer gegen Impfgegner“ auspacken wollte?“.
Es ist nicht dokumentiert, aber durchaus wahrscheinlich, dass rechte Kreise und insbesondere digitale Gewalttäter bei Lektüre dieser Zeilen des renommierten FALTER-Chefredakteurs in Jubel ausbrachen. Immerhin können sie sich jetzt auf ein anerkanntes Medium berufen und müssen nicht mehr auf ein Portal zurückgreifen, das eine als antisemitisch kritisierte Karikatur eines bekannten Rechtsextremen verbreitete und für „wahrheitswidrige Berichterstattung“ berüchtigt ist. Da kann man nur gratulieren.
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