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Weapons ist ein Detektivfilm über Unnatürliches

Mir wurde in einer Kommentarspalte mal gesagt, ich würde sehr kontroverse Meinungen vertreten. (Kein Spaß, der Mensch schrieb “sehr”.)

Um dem gerecht zu werden, hier meine These: Wenn du denkst, Weapons ist ein schlechter Film, verstehst du Filme nicht.

Und eine Tatsache: Eine Analyse, die nicht spoilert, ist keine gute Analyse.

Weapons handelt von einer Stadt, in der 17 Kinder nachts spurlos verschwinden. Sie haben ihr Bett und das Haus verlassen, sind in die Nacht gelaufen und wurden nie wieder gesehen. Wir erleben die Tage danach aus sechs Perspektiven: Justine, die Lehrerin der Kinder, die verdächtigt wird. Archer, der Vater eines verschwundenen Kindes. Paul, ein Polizist, der vor lauter eigenen Problemen kaum das größte vor sich erkennt. James, ein drogenabhängiger Jugendlicher, der zufällig ins Verderben stolpert. Marcus, der Direktor der Schule. Und Alex, der einzige aus seiner Klasse, der nicht verschwunden ist.

Ein Kind läuft im Dunkeln über eine leere Straße

Der Film spielt in einem kurzen Zeitraum, den wir immer wieder aus diesen unterschiedlichen Perspektiven erleben. Das Pacing des Films widerspricht damit oberflächlich dem eines Standards, bei dem sich der Plot chronologisch entwickelt und es permanent weitergeht. Stattdessen haben wir hier sechs Stränge, die sich chronologisch überschneiden, aber nacheinander erzählt werden. Immer wieder in der Zeit zurückzugehen kann sich langatmig anfühlen.

Ich habe anders empfunden: Jede neue Perspektive brachte neue Erkenntnisse. Es ist ein bisschen wie Zeugen vernehmen: die Geschichten sind unterschiedlich, der Grund für sie gleich. Weapons ist damit, wenn man will, Detektivarbeit. Und Arbeit und Film? Das verträgt sich für manche nicht.

Wer darüber hinaus einen Film, insbesondere einen Horrorfilm, einzig auf den Plot reduziert, wird nicht glücklich. Zwei Sachen sind mindestens genauso wichtig, wenn nicht wichtiger: die Art und Weise, wie der Film gemacht ist — Kamera, Ton etc. — und das, worum es geht — nicht, was wann passiert, sondern die dahinter liegenden Bedeutungen und Diskurse.

Still und unsichtbar

In Filmen gibt es Techniken, die dafür sorgen, dass die Kamera unsichtbar ist. Dass man gar nicht merkt, dass jemand filmt. Dass wir eigentlich gar nicht dabei sind. Eine dieser Techniken ist das Eyeline Match: Wir sehen einen Charakter, der etwas ansieht, was außerhalb des Bildausschnitts liegt. Im nächsten Bild sehen wir das, was der Charakter ansah und zwar aus einer Perspektive, die uns wissen lässt, dass genau das gerade angeguckt wurde. So erzeugt ein Film Kontinuität.

In Horrorfilmen wie Weapons wird diese Technik mit einer weiteren verbunden. Wir sehen zum Beispiel James, wie er ein Haus durchsucht und dabei etwas ansieht, das wir nicht sehen können. Die Kamera lenkt langsam unseren Blick vom Charakter auf den Hintergrund und suggeriert damit, dass dort gleich etwas passiert. Das sind “Dreh dich um, es steht direkt hinter dir!”-Momente.

Ein Jugendlicher sitzt erschrocken in seinem Zelt und ist mit einer Spritze bewaffnet

Wo Weapons mit solchen Konventionen bricht, entsteht Dissonanz. Etwas fühlt sich nicht richtig an, wenn die Kamera sich plötzlich mechanisch dreht anstatt den Blick von Beistehenden zu imitieren. Wenn sich beispielsweise ein Charakter erschrickt, aber die Kamera sich nur langsam dorthin dreht, wo etwas passiert, passen ihre Bewegungen nicht zum Pacing der Szene. Das vermittelt Unnatürlichkeit. Die Kamera wird quasi sichtbar und macht uns deutlich, dass das Geschehene konstruiert ist. In solchen Momenten macht der Film auf einer Meta-Ebene auf sein Genre aufmerksam — vermittelt aber gleichzeitig ein wichtiges Element der Geschichte.

Der Sound im Film funktioniert ähnlich. Es gibt viele Orchester-Synthi-Sounds, die Spannungsbogen unterstreichen und für einen Jump Scare einen lauten Ton produzieren, der auf auditiver Ebene erschreckt. Dem gegenüber stehen Szenen, in denen absolut nichts zu hören ist: kein Atmen, keine Schritte, keine Insekten, kein Wind, keine Uhr. So eine Stille existiert nicht, sie ist unnatürlich. Sie ist laut und auffallend, sie reißt uns aus dem gewohnten Beobachten und suggeriert, dass in dem Moment etwas falsch ist. Wie die Kamera, die nicht recht zur Szene passen will, fühlt sich der Moment der absoluten Stille unbehaglich an.

Ich sehe was, was du nicht siehst

Kamerafahrten und Stille sind subtile Wege, um etwas mitzuteilen. Auffälliger ist Foreshadowing. Das sind Momente, die oft erst im Nachhinein Sinn ergeben. Etwas war die ganze Zeit vor unserer Nase, aber wir konnten seine Bedeutung nicht erkennen:

Verärgerte Eltern schmieren “Hexe” auf das Auto der Lehrerin. Marcus sieht sich zuhause eine Dokumentation über einen Parasiten an, der Ameisen kontrollieren und sie in den unfreiwilligen Selbstmord treiben kann. Justine träumt von ihrem Klassenzimmer , in dem alle Schüler:innen auf den Tischen schlafen, nur Alex erwacht mit Clown-Make-up.

Weapons Ending Explained: What Really Happened To The Missing Kids

Wie sich herausstellt, wurden die Kinder von einer Hexe namens Gladys gestohlen — Alex’ Tante, die den Jungen erpresst und als Marionette missbraucht. Daher das Clownsgesicht, das ihn als Puppe und jemanden, der sich hinter einer Maske versteckt, entlarvt. Gladys (der tantigste Name ever) kann Menschen in Zombie-artige Zustände versetzen, sodass sie ihrem Willen gehorchen und solange den Menschen jagen, auf den sie angesetzt worden, bis sie ihn aufgegessen haben.

Im ersten Moment sieht es so aus, als würden die Menschen ganz natürlich weiter existieren. Wie unnatürlich und ferngesteuert ihre Bewegungen und Gesichtsausdrücke sind, wird erst auf den zweiten Blick deutlich. Und genau dieses Unnatürliche und Ferngesteuerte simulieren Kamera und Ton lange bevor wir die Hexe selbst sehen. Ihre Aura des Falschen, wenn man so will, eilt ihr voraus. Sie ist spürbar, aber noch nicht sichtbar — oder zu verstehen, immerhin fehlt uns zu diesen Zeitpunkt noch die Auflösung.

Gripping horror film Weapons puts school kids in peril - CultureMap Dallas

Hinzu kommt, dass die erste Verdächtige, die uns präsentiert wird, sofort entlastet wird. Justine ist die Protagonistin der ersten Minuten und wir erfahren wie sehr sie unter dem Unrecht leidet. Das ist der erste Moment, in dem wir uns mit einer Figur aus der Stadt identifizieren und ebenso hilflos und starr vor Ungerechtigkeit und Ungewissheit sind. Wir sehen die Trauer der Eltern und die Verzweiflung von Justine. Gefühle, die durch Foreshadowing verstärkt werden: Wir erahnen die Signifikanz vermeintlich nebensächlicher Informationen, die Erlösung für alle versprechen, können das Puzzle aber noch nicht zusammenfügen.

Die Beweislast

Um der Misere einen Sinn zu entlocken, braucht es einen Blick auf Details. Gehen wir einige davon durch:

  • Die Hexe nutzt Äste für ihr Ritual; ein bisschen wie Zauberstäbe. Vielleicht eine Eibe. Der Baum wird in vielen Kulturen und Mythen mit der Unterwelt und Tod, aber auch Unsterblichkeit in Verbindung gebracht. Manche vermuten eine Stechpalme, auch diese hat rote, giftige Beeren und wird als immergrüner Baum mit Unsterblichkeit in Verbindung gebracht. Bäume, die genutzt werden, um anderen ihre Lebenskraft zu entziehen, gibt es in vielen Geschichten, zum Beispiel Deadly Premonition. Es ist eine kleine Perversion, dass lebensspendende Natur zum Töten eingesetzt wird. Und das wiederum ein klassisches Horrorelement: Nimm etwas Unschuldiges, Gutes und verdirb es. Das erzeugt ein universelles Gefühl der Ungerechtigkeit und vereint Zuschauer:innen in ihrer Verachtung für das Verderbende.

  • Gladys behauptet, Alex’ Eltern hätten Schwindsucht. Heute nennen wir die Krankheit Tuberkulose. Diese kuriose Wortwahl fällt auch Marcus auf, der Gladys daraufhin fragt, ob das nicht eine ausgerottete Seuche aus der Gründerzeit sei. Im Original spricht er von den Siedlern auf dem Oregon Trail (ein Detail, das deutschem Publikum in der Synchronisation nicht zugemutet werden konnte), einer der Routen, auf der die Siedler im 19, Jahrhundert gen Nordwesten zogen. Nach Oregon. Ob das wohl ein Hinweis auf Gladys’ wirkliches Alter ist?

  • Viel älter als das sind die Märchen und Sagen, die hier referenziert werden. Für mich persönlich hat Weapons Hänsel-und-Gretel-Vibes, was ich bis auf die Hexe und den Kannibalismus nicht weiter belegen kann. GANZ anders sieht es da mit dem Rattenfänger von Hameln aus. Der Sage nach kam im 13. Jahrhundert ein buntgekleideter Mann in die niedersächsische Stadt und befreite sie von Ratten. Da man ihm seinen Lohn verweigerte, kam er wieder und nahm auch noch 130 Kinder mit. Seine Waffe der Wahl war eine Flöte, Gladys hat ihren Ast. Exzentrisch sind beide:

Weapons' - Warner Bros. Reportedly Considering an Aunt Gladys Prequel Movie  - Bloody Disgusting
  • Als Archer im Alptraum seinem Sohn hinterherjagt, erscheint über seinem Haus eine AR-15. Diese und ähnliche Schusswaffen wurden in der Vergangenheit häufig bei Amokläufen genutzt — unter anderem an der Sandy Hook Elementary School 2012. Das in Verbindung mit dem Verschwinden der Kinder lässt den Schluss zu, dass der Film (zumindest an dieser Stelle) ein Kommentar zu school shootings ist. Und dann ist da noch der Titel…

  • Die Waffe zeigt 217 an. Die Kinder sind um 2:17 Uhr verschwunden. In Stephen King’s The Shining ist Raum 217 verflucht.

  • Während des Finales wird Alex von seinen Zombie-Eltern gejagt. Seine Mutter zerstört die Tür zum Zimmer und steckt ihren Kopf hindurch — noch eine Shining-Referenz. Der Film ist sich seines Genres bewusst, spielt auf Klassiker besagten Genres an und lässt uns damit wissen, dass Konventionen und deren Brüche absichtlich sind. Was uns zum letzten Punkt bringt:

Katharsis

Nichts, aber auch gar nichts, ist so klassisch wie ein kathartisches Ende. Sie ist das Ende der Tragödie, die Erlösung, die Läuterung. Sie ist mit Leid verbunden, denn es muss erstmal etwas Schreckliches passieren, damit am Ende ein trauriger, vielleicht auch blutiger Stein vom Herzen fallen kann.

Dass Gladys von den Kindern, die sie entführte, durch die Stadt gejagt und dann gegessen wird, ist eine Katharsis, wie sie ab jetzt im Buche stehen sollte. Es ist so albern, dass trotz Ekel alle Anspannung abfällt. Man kann gar nicht anders als lachen. Am Ende eines Horrorfilms zu lachen ist für mich purer Konventionsbruch. Womit wir wieder am Anfang wären.

Der Monolog zu Beginn erklärt, dass die Ereignisse, die sich in der Stadt zutrugen, unter den Teppich gekehrt wurden. Das Ende lässt entsprechend vieles offen. Gibt es mehr Hexen? Ist Gladys wirklich die Tante? Wieso kam sie in diese Stadt? Wer ist sie? Woher kam sie? Geht es den Menschen, die sie verhexte, wieder gut? Wissen sie, was passiert ist? Erfährt Justine Wiedergutmachung? Worum genau geht es in dem Film nun?

Weapons' Review: A Shocking & Satisfying Instant Horror Classic

Letzteres hängt von jeder und jedem Einzelnen ab. Vorwissen und Erwartungen beeinflussen, wie wir den Film (jeden Film) wahrnehmen. Für mich geht es darum, die Elemente eines Horrorfilms zu nehmen und die aus dem Wiedererkennen resultierenden Erwartungen zu subvertieren — doppelt. Man könnte fast sagen, dass Subversion selbst zur Konvention geworden ist. Weapons wäre ein 08/15-Horrorfilm, wenn er uns nicht sagen würde, dass er das weiß. Um seine Wirkung zu entfalten, nutzt der Film die Motive der Unnatürlichkeit und Ungerechtigkeit.

Auf der Suche nach Bedeutung darf man sich nicht verlieren. Es ist leicht Symbole zu sehen, wo Zufälle sind. Informationen an Thesen anzupassen statt andersrum. Wir könnten ewig nach Attentaten suchen, bei denen “217” eine Rolle spielte und eine Verbindung herstellen. Wir könnten gucken, welche Personen Gladys heißen und eine Verbindung herstellen. Wir könnten das Aussehen der Zombies mit dem anderer Zombies vergleichen und eine Verbindung herstellen. Zielführend wäre nichts von dem. Ebenso wenig darf man annehmen, dass die eigene Interpretation der Intention der Macher:innen entspricht.

Wo ich Unnatürliches, Ungerechtigkeit und Subversion sehe, siehst du vielleicht etwas anderes. Dem Macher des Films ging es vermutlich wieder um andere Dinge (Abre numa nova janela). Das ist doch das Schöne an der Interpretation und dem Austausch. Wir haben den gleichen Film gesehen, aber haben wir auch das gleiche gesehen? Detektivarbeit besteht aus Abwägen und Argumentieren, Thesen aufstellen und verwerfen. Weapons fordert diese Aufgaben von Zuschauer:innen. Wer sich der Arbeit verweigert, findet den Film womöglich albern oder langweilig. Und offenbart damit, keine Ahnung zu haben.

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