Eins sage ich dir gleich: Dieses Piontextchen hat es in sich! Nicht nur, weil es nicht ganz jugendfrei ist. Sondern auch, weil ich hier ne harte Nuss zu knacken habe. Vielleicht sogar mit den Pobacken, wer weiß. Und damit herzlich willkommen zum zweiten Newsletter im August.
Der zweite Newsletter ist immer der, in dem meine Mitglieder und alle, die angesichts eines kleinen Vorhängeschlosses weiter unten zu einem solchen werden wollen (tritt ein, bring Glück herein!), in den Genuss einer kompletten Kurzgeschichte kommen. Die Geschichte ist KI-frei ausgedacht und geschrieben. Alles, was ich habe, ist das Ergebnis der Abstimmung aus der Community. Womit wir schon mittendrin wären im Schlamassel! Wir erinnern uns: Fünf Jobs standen zur Wahl (Abre numa nova janela), von denen ich einen im Piontextchen augenzwinkernd ausprobieren wollte. Hier ist das Ergebnis:

Was nun? Stichwahl? Nein, habe ich mir gesagt. Denn es gab ja unter den geschätzten Stimmberechtigten auch solche, die mir zusätzlich eine Herausforderung gestellt haben. Hier sind die Kommentare:

Vielen Dank an die beiden, die hier kreativ geworden sind! Mit eurem Einsatz war es mir möglich, einen Gewinner festzustellen, denn nur ein Thema hat neben zwei Stimmen auch zwei Herausforderungen bekommen: der Pausenclown.
Und damit kommen wir zur harten Nuss. Ich darf mich als Pausenclown im Theater betätigen, allerdings wird der Einsatz stark begrenzt: Es gibt dort überwiegend keine Pausen! Oh … kayyyy!
Und was ist mit der zweiten Herausforderung? Die hat es ebenfalls in sich. Damit du den Kommentar einordnen und nachvollziehen kannst, womit ich es zu tun bekomme, folgt ein kleiner Exkurs:
Alchemy & King’s Ransom
Die werte Stichwortgeberin (👋) nennt Stücke, die den Rahmen setzen sollen. Bei Alchemy (Abre numa nova janela) und King’s Ransom (Abre numa nova janela) handelt es sich um Musicals von Clive Nolan. Der Brite hat sich auch als Keyboarder von Bands wie Pendragon oder Arena einen Namen gemacht. Sein Genre ist der Progressive Rock (Abre numa nova janela).
Ich lernte Clive 1992 in London kennen, wo ich damals lebte. Seitdem verbindet uns eine Freundschaft, und zu meiner großen Freude durfte ich auch schon selbst bei einigen von Clives Projekten mitwirken. Bei der Albumversion von King’s Ransom zum Beipiel singe ich im Background-Chor.
Clive führte seine Stücke bis 2019 unter anderem im Playhouse in Cheltenham auf, einer malerischen Stadt in Südengland. Ich habe dort mehrere tolle Wochenenden erlebt. Sie waren stets prall gefüllt mit Musik, guter Laune und herzlichen Begegnungen.

The Full Monty
Bei einem dieser Wochenenden kauften die werte Stichwortgeberin und ich spontan Karten fürs Everyman Theatre, wo das Stück The Full Monty aufgeführt wurde. Es basiert auf dem gleichnamigen Film, der im Deutschen Ganz oder gar nicht (Abre numa nova janela) heißt und den ich nur empfehlen kann, falls du ihn noch nicht kennst. Hier bekommt ein gesellschaftskritisches Thema (Arbeitslosigkeit im Norden Englands in den 90er Jahren) einen komödiantischen Rahmen.
Ohne Job und um das Sorgerecht für seinen Sohn bangend, weil er den Unterhalt nicht mehr zahlen kann, möchte Gaz mit einer Männer-Stripshow Geld verdienen, nachdem er gesehen hat, wie die Frauen den Chippendales (Abre numa nova janela) die Bude einrennen. Er trommelt also Freunde und Ex-Kollegen zusammen und verspricht vollmundig, sogar komplett blankzuziehen. Das Schicksal nimmt seinen Lauf …
Um die Fallhöhe zu erkennen, die in The Full Monty steckt, muss man wissen, dass Sex in England traditionell ein Tabuthema und Nacktheit so schambehaftet ist, dass man (wenn überhaupt) lieber in Badesachen sauniert. Gaz und seine Freunde lehnen sich mit ihrer Freizügigkeit also ganz schön weit aus dem Fenster. Sollte ihr Plan schiefgehen, wird sie erst recht niemand mehr einstellen – peinlichst gebrandmarkt bis ans Lebensende.
Kreischalarm
Alles, was verboten ist, übt einen starken Reiz aus und verlangt danach, Druck aus dem Kessel zu lassen. Mit Fluchen zum Beispiel kann man sich Luft machen, und an der Wahl der Schimpfwörter könne man ablesen, wo ein Land seine “No-Gos” hat, habe ich mal gelesen. Das englische F-Wort passt da genau ins Bild.
Stripshows erscheinen in diesem Zusammenhang wie ein weiteres Ventil. Ich weiß noch, wie die Chippendales in den 90ern tatsächlich durch England tourten, denn ich war damals viel “drüben”. Wahrscheinlich kann ich mich auch deswegen so gut daran erinnern, weil es überall Thema war. Und weil ich es total befremdlich fand, wie das weibliche Publikum reagierte – The Full Monty ist da ziemlich akkurat!
Eine Karte für die Show war offenbar sowas wie der begehrte Doppel-Null-Status für James Bond: ein Freibrief, etwas zu tun, was sonst nicht erlaubt war. Die Lizenz für Klöten! War das nun Emanzipation? War das Gleichberechtigung? Würde es Frauen weiterbringen? Ich zweifelte stark …
Was das Theaterstück betraf, so zweifelte ich an jenem Abend in Cheltenham allerdings keine Sekunde daran, dass das Theater als Ort kultureller Erbauung auch gewisse Verhaltensregeln mit sich brachte, die ein kultiviertes, interessiertes Publikum selbstverständlich einhalten würde. Außerdem war es ja ein Theaterstück mit Striptease. Kein Striptease mit Theater.

Nun … Ich lag falsch. Und GENAU DESHALB bekomme ich hier wohl auch die Herausforderung, bei DIESEM Stück den Pausenclown zu machen. Herzlichen Dank, Schätzelein! 😉
Ich könne ja auch ein Musical nehmen, gibst du zu bedenken? Ja, das ist tatsächlich sehr verlockend, vor allem wegen des in diesem Zusammenhang vorgeschlagenen Theaters, dem Playhouse. Dort soll es nämlich spuken. Tatsächlich hatte ich selbst bei einem der Wochenenden ein sehr merkwürdiges Erlebnis. Einer der Geister scheint mit Vorliebe Dinge (und Menschen) zu schubsen …
Aber: Wenn ich das hier schon durchziehe, lasse ich mir als Pausenclown doch nicht die Show von Geistern stehlen! Ich mache doch keine halben Sachen! Ganz oder gar nicht, heißt die Devise.
The Full Pionty
Entsetzt starrte ich auf mein Smartphone. Wie war ich nur in diesen Albtraum geraten? Alles hatte relativ harmlos angefangen. Herausfordernd, aber harmlos:
“Wenn wir überleben wollen”, hatte mir der Theaterdirektor erklärt, “müssen wir ein paar Dinge anders machen. Wir werden künftig auch Stücke auf Englisch aufführen, die Touristen anziehen. Und ich möchte hier jemanden haben, den es so kein zweites Mal gibt. Eine Show in der Show. Eine Art Pausenclown.”
“Und, öh, das soll ich sein?”, hatte ich ungläubig nachgefragt. Eigentlich war ich in dem kleinen Privattheater nämlich für den Einlass zuständig. Aber dann war Kurt – so hieß der Direktor – aufgefallen, dass ich gut mit den Gästen konnte. Ich begegnete ihnen freundlich und humorvoll, brachte sie zum Lächeln.
Dass ich fließend Englisch sprach, war ein guter Grund mehr gewesen, mich zu befördern. Aber nun mal Butter bei die Fische: Sollte ich mit Pappnase, riesigen Schuhen und Blume im Knopfloch den Entertainer mimen? Oder wie hatte mein Chef sich das vorgestellt?
Die Anspannung in der Magengegend hatte sich etwas gelegt, als Kurt meinte, ich sei in der Ausgestaltung völlig frei. Ich hatte daraufhin eine kurze, verzweifelte Findungsphase durchgemacht, bei der ich erkannte, dass mit Bordmitteln kein Blumentopf zu gewinnen war:

Außerdem liebte ich Veränderungen. Ich mochte nicht drei Tage hintereinander das Gleiche essen oder beim Spaziergang immer denselben Weg einschlagen. Im Fitnessstudio langweilte mich das Gerätetraining, weil es wenig Abwechslung bot. Ich ging lieber in die Kurse und probierte Neues aus.
Warum also immer dasselbe Kostüm tragen, immer dieselbe Figur verkörpern? Was, wenn Kurts Clown sich dem jeweiligen Stück anpasste? Drinstecken würde ja trotzdem ich, sein USP: Unique Smiling Piontek! Hmm, ein Künstlername?

Meinen ersten Einsatz hatte ich bei einem Stück, das als Kassenschlager galt: The Full Monty. Kurt versprach sich viel davon, plante es gleich für knapp drei Monate ein und setzte vollstes Vertrauen in mich. Und ich? Wollte ihn natürlich keinesfalls enttäuschen.
Ich hatte ja keine Ahnung, was mir blühte, denn ich hatte meine Rechnung ohne Junggesellinnenabschiede und englische Touristinnen gemacht!