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Nadine

Christine Piontek sitzt in einem Blumenbeet. Ankündigung der Geschichte "Nadine" als kostenlose Leseprobe für die Piontextchen in der umgebenden Schrift.
Foto: Mira Mikosch

Nadine seufzte. Jetzt war ihr auch noch der Schutz des Wattenmeeres auferlegt worden. Die Verantwortung für zwei Kinder, den Haushalt und die Patienten der Arztpraxis, in der sie arbeitete, war offenbar noch nicht genug. Ganz zu schweigen von Frau Huber, die nebenan wohnte und hin und wieder als Babysitter für Yannick und Louise einsprang. Zumindest noch, denn langsam machte sich ihr Alter bemerkbar. Wie schwer konnte es sein, eine Pflegekraft zu finden? Bis es so weit war, würde Nadine Frau Huber hier und da unter die Arme greifen – im wahrsten Sinne des Wortes.

Hoffentlich kam Frau Huber klar, während sie weg war! Zwangsweise und sehr ungern, wohlgemerkt. Hier untätig herumzuliegen, war schwer zu ertragen. Noch dazu juckte das rechte Bein unter dem Gips, und wenn Nadine sich aufsetzte, durchzuckte ein stechender Schmerz ihren Brustkorb. Immerhin war die Gehirnerschütterung abgeklungen. Und die Kinder waren bei den Großeltern in Sicherheit.

Warum zum Teufel musste Yannick auch seinen Teddy auf dem Spielplatz verlieren? Ohne ihn konnte er nicht einschlafen. Nach einer Stunde Gezeter hatte sie Frau Huber gebeten, ein paar Geschichten vorzulesen, und sich dann in der Dämmerung auf den Weg gemacht, um den verdammten Bären zu suchen.

Weit war sie allerdings nicht gekommen, denn auf der Bank an der Schaukel, wo das Plüschtier zuletzt gesichtet worden war, hatten zwei Männer gesessen. Einer bärtig, mit Nickelbrille und kurzem blonden Haar, der andere kahlköpfig, mit Stiernacken und Anzug. Nadine sah sie wieder genau vor sich: Selbst von hinten und im Profil hatte keiner von beiden so gewirkt, als ob das innere Kind nach einem langen Arbeitstag nochmal rutschen wollte. Reflexartig war sie hinter einem Busch in Deckung gegangen.

„Wir werden die Riffe einfach aus der Karte verschwinden lassen“, hatte die Nickelbrille geraunt. „Dann können Sie den Stempel unter die Genehmigung setzen. Sobald Sie uns das Go für die Bohrungen im Wattenmeer geben, fließt Ihr Geld auf sicherem Weg in die Karibik. 30 Prozent direkt, weitere 30, sobald die Plattform steht, der Rest bei Förderbeginn.“

„Nie wieder Ebbe, zumindest nicht in der Kasse“, hatte der Stiernacken geflachwitzelt. Nadine hatte sein selbstgefälliges Grinsen förmlich spüren können, während sie ihr Smartphone zückte, um ein Video zu machen. Diese Mistkerle durften auf keinen Fall ungeschoren davonkommen, hatte sie sich geschworen! Profitgierig, korrupt und ...

Da war es passiert: Beim Versuch, eine möglichst unverbuschte Sicht zu bekommen, war sie auf ein Stöckchen getreten, das laut protestierend zerbrach. Vor ihr fuhren zwei Köpfe herum. Sie hatte in Gesichter geblickt, die alles andere als erfreut in die Kamera schauten. Einerseits prima, die feinen Herren würde man nun einwandfrei identifizieren können. Andererseits natürlich ...

Langsam war die Nickelbrille aufgestanden. Ob der Kerl eine Waffe hatte? Sie hatte sich entscheiden müssen: Hier und jetzt geschnappt werden und womöglich auf der Stelle das Zeitliche segnen? Oder rennen und hoffen, dass sich das Lauftraining auszahlte?

FÜR-DIE-FI-SCHE-FÜR-DIE-FI-SCHE! Der Rhythmus des Mantras, das ihr in den Kopf geschossen war, hatte sie angetrieben. Runter zum Kanal! Bleib fokussiert! Spring von der Böschung auf die Promenade und renn unter der Brücke durch zur Polizei! So der Plan, intuitiv gefasst und ziemlich gut eigentlich.

Der dazugehörige Haken hatte sich Sekunden später in einer Wurzel offenbart. Ein Stolpern, gefolgt von einem Fall, einem Knacken, welches dasjenige des Stöckchens eindrucksvoll übertraf, und höllischen Schmerzen im Bein. Das Smartphone war neben ihr zu Boden gegangen, aber heil geblieben. Kindgerecht gepuffert, halleluja! Die Notruf-App auslösen! Geschafft! Dann Schwärze.

Die gebrochenen Rippen, so hatte sie später erfahren, seien die Folge massiver Tritte gegen ihren Brustkorb. Und ihre Kopfverletzung sei auch nicht allein durch den Sturz aus zwei Metern Höhe zu erklären. Der mutmaßliche Verursacher war beim Eintreffen der Hilfskräfte unerkannt geflüchtet.

Schon krass, wie schnell man zur einzigen Zeugin in einem Fall von nationaler – ach was! – globaler Tragweite werden konnte. Den Stiernacken hatten sie dank des Videos als hochrangigen Beamten einer Landesbehörde identifiziert. Aber das war schon alles. Sie musste aussagen! Es ging hier nicht nur ums Prinzip, sondern auch um ein UNESCO-Welterbe, Biotope am Meeresgrund und eine Artenvielfalt, die ein Konzern mit Füßen trat! Ermittler, Anwälte und Umweltschützer zählten auf sie und ihre Erinnerung, von der die Gegenseite sicherlich behaupten würde, sie hätte beim Sturz gelitten. Aber nix da! Alles, was bis zum Auslösen des Notrufs passiert war, hatte sich in ihr Gedächtnis eingebrannt. Dafür hatten Wut und Angst gesorgt.

Nadine dachte an Seehunde, Schollen und Garnelen, Muscheln, Schweinswale und Kegelrobben, an Quallen, Heringe, Wattwürmer und den letzten Nordseeurlaub, an das unbeschwerte Lachen ihrer Kinder, an Fischerboote, die auf den Wellen wippten. Sie hoffte, dass es für sie alle eine Zukunft gab und spürte, wie sich ihr Magen unter dem Druck der Verantwortung verkrampfte. Prompt knurrte es verdächtig in ihrem Bauch. OK, Hunger hatte sie auch. Von der Krankenkost hier wurde man halt einfach nicht satt, und der Gedanke an Fisch war da dummerweise nicht gerade förderlich. Was würde sie jetzt für ein leckeres Matjesbrötchen geben! Sie würde Pim darum bitten, nahm sie sich vor. Und bei diesem Gedanken machte ihr Herz einen Hüpfer ...

Pim war eine der Wachen, die rund um die Uhr vor ihrem Krankenzimmer aufpassten, dass ihr nichts passierte. Denn Nickelbrille würde vermutlich jemanden schicken, der zu Ende brachte, was er begonnen hatte. In drei Schichten wechselten sie sich deshalb ab. Sie alle waren nett, doch Pim war netter. Pim brachte ihr guten Kaffee, versorgte sie mit Vitaminen in Form von Obst, knackigem Salat und frisch gepressten Säften und merkte sogar, wenn sie Schmacht auf einen Döner hatte. Sie mochte seine freundlichen Augen und das spitzbübische Lächeln, bei dem kleine Grübchen auf seinen Wangen erschienen. Mit seinem trockenen Humor brachte Pim sie zum Lachen, was Nadine in ihrer aktuellen Situation zu schätzen wusste. Und er war - genau wie sie – geschieden, meinte sie zwischen den Zeilen herausgehört zu haben und hoffte inständig, dass sie richtig lag. Wenn das alles vorbei war, würde sie ihren Mut zusammennehmen und Pim um ein Date bitten. Ein weiterer Grund, diesen ganzen Mist hier durchzustehen ...

Tumult im Flur riss Nadine aus ihren Gedanken. Dann ein dumpfes Geräusch. Die Tür zu ihrem Zimmer öffnete sich langsam und ohne vorheriges Klopfen. Pim konnte das nicht sein, der war schließlich ein Gentleman! Pim hatte auch keine Zahnlücke, so wie der Typ, der jetzt mit schmierigem Grinsen auf das Fußende ihres Bettes zukam und dabei einen Hauch kalten Zigarettenrauchs vor sich hertrieb. In seiner rechten Hand hielt er eine Waffe, und soweit Nadine aus Krimis wusste, war das vorne drauf ein Schalldämpfer. Das war’s dann wohl! Sorry, Nordsee! Yannick, Louise ...

„Nadine“, gurrte der Fremde. „Was für ein schöner Name. Er bedeutet Hoffnung. Wusstest du das?“ Natürlich wusste sie das! Hielt er sie für blöd? „Es ist schon komisch“, fuhr er fort. „Du bist wirklich die Hoffnung in Person. Eine Menge Leute hoffen, dass dir nichts passiert. Andere wiederum hoffen, dass dir was passiert. Währenddessen liegst du hier und hoffst, dass du bald wieder gesund bist und raus kannst. Zu deinen Kindern ...“ Hier machte der Kerl eine bedeutungsvolle Pause und beäugte Nadine, die spürte, wie ihr der Atem stockte. Lass Yannick und Louise aus dem Spiel! „Du hoffst, dass du aussagen und mächtige Menschen in den Knast bringen kannst, um ein paar läppische Fische zu retten.“ Nadine merkte, wie erneut Wut in ihr hochstieg. „So viel Hoffnung! Wie wäre es zur Abwechslung mal mit Gewissheit?“

Nadine platzte der Kragen. „Gerne! Du bist ein Arschloch und gehörst ganz gewiss hinter Gitter. Genau wie deine Drecksbande und die Typen, die ihr schmiert. Und du kannst dir sicher sein, dass ich alles tun werde, damit ihr da landet!“

Der Fremde lachte ein kehliges Lachen. „Wie sicher? So sicher wie das Amen in der Kirche? Oder so sicher wie der Tod?“, fragte er und hob die Waffe. „Adieu, Hoffnung!“

„Einen Moment noch!“ Die Stimme klang vertraut. „Du vergisst da etwas!“ Was das war, schien den Killer jedoch nicht zu interessieren. Er fuhr herum, zielte – und sackte wie in Zeitlupe zu Boden. Pim, der im Türrahmen stand, war schneller gewesen. „Die Hoffnung stirbt zuletzt! Das Sprichwort kennst du sicher auch.“

Pim vergewisserte sich, dass er den Killer ausgeschaltet hatte, nickte Nadine zu und verschwand im Flur, von wo aus Stimmengewirr zu ihr herüberdrang. Sie sah medizinisches Personal, das jemanden versorgte, der am Boden lag. „Wird er es schaffen?“, hörte sie Pim fragen. Er klang angespannt. Dann: „Halte durch, Kumpel!“

Nadine bekam mit, wie Pim Verstärkung anforderte, bevor er zurück ins Zimmer kam. „Alles OK?“, fragte er mit sorgenvoll gefurchter Stirn. Sie nickte nur. „Dann bin ich froh. Sehr froh! Matjesbrötchen?“ Pim griff in eine Tüte. „Magst du keine Matjesbrötchen? Du schaust so entgeistert.“ Diesmal schüttelte sie den Kopf und lachte. „Nein. Aber offenbar kannst du Gedanken lesen.“

Ihr Gegenüber lächelte sein bezauberndes Lächeln. Jetzt oder nie! „Du? Wenn ich hier raus bin, darf ich dich dann mal zum Essen einladen? Ich möchte mich gerne revanchieren,“ hörte Nadine sich fragen. Pim zögerte. „Nein“, sagte er dann – und zwinkerte ihr zu. Was? Dann dämmerte es ihr. „OK. Vergiss das mit dem Revanchieren. Ich möchte dich gerne wiedersehen.“ Pim grinste. „Das klingt schon besser. Aber vorher rettest du noch das Wattenmeer, damit ich mich beim Essen entspannen kann. Abgemacht?“ „Und bis dahin passt du auf mich auf?“ „Klar“, sagte Pim. Was übrigens die Abkürzung von Willem war und entschlossener Beschützer bedeutete. Das hatte der Killer wohl nicht gewusst. „Abgemacht!“, sagte Nadine.

ENDE

Warum Nadine?

„Nadine“ habe ich im Spätsommer 2024 geschrieben, um die Geschichte für den 1. CarpeGusta Literatur Award einzureichen. Gesucht wurden Texte voller Hoffnung mit maximal 10.000 Zeichen. Mein Text hat 9.999 Zeichen 🥳.

Bis November saß ich dann auf heißen Kohlen. Nicht nur Nadine war voller Hoffnung, auch ich. Ob ich wohl gewonnen hatte?

Leider nicht. Dieses Glück wurde Prof. Dr. Peter Baeumle-Courth mit „Die kleine Echse“ zuteil. Herzlichen Glückwunsch!

Das ändert aber rein gar nichts daran, dass mir das Schreiben viel Spaß gemacht hat. Ich liebe es, nach einem Satzanfang einfach weiterzuschreiben oder mir zu einem Thema Gedanken zu machen. Am liebsten verpacke ich das Ganze dann mit einer Prise Humor.

Das ist auch das Prinzip der Piontextchen! Und dieser Satzanfang oder das Thema – das kommt von dir! Zum Beispiel, indem du an der Abstimmung im Newsletter mit meinem Monatsrückblick teilnimmst.

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