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Was in deinem Gehirn passiert, wenn du lügst

Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute geht darum, wie aufwendig Lügen für unseren Kopf wirklich ist.

Collage im Comic-Stil mit Zeitungsauschnitten im Hintergrund und einer gezeichneten, verzerrten Person in der Mitte
KI-generiert mit Midjourney.

Du sitzt in einem Bewerbungsgespräch. Deine hoffentlich zukünftige Chefin fragt dich: „Haben Sie schon mal ein Projekt nicht fertiggestellt?“ Du zögerst. Natürlich hast du das. Vor einigen Wochen erst, als der Kunde sich so daneben benommen hat. Aber wie kommt das denn an, wenn du das hier offen erzählst? Du lügst: „Eeehm, nein, da fällt mir gerade spontan keins ein.“

Eine harmlose Notlüge, aber du spürst es sofort: ein kurzes Kribbeln, dein Körper ist noch angespannter als sowieso schon. Und bist du gerade rot geworden? Ne, bestimmt nicht.

Auch dein Gehirn läuft auf Hochtouren. Und obwohl es dir gelingt, glaubwürdig zu wirken – es war anstrengend. Komisch eigentlich. Warum ist Lügen so viel schwerer als die Wahrheit zu sagen?

Machen wir uns nichts vor: Lügen gehört zu unserem Alltag. Meine ehemalige Krautreporter-Kollegin Esther Göbel hat mal versucht (Abre numa nova janela), eine Woche lang radikal ehrlich zu sein, also gar nicht zu lügen. Nach fünf Tagen hat sie das Experiment abgebrochen: „Ich war so müde und erschöpft vom Ehrlichsein, dass ich beschlossen habe, den Wert der Diplomatie über den der steten Ehrlichkeit zu stellen“, schreibt sie.

Aber was passiert da eigentlich im Kopf, wenn wir lügen? Warum wird es mit der Zeit einfacher? Sieht man dem Gehirn an, ob es gerade lügt? Könnte man solche Tests vor Gericht verwenden? Und wenn Esther es nicht mal eine Woche lang ausgehalten hat, nur die Wahrheit zu sagen, ist Lügen dann etwa der Normalzustand? Schauen wir uns die menschliche Ur-Sünde mal aus der Perspektive desjenigen an, der für sie verantwortlich ist: dem Gehirn.

Lügen ist anstrengend

Auf den ersten Blick scheint Lügen ganz einfach: Man sagt etwas, das nicht stimmt. Doch neurokognitiv ist das gar nicht so selbstverständlich. Denn Lügen heißt nicht nur, etwas Falsches zu sagen; es heißt, die Wahrheit aktiv zu unterdrücken. Das erfordert eine Reihe von exekutiven Funktionen, die allesamt eng mit dem präfrontalen Kortex (natürlich) verbunden sind:

  • Hemmung (man darf die Wahrheit nicht aussprechen),

  • Arbeitsgedächtnis (man muss die Lüge erinnern und durchhalten),

  • und kognitive Kontrolle (man muss sich daran erinnern, was man wem gesagt hat).

Kurz gesagt: Die Wahrheit ist das, was spontan auf der Zunge liegt. Die Lüge muss das Gehirn konstruieren, bewerten, einordnen und überwachen. Das macht sie anstrengend. Nicht nur moralisch, sondern biologisch.

Diese Areale lügen andere an

fMRT-Studien (du weißt: die mit den ratternden Röhren) haben über die letzten zwei Jahrzehnte ein klares Muster gezeigt: Wenn wir lügen, leuchtet ein gut abgestimmtes Netzwerk im Gehirn auf. Besonders stark aktiviert wird der dorsolaterale präfrontale Kortex (DLPFC), ein Bereich, der wichtig ist für Planung, Problemlösen und Arbeitsgedächtnis. Gleichzeitig zeigt sich Aktivität im anterioren cingulären Kortex (ACC), der Konflikte registriert und kontrolliert, ob unser Verhalten mit unseren inneren Zielen übereinstimmt. Auch parietale Areale (z. B. der inferiore Parietallappen) sind beteiligt. Sie helfen, Informationen aus verschiedenen Quellen zu integrieren. Und nicht zu vergessen: emotionale Zentren wie die Amygdala und der temporale Pol, die besonders dann aktiv werden, wenn es moralisch heikel wird.

Eine besonders aufschlussreiche Studie (Abre numa nova janela) stammt aus dem Jahr 2016. Die Forscher:innen wollten wissen: Aktiviert das Gehirn beim Lügen dieselben Areale, egal, ob es um Meinungen oder persönliche Erinnerungen geht? Und was passiert in der Vorbereitung im Kopf, also bevor man überhaupt lügt?

Die Teilnehmenden wurden gebeten, im fMRT entweder die Wahrheit zu sagen oder zu lügen; über ihre eigenen Erlebnisse und über persönliche Überzeugungen. Die Ergebnisse: Sowohl beim Lügen über Meinungen als auch über Erinnerungen zeigte sich verstärkte Aktivität in präfrontalen und parietalen Arealen. Doch bei autobiografischen Lügen wurden zusätzlich die Amygdala, der precuneus und der rechte temporale Pol aktiviert – Areale, die emotionale Tiefe und Selbstbezug verarbeiten. Daraus lässt sich jetzt aber nicht sonderlich viel ableiten. Spannender war deshalb: Das Gehirn unterschied klar zwischen Vorbereitung und Ausführung der Lüge. In der Vorbereitungsphase waren andere Areale aktiv als beim eigentlichen Lügen. Das heißt: Schon bevor die Lüge gesprochen wird, ist das Gehirn in einem anderen Modus. Der Wahrheit zu widersprechen, beginnt lange vor dem ersten Wort.

Dein Gehirn gewöhnt sich ans Lügen, wenn du es immer wieder tust

Neurowissenschaftlich ist Lüge nicht gleich Lüge. Es macht einen Unterschied, ob wir spontan lügen („Ich habe bisher immer alle Projekte beendet!“), ob wir planen („Ich sage nächste Woche einfach, ich war krank …“) oder ob wir aus Selbstschutz, aus Mitgefühl oder aus Kalkül lügen.

2017 zeigten (Abre numa nova janela) Forschende, wie sich altruistische und egoistische Lügen auf das Gehirn auswirken. Teilnehmende logen entweder für den eigenen Vorteil, zugunsten einer wohltätigen Organisation oder für beide. Die Ergebnisse zeigten: Egoistische Lügen führten zu stärkeren Signalen für moralische Konflikte im Gehirn. Altruistische Lügen dagegen zeigten weniger neuronale Hemmung, dafür aber stärkere Aktivierung im Belohnungssystem. Die Motivation hinter der Lüge verändert also, wie das Gehirn sie verarbeitet.

Eine etwas beunruhigende Entdeckung: Je öfter man lügt, desto weniger reagiert das Gehirn auf den moralischen Konflikt. In einer Studie (Abre numa nova janela), die im Nature-Magazin veröffentlicht wurde, zeigten die Forschenden, dass bei wiederholtem Lügen die Aktivität in der Amygdala abnimmt, also in jenem Zentrum, das emotionale Warnsignale sendet. Mit anderen Worten: Wer oft lügt, spürt es immer weniger. Die emotionale Bremse wird leiser. Das Gehirn gewöhnt sich. Und genau das macht Serienlügen (im Alltag, in Beziehungen oder in der Politik) so gefährlich: Sie kosten mit der Zeit immer weniger Skrupel.

Sieht man dem Gehirn an, ob es lügt?

Die Idee klingt nach Sci-Fi, ist aber ganz realer Forschungsgegenstand: Könnten wir mit einem Blick ins Gehirn erkennen, ob jemand die Wahrheit sagt? Und wenn ja – wie verlässlich wäre das? Mal als Folge der Netflix-Serie Black Mirror gedacht: Könnten beim Kanzlerduell die Gehirne der Kandidat:innen irgendwann an Geräte angeschlossen sein, die den Zuschauer:innen live mitteilen, ob gerade gelogen wird oder nicht? Auch für Gerichtsprozesse wäre das eine spannende Frage.

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