Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute geht es um Warteschlangen und Stress als Standard.
Ich wohne seit fast eineinhalb Jahren fünf Minuten vom Hamburger Hauptbahnhof entfernt. Das hat viele Vorteile. Da ich regelmäßig für die Arbeit nach Berlin fahren muss, spare ich gut Zeit, wenn ich erst zehn Minuten vor Abfahrt des Zuges aus der Tür stolpere. Und: Wenn ich mal Sonntags merke, dass ich gar nicht mal so viel im Kühlschrank habe, kann ich schnell zum Edeka im Hauptbahnhof rennen. Denn der hat auch Sonntags auf (und an Feiertagen!).
Neulich ist genau dieses Szenario eingetreten. Ich war mit einer Freundin verabredet, wir wollten kochen und ich sollte die Zutaten für die Lasagne mitbringen. Das ist mir dann Sonntag nach dem Frühstück auch eingefallen. Ich hab mich also auf den Weg zum Immer-auf-Edeka gemacht. Und mit mir anscheinend auch jeder zweite Hamburger. Als ich ankam, habe ich nicht mal das Ende der Kassenschlange gesehen. Sie ging einmal durch den ganzen Laden, bis nach hinten zur TK-Pizza. Uff. Egal, ich hatte keine Wahl. Und vor allem hatte ich auch nichts weiter vor. Ich hatte richtig Zeit zu warten.
Aber trotzdem. Als ich da in der Schlange stand, hatte ich mindestens dreimal das Bedürfnis, jemanden vor mir in der Reihe an zu schreien. Es ging so verdammt langsam vorwärts. Was machen die da vorne überhaupt? Wird hier noch kassiert oder macht Edeka jetzt doch schon zu?
Ich begann sogar zu schwitzen. Dabei war es nicht mal sonderlich warm. Es war purer Stress. Das einzig Gute daran war, dass ich nach dem Kassieren eine weitere Idee für diesen Newsletter hatte. Denn natürlich wollte ich wissen, warum Warten mich (und viele andere) so stresst. Schauen wir uns an, was ich herausgefunden habe.
Dein Gehirn bereitet dich mit massiver Energie auf das Kommende vor
Die Basis meiner Frustration lag darin, wie mein Kopf Erwartungen verarbeitet. Eine Meta-Analyse (Abre numa nova janela) von 50 fMRT-Studien konnte zeigen, dass unser Gehirn während der Antizipation von Belohnungen oder Verlusten ein überlappendes neuronales Netzwerk aktiviert. Zu diesem System gehören das Striatum, die Insula, die Amygdala und der Thalamus. Was ich faszinierend finde: Dieses System initiiert Motivationsprozesse vollkommen unabhängig davon, ob das Ergebnis positiv oder negativ bewertet wird.
Dein Gehirn bereitet dich also mit massiver Energie auf das Kommende vor, egal ob es ein Schokoriegel ist oder eine Standpauke. Während du wartest, läuft dein System auf Hochtouren, weil es die Phase der Erwartung als Vorbereitung auf ein Ergebnis wertet, und das erfordert eine enorme neuronale Aktivität.
Ist Stress unser Standard?
Um zu verstehen, warum uns das so fertig macht, müssen wir uns die Generalized Unsafety Theory of Stress (GUTS) angucken. Sie besagt (Abre numa nova janela) etwas durchaus Radikales: Stress ist der Standard. Unsere Stressreaktion wird nicht erst erzeugt, wenn Gefahr droht. Sie ist subkortikal immer da. Normalerweise wird dieser Default-Zustand durch das Wahrnehmen von Sicherheit aktiv gehemmt.
Hier kommt unser ventromedialer präfrontaler Cortex (vmPFC) ins Spiel. Er hält die Amygdala gewissermaßen unter Kontrolle. Solange er als Bremse funktioniert, bleibt die Stressreaktion gedämpft. Die Grundidee ist: Stress muss nicht erst ausgelöst werden. Er ist eher im System angelegt und kommt dann zum Vorschein, wenn die Bremse versagt.
Sobald du ungewiss bist – über die Sicherheit oder die Wartedauer –, fällt diese Hemmung weg, die Bremse versagt. Und dein Gehirn entscheidet im Zweifel immer für die Vorsicht. Das Fehlen von Sicherheitsinformationen wird als Bedrohung interpretiert und wir sind gestresst.
Die Zeit-Illusion: Warum 5 Minuten ohne Info länger dauern als 15 mit Anzeige
Wir sind aber nicht bei allen Situationen, in denen wir warten müssen, gleich gestresst. Am Bahnhof zum Beispiel warte ich teilweise genüsslich auf meinen Zug und nippe entspannt an meinem Kaffee. Unter anderem, weil oben angezeigt wird, wie lange ich noch warten muss. Diese Anzeige ist ein Sicherheitssignal.
Die Info „Nächster Zug in 15 Minuten“ erlaubt deinem vmPFC, die Stressreaktion wieder effektiv zu hemmen. Das Ende der Ungewissheit ist definiert, die Vorhersage-Maschine in deinem Kopf beruhigt sich. Fehlt diese Info jedoch – klassischerweise bei Störungen im Betriebsablauf ohne Zeitangabe –, bleibt die Stressreaktion aktiv. Da dein Gehirn keine sicheren Zonen identifizieren kann, in denen es entspannen könnte, steigt die physiologische Belastung erstmal an.
Jetzt könntest du einwenden: Bei so einer Supermarktkasse sieht man ja auch, wie lange es noch ungefähr dauert. Die Schlange schrumpft, man sieht, wie viele noch vor einem stehen. Das stimmt, aber bei Edeka im Hauptbahnhof ging es gefühlt GAR NICHT VORAN! (Sorry.)
Muss heute mit der Deutschen Bahn vom Berlin nach Hamburg fahren und aus irgendeinem Grund finde ich, dass der heutige Newsletter besonders gut dazu passt: Dein Bent 🫶🏻🧠
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