Spätestens seitdem ich in einer Kleinstadt in Thüringen wohne, habe ich ganz oft mehr als wehmütig in Richtung Leipzig oder Berlin geschaut, eigentlich in Richtung jeder einigermaßen linken Großstadt, weil es dort ständig irgendwelche Demos und Aktionen gibt, während ich mit ganz viel Arbeit 10 Leute finde, die hin und wieder mal die Montagsdeppen ärgern und eine #FreeMaja-Soli-Demo trotz Mobiversuchen in die umliegenden Orte ganze 21 Menschen auf den Plan ruft. Der Mythos von abendlichen Spontis mit Schlauchschal, Pyro im Dunkeln oder gar hin und wieder mal einer brennenden Mülltonne hat Sehnsucht geweckt und mich zu Hause auf dem Sofa manchmal echt traurig gemacht.
(Abre numa nova janela)Das galt natürlich auch - und mit Blick auf die „revolutionäre 1.Mai“-Demo in Berlin - ganz besonders für diesen „Kampftag der Arbeiter*innen.“ Wir leben inzwischen ja nun auch in Zeiten, in denen Kampf wirklich angesagt sein sollte, von einer Revolution ganz zu schweigen. Wenigstens ein bisschen mehr Ernsthaftigkeit für unsere eigenen Begriffe, Slogans und Aufrufe sollte mensch doch endlich erwarten können. Wer das tut, wird aber bitter enttäuscht. Ob es an mir liegt und meiner inzwischen nicht mehr funktionierenden Hopiumpfeife, der kaputten rosa-roten Brille oder meinem teilweise schon beißenden Zynismus, sei dahingestellt. Fakt ist, ich kann und möchte die Realität eines viel zu großen Teils linksradikaler Praxis nicht mehr schönreden.
Linksradikale Perfomance
Demo- und Protestaufrufe lassen mich kopfschüttelnd zurück, die Berichterstattung (wohl gemerkt unsere eigene) über diese „Ereignisse“ machen mich sauer. Wir verarschen uns selbst und mir scheint, wir wollen auch nichts anderes mehr, als unsere eigenen Lügen von riesigen Mobilisierungserfolgen und pseudorevolutionären Events glauben. Ich schaue noch immer mehr als wehmütig und mit einer großen Sehnsucht raus einer meiner Kleinstadt. Aber ich schaue nicht mehr nach Leipzig oder Berlin. Ich schaue z.B. nach Peru, Chile, Mexiko, Nepal, Tschechien, vielleicht noch Frankreich und viel zu oft in der Zeit zurück, als Proteste noch Proteste und keine Aktionen waren. Dabei verliere ich die Konsequenzen und den Preis, den Menschen dafür zahlen müssen nicht aus den Augen. Mein Blick und meine Sehnsucht richten sich aber auf die Ernsthaftigkeit, den unbedingten Willen zu und den Glauben an Protest und seine Wirksamkeit. Ernsthaftigkeit und Wirksamkeit, beides fehlt in deutscher linksradikaler Praxis völlig, während der Preis trotzdem stetig steigt, egal, was wir uns einreden wollen. Ja, ich bin frustriert und dabei bin ich durchaus hin und wieder zu haben für Protest und Aktion um der Aktion Willen, um ein Gemeinschaftsgefühl zu zelebrieren und kurzfristig kleine Erfolge erringen. Das brauchen wir. Das tut gut. Daran ist nichts auszusetzen. Aber wenn das alles ist, reicht es eben nicht. Es reicht mir nicht. Demos und Aktionen sind angekündigte Shows, inszeniert, um sich selbst zu feiern und denen, die es noch glauben wollen, Revolution und Radikalität vorzuspielen, wenn im besten Fall Rauchtöpfe im Rhythmus dröhnender Punkmusik gezündet werden und Front- und Seitenbanner vom Klassenkampf träumen. Reicht euch das wirklich? Ist es das, wozu unser Kampfeswillen und Anspruch verkommen sind und geben wir uns damit tatsächlich zufrieden?
Es geht auch anders
Es gibt sie und ich glaube sogar, die Zahl wächst: die Zahl kleiner, tatsächlich wütender, kraftvoller Ein- und Angriffe und von Sabotageaktionen. Die retten natürlich nicht Welt, weil es noch immer zu wenige sind, aber immerhin meinen sie es ernst und sorgen für tatsächlich disruptive Eingriffe und Unberechenbarkeit. Solche Aktionen haben tatsächlich allen Grund, sich vor Repressionen schützen zu müssen, aber problematisch für ihre Sichtbarkeit ist noch ein anderer Punkt: hinter diesen Dingen stehen keine (vermeintlich) „linksradikalen“ Akteur*innen mit Kampagnen und einer PresseAG, die für entsprechende Sichtbarkeit sorgen. Im Gegenteil! Oft werden solche Aktionen auch im linksradikalen Kontext nicht mal aufgegriffen und verbreitet, um ihre Sichtbarkeit zu erhöhen oder die Argumente hinter Sabotageaktionen usw. zu vermitteln. Es herrscht Schweigen, da linksradikale Akteur*innen gezähmt wurden von Aktionskonsens, eigenen Kadern, die auf NGO-Jobs sitzen und dem über allen stehenden Streben nach „Mehrheiten“ und gesellschaftlicher Akzeptanz. Konformität für Masse hat im aktuellen Zustand linksradikaler Performance schon längst gesiegt über Ecken und Kanten für Wirksamkeit und dabei sollte es genau andersrum sein. Linksradikale Aktionen, die diesem Anspruch gerecht werden, führen bezogen auf ihre Wahrnehmung ein Schattendasein auf indymedia (Abre numa nova janela), Seiten wie die der anarchistischen Förderation (Abre numa nova janela) & Co. und gehen dadurch allzu oft unter. Zumindest daran können wir alle etwas ändern: haltet Augen und Ohren offen, teilt entsprechende Beiträge, statt zum xten-Mal z.B. IL-Beiträge, die kaum noch mehr enthalten als „man sollte, könnte, müsste“. Sorgt für Sichtbarkeit, diskutiert (gerne auch kritisch) entsprechende Aktionen und Beiträge, statt auf Floskeln und Worthülsen reinzufallen, die überall präsent sind.
Manchmal kommt ein bestimmtes Gefühl vor den entsprechenden Handlungen, manchmal braucht es auch erst dieses bestimmte Gefühl. Und wenn wir Handlungen nicht erzwingen können, können wir aber helfen, ein Gefühl entstehen zu lassen, ein Knistern, damit der Funke überspringt. Dafür braucht es Sichtbarkeit für die oben erwähnten kleinen, wütenden Aktionen, für disruptive Eingriffe und alles, was nicht in einen allgemeingültigen Konsens gezwängt ist, was ausbricht aus dem konformen Einheitsbrei der sogenannten Linksradikalität. Diese Aufgabe sollte für uns alle eine lösbare sein.
Und um nun zum Ende nochmal auf die Überschrift zurückzukommen: Alle raus zum 1. Mai? Für mich dieses Jahr nicht und die fehlende Möglichkeit einer Demo in meiner Kleinstadt ist nur 1 Grund dafür. Zum ersten Mal hatte ich dieses Jahr keine Sehnsucht nach Berlin, Leipzig oder sonst einer Stadt mit Demo. Zum ersten Mal wollte ich nicht Teil dieser Show sein und zum ersten Mal war es für mich völlig in Ordnung, stattdessen mit dem Hund einen extra langen Spaziergang zu machen. Die Revolution muss auf mich warten an diesem 1. Mai, weil ich an allen anderen 364 Tagen eines Jahres auch auf sie warten muss, vergeblich.
