Hopeless vs. hope less
Im Zuge des aktuellen Entstehens einer Kollapsbewegung sehen wir uns immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, eine hoffnungslose Grundstimmung zu propagieren. Kollaps sei ein zu schwerer und großer Begriff, zu pessimistisch, zu dunkel, zu viel dies und zu wenig das.
Einerseits bitte ich euch in diesem Fall immer darum, doch bitte zunächst die Interviews und Berichterstattung zum Kollapscamp (Abre numa nova janela) zu lesen, ebenso wie meinen und Tadzios Blog (Abre numa nova janela), die sich immer wieder mit unserem Verständnis dieses Begriffes beschäftigen und deutlich zeigen, dass das Gegenteil der Fall ist und Kollapsbewegung, in unserem Fall das solidarische Preppen, nichts mit Aufgeben, ja nicht einmal mit Hoffnungslosigkeit zu tun hat.
Anerkennung der Realität ≠ Pessimismus
Andererseits muss ich aber sagen, ein bisschen mehr Kollapsbewusstsein als Anerkennung der Realität und ein bisschen weniger (unrealistische) Hoffnung stünde uns angesichts der multiplen Katastrophenszenarien, die uns inzwischen nicht mehr nur in den Schlagzeilen aus dem Rest der Welt begegnen, sondern auch in den vermeintlich kleinsten Dingen des Alltags unübersehbar sind, gut zu Gesicht.
Kollapsbewusstsein hat für mich nichts mit Pessimismus zu tun, sondern mit der Anerkennung der oft brutalen Realität, die natürlich durchaus dazu geeignet ist, Hoffnung zu verlieren bzw. sie aktiv aufzugeben. Hoffnung ist nämlich ebenfalls ein schwerer und großer Begriff. Seine Verwendung wird allerdings kaum kritisiert, denn er vermittelt ein vermeintlich gutes Gefühl, das in meinen Augen nicht positiv, sondern trügerisch ist. Darum, sich gut zu fühlen mit den eigenen Entscheidungen und Handlungen, die eigene kritische Stimme im Kopf klein und still zu halten, dreht sich sehr vieles in aktuellen Diskussionen um Hoffnung, Verdrängung, Arschlochisierung und Kollaps. Wird die kritische Stimme im eigenen Kopf von außen gefüttert und dadurch lauter, löst das unmittelbare und direkte Abwehrreaktionen aus.

Hoffnung liegt näher am Aufgeben als Kollapsbewusstsein
Schauen wir aber mal darauf, wie Hoffnung definiert wird, stellen wir fest, das Hoffnung viel eher etwas mit Aufgeben zu tun hat, als die Akzeptanz des tatsächlichen Kollapses:
das Hoffen; Vertrauen in die Zukunft; Zuversicht, Optimismus in Bezug auf das, was [jemandem] die Zukunft bringen wird, positive Erwartung, die jemand in jemanden, etwas setzt
Das klingt alles nicht sehr nach Handlung, nach Vorwärtskommen und der aktiven Beteiligung an irgendetwas und genau das macht das Gefährliche, weil Lähmende an diesem Konzept und diesem Begriff für mich aus. Hoffnung ist die Abgabe von Verantwortung und das Vertrauen darauf, dass andere es richten werden, im besten Fall unterstützt von ein paar Appellen, für die wir nur endlich die richtigen Adressaten finden müssen, dem nächsten Gerichtsurteil und der nächsten wissenschaftlichen Studie, die es nun aber endlich allen klar machen und die richtigen Reaktionen auslösen MÜSSEN.
Dieses Prinzip der Hoffnung verkennt aber, dass es weder an Wissen noch Verständnis fehlt, um endlich die notwendigen Maßnahmen in aller gebotenen Radikalität umzusetzen. Es fehlt am Willen und den ändern wir mit all unseren Hoffnungen nicht. Im Gegenteil! Wir machen uns durch das Hoffen und Vertrauen zu Partner:innen derer, die die Welt verbrennen, die Krisen verschärfen und die für viele die tatsächliche Hölle auf Erden zur Realtität werden lassen, denn wir erlauben ihnen weiterzumachen und uns am ausgestreckten Arm der Hoffnung im sprichwörtlichen Sinne verhungern zu lassen.
Dieses Prinzip der Hoffnung läuft außerdem völlig konträr zu dem, was Aktivismus ausmacht und bereits im Namen trägt.
Meine vielen Jahre im Klimaaktivismus haben mir gezeigt, wie wichtig und großartig es ist, selbst in die aktive Rolle zu kommen, selbst zu handeln und dadurch im besten Fall etwas zu bewirken. Sicher sagen fast 100% der Menschen, die innerhalb der unterschiedlichsten Akteuer:innen der Klimagerechtigkeitsbewegung aktiv sind, dass es genau darum geht: handeln, im besten Fall Erfolge erringen, mit anderen etwas bewegen und etwas tun, statt in der Rolle der Zuschauerin zu verharren angesichts der Ungerechtigkeiten und der katastrophalen Entscheidungen, die andere treffen und die dramatische Konsequenzen für uns alle haben.
Warum halten dieselben Menschen aber so extrem an Hoffnung fest und reagieren so heftig auf neue, andere Bewegungsideen? Dazu gibt es in Tadzios Blog und seinen Klima bzw. Kollaps um 9 – Videos zahlreiche (durchaus unbequeme) Analysen und Erklärungen, deren Richtigkeit meiner Meinung nach schon allein durch die hervorgerufenen Abwehrreaktionen bestätigt werden.
Warum halten wir es nicht mit Dantes göttlicher Komödie und der Inschrift über dem Tor zur Hölle: „Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“ Für immer mehr Lebewesen fühlt sich der Alltag inzwischen tatsächlich wie der Eingang zur Hölle an und selbst die hoffnungsvollsten unter uns sind (wenn sie zumindest zu sich selbst ehrlich sind) sicher nicht mehr davon überzeugt, dass das alles wieder in Ordnung kommt, schon gar nicht, weil wir darauf hoffen. Strategiediskussionen über neue Aktionsformen sind Ausdruck von Hoffnungslosigkeit und der Erkenntnis, dass alte Mittel nicht mehr helfen. Warum aber bleibt der Begriff der Hoffnung so wichtig?
hope less statt hopeless
Natürlich bin auch ich mir dem positiven Aspekt von Hoffnung bewusst, der allerdings nur gegeben ist, wenn es sich um realistische Ziele handelt und nicht um die Rettung der Welt (durch andere) an sich. Hoffnung in diesem Sinne hat mehr zu tun mit Vorfreude, weil sie mit der Gewissheit einhergeht, dass die erhofften Dinge eintreten, da sie machbar sind. Sie treten ein, weil ich entweder direkten Einfluss auf die Person habe, die es in der Hand hat, zur Erfüllung beizutragen oder weil ich selbst entsprechend agiere, um die Umsetzung eines Ziels und die Erfüllung einer Hoffnung zu erreichen. Die andere Ausprägung von Hoffnung führt zu Enttäuschungen, davon haben wir alle schon viele erlebt. Diese Enttäuschungen könnten aber Anlass sein, einen positiven Ausblick zu wagen. Getäuscht zu werden, ist sicher nichts, was wir als etwas Gutes definieren. Sehen wir die Tatsache, so oft ENT-täuscht worden zu sein also mal von der anderen Seite und nutzen dies, um uns aktiv von Hoffnungen zu verabschieden und uns den Realitäten zu stellen.
Hoffnungslosigkeit ist eine Etappe auf dem Weg zur Kollapsakzeptanz, die wir ganz bewusst in Angriff nehmen müssen, um uns der Realität zu stellen und realistische Erwartungen entstehen zu lassen bezogen auf das, was in dieser Situation des Kollapses machbar ist. Spoiler: es ist vieles machbar! Nicht umsonst haben wir beim ersten Kollapscamp dieses Jahr sehr bewusst viele Programmpunkte angeboten, die sich mit emotionaler Arbeit beschäftigt haben. Es steht außer Frage, dass das eine schmerzhafte Hürde ist. Ebenso außer Frage steht aber, dass sie genommen werden muss, um Kollapsakzeptanz in zielgerichtete Handlung zu überführen, was für mich der wesentliche Aspekt im Rahmen einer Kollapsbewegung ist, ebenso wie für die Klimagerechtigkeitsbewegung. Angesichts von Repressionen, unüberschaubar vielen Problemen, die darauf warten, in Angrfiff genommen zu werden, allem, was auf der Strecke bleibt, wenn man sich engagiert - „wenn nicht um zu zielgerichtet, sinnvoll und mit Aussicht auf machbare Erfolge zu handeln, warum dann?“ ist für mich persönlich inzwischen der Knackpunkt und Prüfstein für Bewegungen und Aktionen. Dieses Handeln muss, kann und wird nicht immer voll und ganz den gewünschten Erfolg haben, was aber nicht gleichzusetzen ist mit Scheitern. Scheitern kann ich nur, wenn ich nichts tue, jegliche Verantwortung an andere abgebe. Wenn ich aber im Rahmen realistischer Zielsetzungen selbst aktiv werde, um einen Schritt weiterzukommen und etwas zu erreichen, werde ich Erfolge erzielen. Ich kann vielleicht nicht verhindern, dass das linke Zentrum in meiner Stadt geschlossen wird, aber ich kann beim Versuch das zu erreichen, wichtige Kontakte knüpfen, Nachbarschaftsorganizing lernen und erleben und im besten Fall einen neuen Raum für ein linkes Zentrum finden. Ihr seht: realistisches Ziel, machbare Schritte und Erfolge gehen Hand in Hand und haben nichts mit Hoffnung auf den Bürgermeister oder Stadtrat zu tun, die es ja bis zu diesem Punkt auch nicht in Angriff genommen zu haben, das linke Zentrum zu erhalten.
weniger hoffen, mehr machen
Das „Machen“ muss zielgerichtet sein und nicht in blinden Aktionismus umschlagen, aber im Rahmen des solidarischen Preppens gibt es unzählige Möglichkeiten diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Das trifft auf gezieltes Erlernen von Fähigkeiten ebenso zu wie auf Dinge, die ohne vorheriges Training in Angriff genommen werden können. Der wesentliche Faktor ist der des 1. Schrittes. Diesen zu gehen, kann uns niemand abnehmen. Falsch verstandene Hoffnung gibt uns im schlechtesten Fall nur eine Ausrede, ihn nicht selbst zu gehen, weil das schon irgendwer anders tun wird.
Haben wir uns aber erstmal vom „Prinzip Hoffnung“ verabschiedet, uns mit der Realität auseinandergesetzt und diese als unseren Handlungsspielraum angenommen, wird sich im Rahmen vieler einzelner Schritte und Erfolgserlebnisse eine ganz neue Form von Hoffnung einstellen, die wir dann gerne alle anzapfen dürfen, um Motivation zu finden und aktiv unser Umfeld zu gestalten, so dass wir gemeinsam besser durch den Kollaps samt all seiner Szenarien kommen. Weniger Hoffnung wagen ist der Ansatz, der uns selbstbestimmt weiterbringt und der uns interessanterweise zu viel optimistischeren Menschen machen kann.