Spoiler: nein.
Sollte sie das tun? Ja.

Im Tumult um die Ereignisse rund um den Stromausfall in Berlin und die Frage des Verantwortlichen hat mir eine Journalistin genau diese Frage gestellt: sind Vulkangruppen bzw. Sabotageaktionen an sich ein Zeichen für eine erfolgte Radikalisierung der Klimabewegung? Das genaue Gegenteil ist der Fall, war meine Antwort darauf und weil sich das Thema und ein paar mehr Gedanken dazu auch prima eignen, um wieder den Bogen zu schlagen zu dem, was Tadzio Müller und ich dieses Jahr für den September organisieren wollen, wird sich dieser Blogtext etwas ausführlicher damit befassen. Ganz am Anfang sollten wir verstehen, dass Radikalisierung nicht nur Militanz und eine veränderte Einstellung zur Frage der Gewalt bedeutet. Radikalisierung ist nicht gleich mehr Gewalt! Radikalisierung in meinem Verständnis hat viele Aspekte, aber selbst wenn wir sie nur auf die Diskussion um Militanz und Sabotage reduzieren, eröffnet sie gleichermaßen viele Möglichkeiten in allen anderen Aspekten von Bewegung und Aktivismus.
Die Klimabewegung hat sich nicht radikalisiert
Einer meiner großen Kritikpunkte an der Klimabewegung, ebenso wie die kritische Auseinandersetzung mit unseren Aktionen, dem Sinn und Unsinn von bestimmten Aktionsformen und der Frage nach dem Nutzen und der Sinnhaftigkeit von Aktionen an sich dreht sich im Kern genau um das: um die Frage der Radikalisierung. Einschließen in diese Diskussion muss man aber nicht die Klimabewegung allein, sondern die radikale Linke als „Ganzes“. Dazu habe ich in den letzten beiden Wochen zwei längere Texte geschrieben. In Deutschland gibt es keine organisierte tatsächlich radikale Linke mehr und es gibt keine radikalisierte Klimabewegung. Das hat Ursachen und Gründe und ist an dieser Stelle lediglich eine Feststellung, keine Wertung. Was es gibt, sind einzelne Menschen und kleinere Gruppen, die sich radikalisieren und die durchaus immer mal in Aktion treten. Das hat aber nichts mit einer grundsätzlich anderen Organisierung oder Ausrichtung „der Bewegung“ und „der radikalen Linken“ an sich zu tun, sondern ist vermutlich oft ganz individuellen Emotionen wie Wut und einem Gefühl der Ohnmacht und Wirkungslosigkeit geschuldet. Es ist gut und richtig, dass das passiert und bevor wir über die Radikalisierung einer Bewegung sprechen, ist es notwendig, dass uns Folgendes klar ist: immer mehr Menschen, die seit Jahren im Aktivismus unterwegs sind, fühlen genau das. Die Realität radikalisiert sich und verlangt uns eigentlich genau das ab. Aber weder Klimabewegung noch radikale Linke als Raum unserer Organisierung und unseres Aktivismus tragen dem Rechnung. Oft sind Strukturen (aus durchaus aus nachvollziehbaren Gründen) nicht mal bereit, das anzuerkennen und zu thematisieren. Vom Schaffen von Räumen und dem Einbinden in strategische Überlegungen ganz zu schweigen. Hier gewinnt die Angst – auch und zuallererst leider die Angst vor der eigenen Courage und der eigenen Geschichte. Einige Akteur:innen versuchen es, auch weil erkannt wurde, dass wir Gefahr laufen, langjährige Aktivist:innen zu verlieren – an Traumata und Burnout, aber ebenso an Frust über stetige Wiederholung dessen, was nicht erfolgreich war. Wir nennen es vorsichtig ZU+, finden kreative Formulierungen in den jährlich aktualisierten Versionen des Aktionskonsens und versuchen uns wenigstens darauf zu einigen, dass im Fall der Fälle keine Entsolidarisierung erfolgt. Das war ein Anfang, aber auch der liegt nun schon wieder zwei – drei Jahre zurück, ohne dass sich dieser Anfang nachhaltig oder deutlich in unseren Aktionen niedergeschlagen hat. Hinzu kommt, dass diese zwei – drei Jahre katastrophale Realitäten in Highspeed geschaffen haben und Regierungen samt „Gesellschaften“ und „bürgerlichen Mitten“ Wege eingeschlagen haben, die vermutlich bei vielen von uns selbst die schlimmsten Befürchtungen wie einen Kindergeburtstag erscheinen lassen. Die Notwendigkeit einer Radikalisierung wurde dadurch nicht kleiner, sondern dringender, größer und notwendig für den Fortbestand von ernstzunehmender Klimagerechtigkeitsbewegung und radikaler Linken.
Eine Radikalisierung ist Bedingung für das Weiterleben von Klimabewegung & Co.
Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen, wir können es leugnen, darüber frustriert und traurig sein und wir können auch weitermachen wie bisher. Am ehrlichen Fazit „wir sind an unseren Zielen von Kohleausstieg über raus aus den Fossilen bis nie wieder Faschismus" gescheitert, obwohl wir alles versucht haben und auch kurzzeitig der Illusion einer Mehrheit verfallen sind. Aktuell spielt die Klimabewegung keine reale Rolle in der Außenwahrnehmung. Es gibt ebenfalls keinerlei Hebel auf unserer Seite, um irgendeine Form von politischer Einflussnahme sei es in Parlamenten als außerhalb davon, zu gewinnen. Antifaschismus wird offen angegriffen und aktiv mit allen Mitteln bekämpft, linke Themen werden als Utopien belächelt, teilweise auch bereits von uns selbst, sarkastisch, aber mit entsprechender Mutlosigkeit, Verbitterung und Verzweiflung.
Es gibt nur wenige Punkte, an denen wir wahrgenommen und als irgendeine relevante oder zumindest potenzielle Gefahr gesehen werden und dort wird mit aller Brutalität reagiert: militanter Antifaschismus, Palästinasolidarität und damit in Zusammenhang stehend Einsatz gegen Militarisierung und Rüstung. Ja, die brutale Reaktion darauf schüchtert ein – genau das soll sie ja auch. Sie zeigt aber eben auch, wo wir Hebel haben (könnten) und wo/mit welchen eingesetzten Mitteln wir als Bedrohung für das bestehende System wahrgenommen werden. Ist es nicht das, was wir als radikale Linke wollen, wenn wir unsere Parolen, Transpis, uns selbst und unsere Geschichte ernst nehmen? Das bestehende System ins Wanken bringen und aus den Angeln heben? Nun, dann zeigen uns die Reaktionen, wo und wie wir da ansetzen sollten. Es hat ja niemand gesagt, dass es einfach ist und ohne Risiko. Das haben wir uns selbst lange eingeredet und würden es gerne auch weiterhin tun – absolut verständlich, denn wer möchte schon Angst empfinden und Risikoabwägungen jenseits von „wir könnten in einem Kessel und der GESA landen“ hören, was ja durchaus auch schon traumatische Erlebnisse mit sich bringen kann.
Stellen wir uns dem aber nicht und ändern unsere Form der politischen Arbeit, war es das mit Klimabewegung und Co. Wir spielen keine Rolle mehr, werden nicht wahrgenommen und können uns selbst nicht mehr sichtbar machen, ins Gedächtnis rufen oder irgendeinen dauerhaften Schritt Richtung unserer großen Ziele gehen. Wie soll es uns denn dann noch gelingen, neue Menschen zu gewinnen, die Zeit und andere Kapazitäten einbringen, um sich dauerhaft zu organisieren? Wir können in zunehmendem Maße nicht mehr die Leute halten, die sich schon in unseren Strukturen organisiert hatten! Diese Menschen verlieren wir nicht, weil sich ihre politische Einstellung ändert, sondern weil sie sehen, dass wir selbst vom Erreichen von Minimalzielen Lichtjahre entfernt sind, ohne das entsprechend zu analysieren und dementsprechend uns selbst und unsere Praxis anzupassen. Eine Radikalisierung auf breiter Basis ist meiner Meinung nach der einzige Weg, wenn Klimabewegung und Co. weitermachen wollen und das nicht nur zum eigenen Zeitvertreib und für Symbolpolitik. Eine breite Radikalisierung bedeutet dabei nicht, „blind bis zur Dummheit“ Sabotage zu betreiben und Gewalt einzusetzen. Radikalisierung bedeutet die Angst vor denen zu verlieren, die sich dazu entschließen. Es bedeutet, den Gegenwind nicht zu scheuen und Räume zu schaffen, um Grundregeln zu definieren, strategisch kluges Handeln zu ermöglichen und somit auch klare Optionen zu haben, sich von Aktionen, die dem widersprechen schnell und eindeutig zu distanzieren. Radikalisierung bedeutet, dem Rechtsruck und der faschistischen Machtergreifung einen Linksruck entgegenzusetzen. So wie die Gesellschaft inzwischen stetig und automatisch nach rechts rückt, weil Rechtsextreme vorangehen, würde die Mitte nur nach links rücken, wenn Linksradikale vorangehen. Die Realität zeigt uns doch eigentlich den Weg, das, was es braucht. Sie zeigt es auf der falschen, der rechtsextremen Seite, die ihre Utopien inzwischen zunehmend real werden lässt und auslebt, sei es in Parlamenten und Gesetzen, auf Demos, in Angriffen auf Linke und linke Räume oder aber in Jugendtreffs und Nachbarschaftshilfe. Linksradikale Utopien sind unsichtbar und wenn überhaupt nur in sehr kleinen Kontexten und engen Grenzen real, (er-)lebbar. Radikalisierung ist dabei viel mehr als Militanz und Gewalt – wir müssen aber auch aufhören, zu leugnen, dass beides durchaus notwendiger Teil davon ist. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Radikalisierung ermöglicht neue Sicherheitsstrukturen auch für uns selbst, ebenso wie das Schaffen von Räumen für praktisches nachbarschaftliches Organising, um Menschen (nicht nur in Katastrophenfällen) z.B. mit Essen, warmen Mahlzeiten, Kleidung, Medikamenten und Hilfe bei den Hausaufgaben zu versorgen. All das ist inzwischen radikal, all das muss aber erkämpft und auch verteidigt werden und das Reden von Nachbarschaftsorgansing muss den Status von Gesprächen rund um „wäre schön, wenn…lass uns da mal Haustürgespräche führen, ob andere das auch so sehen“ verlassen und zum Machen kommen. Eine Radikalisierung von Klimabewegung und Linksradikalen bedeutet: hin zum Machen, rein in die vielfältige Praxis, weg vom Träumen, Wünschen und Zerreden.
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…ist ein universal gültiger Satz, den sich Linksradikale und Aktivist:innen zu eigen machen müssen im Kontext von Aktionen und darüber hinaus. Weniger Telefonkonferenzen und Strategietreffen, mehr Praxis, mehr praktisches Versuchen (ja, das darf auch scheitern) und Umsetzen als Zerreden bis zur unmöglichen Perfektion (dann sind wir schon gescheitert, ehe wir anfangen). Linksradikalität und linke Themen dürfen nicht mehr nur in symbolischen Aktionen stattfinden und nach großen Mobilisierungen an einem Ort. Linksradikalität muss Alltag werden, so wie es Rechtsexstremismus und Faschismus inzwischen sind. All das geht nicht ohne Militanz und meiner Meinung nach auch nicht ohne Sabotage. Aber eine radikalisierte Bewegung an sich bietet entsprechende Nischen, Optionen und Schutz für Menschen, die sich mit diesen Mitteln auseinandersetzen wollen, während sich andere eben anderen Themen widmen. Die Frage nach Gewalt und Militanz ist jedenfalls eine, die auch aus Sicherheitsgründen eine von der Sorte ist, vor der sich Linke nicht mehr zwischen Einhörnern und Hopiumpfeifen verstecken können bzw. dürfen. Wenn es uns gelingt, linke Utopien in welchem Umfang auch immer real werden zu lassen, brauchen diese Schutz. Wohnprojekte, Stadtteilzentren, Frauenhäuser, Suppenküchen, Kältebusse wie uns die letzten Wochen bewiesen haben, Orte, an denen Bezahlkarten getauscht werden, CSDs…all das ist nicht mehr nur hypothetisch Angriffen ausgesetzt und all das braucht Schutz und im Ernstfall eben auch Schutzstrukturen, die eingreifen, wenn alle Vorsichtsmaßnahmen den Naziangriff nicht verhindern konnten. Wer soll das eurer Meinung nach tun? Es fehlt an Menschen und erst recht an organisierten Strukturen, die das können und wenn solche Menschen und Strukturen dann durch das Verhalten vieler Linker, ganz zu schweigen von dem der bürgerlichen Mitte, zur Gewaltfrage vor den Kopf gestoßen werden, steht ihr in gefährlichen Situationen unvorbereitet und schutzlos da. Menschen, die sich dem Thema der Militanz und Gewalt nicht verschließen, tun das nicht aus Spaß und Freude an Gewalt, sondern aus Notwendigkeit und Solidarität. Eine grundsätzliche Radikalisierung einer vielfältigen Bewegung sorgt dafür, dass solche Menschen nicht mehr am Rand stehen, immer kurz davor im Zuge von Entrüstung und Empörung allein gelassen zu werden.
Martin Luther King wäre ohne Malcom X nur halb so gut
Eine Radikalisierung auch (aber nicht nur) im Sinne von Militanz und Sabotage von Klimabewegung & Co. ermöglicht es über Sicherheit und Schutzkonzepte nachzudenken, die über Vermeidung von allem, was stört hinausgehen. So lange keine Notwendigkeit für entsprechenden Schutz besteht, werden uns auch keine Maßnahmen einfallen, die diesen gewähren. Sie führt zu neuen strategischen und taktischen Horizonten, die nicht mal die zwingende Umsetzung von militanten Aktionsformen durch Einige erfordern. Wie beim Football (my guilty pleasure) gilt: auch wenn ich immer Passspielzüge machen möchte, weil die großartig sind und mir leichtfallen, muss mir die gegnerische Verteidigung abkaufen, dass ich jederzeit auch einen Laufspielzug auspacken kann. Dadurch werden wir unberechenbar und verhindern, dass unsere Pässe immer direkt abgefangen werden, weil alle Passempfänger doppelt und dreifach gedeckt sind. Radikalisierung öffnet unsere Strukturen erst für tatsächliche Einbindung und Zusammenarbeit mit BIPoC – Gruppen über Tokenism hinaus, weil oft erst dann ehrlicher Austausch über Strategien und Möglichkeiten gelingen kann. Dass die Klimabewegung eine akademische weiße ist, auch nach all den Jahren, nach viel Kritik und vielem, was verändert wurde, liegt meiner Meinung nach auch an der Frage von Militanz und Gewalt. Durch das totale Abwehrverhalten und Verleugnen schließen wir gerade erfahrene BIPoCs sehr oft aus. Radikalisierung kann so etwas wie Berlin am Ende letzten Jahres verhindern, weil wir Räume zum Austausch über dos und don‘ts sowie Gesprächskanäle hätten, weil wir analysieren und anpassen könnten. Einzelaktionen können eingebunden sein in ein Großes und Ganzes, was Sichtbarkeit und Wirkung beeinflussen würde. Es wäre möglich, Narrative mitzugestalten, Themen zu setzen und öffentliche Diskussionen zu beeinflussen und mit unseren üblichen Aktionsformen wieder mehr erreichen zu können, weil es im Hintergrund eine glaubwürdige Drohkulisse für andere Eskalationsstufen gibt. Dabei ist immer wichtig zu verstehen, dass die Radikalisierung einer Bewegung nicht gleichzusetzen ist mit Militanz für alle, sondern es um die Möglichkeit durch einige geht, die aber allen endlich wieder Schritte und Handlungsspielräume nach vorne ermöglicht.
Ein meiner Meinung sehr gut passendes und aktuelles Beispiel sind einmal mehr die Black Panthers und das, was sie gerade u.a. in Minneapolis tun. Deshalb ein Tipp und eine Bitte: informiert euch über das, was die Black Panther Party for Self Defence tut! Hört zu, was und wie sie sich äußern und positionieren! Schaut euch an, wie sie auftreten und agieren! Gewinnt einen Eindruck von dem, was sie in ihren Communities organisieren und versucht zu leugnen, welche Rolle dabei Militanz im Sinne von entsprechendem Wissen und entsprechender Außenwirkung spielt. Die tatsächliche Anwendung von Gewalt ist gar nicht der springende Punkt. Ihre Erfolge in Bereichen von vielfältiger Communityarbeit sprechen aber für sich und ihre Strategie. Ebenso sei euch folgender Text ans Herz gelegt, den ich auf Social Media schon ein paar Mal geteilt habe: It's safer in the front (Abre numa nova janela), veröffentlicht auf einer Plattform, die ganz grundsätzlich immer lesenswert ist. Dieser Text nimmt es mir ab, mich einmal mehr mit einer vornehmlich von Angst geleiteten Argumentation auseinanderzusetzen, wenn es um Militanz geht und ich zitiere hier wie folgt:
„Für Mitglieder von betroffenen, marginalisierten Gruppen, die ins Visier von Gewalt jeglicher Form geraten, besteht der erste Impuls oft darin, sich zurückzuziehen, sich zu verstecken. Doch wenn es um die individuelle und kollektive Selbsterhaltung geht, kann es klüger sein, zu Beginn entschlossen zu handeln, solange es noch möglich ist, den Lauf der Dinge zu beeinflussen. Selbst wenn dies schlecht ausgeht, kann es besser sein, den Konflikt sofort auf die Spitze zu treiben, bevor der Gegner an Macht gewinnt. Diese Strategie hat zumindest den Vorteil, dass man sich nicht in falscher Sicherheit wiegt, während die Bedrohung zunimmt. Das funktioniert nicht immer, aber manchmal ist es sicherer, sich an vorderster Front radikal zu engagieren.“
Für heute abschließend kann ich nur einmal mehr sagen: wer bisher noch nicht von Gewalt betroffen ist, hat das nicht einer „doch gar nicht so schlimmen Realität“, einer „gewaltfreien, inklusiven Gesellschaft“ oder funktionierendem Schutz durch Gesetze und entsprechende Aktuer:innen zu verdanken, sondern den eigenen Privilegien und teilweise auch denen, die Gegengewalt und Schutz praktizieren. Militanz und Gewalt aus dieser Perspektive heraus abzulehnen und zu verleugnen, ist eine exklusive, egoistische und arrogante und ganz sicher keine, die andere vor Gewalt schützt. Im Gegenteil! Durch das Ausgrenzen betroffener Menschen und das Auslagern von „legaler Gewalt“ auf Polizei & Co. wird man selbst zur Täter:in und das Risiko für Betroffene und Marginalisierte steigt.
Radikalisierung jenseits von Aktionen und Militanz
Ganz abgesehen vom Ringen um Aktionsformen und einen realistischen Ansatz in der Gewaltfrage hat Radikalisierung wie oben schon erwähnt viele weitere Aspekte und sie betrifft nicht nur die Klimabewegung und radikale Linke. Wir alle, die wir uns politisch und aktivistisch organisieren und engagieren, müssen uns in unserem Herangehen an politische Arbeit und Aktivismus radikalisieren. Das grundsätzliche Risiko steigt, ob wir das wollen oder nicht, ob wir durch Eskalation dazu beitragen oder nicht. Nicht allen ist das immer und in jeder Form möglich, aber der eine und die andere haben schon bemerkt, dass Event-Aktivismus und das bloße Konsumieren von Aktionen ganz im kapitalistischen Sinne nicht mehr funktionieren. Radikalisieren wir unsere Praxis bezogen auf Aktionsformen und Protest, setzen wir auf solidarische Strukturen und Formen von mutual aid müssen wir auch die Art und Weise radikalisieren, wie wir uns darauf vorbereiten. Telefonkonferenzen werden nicht mehr ausreichen, Camps an einem verlängerten Wochenende werden nicht die einzige Form bleiben können. Wir müssen Dinge intensiv lernen und dauerhaft umsetzen, ohne dabei den Gedanken von Schutz zu vernachlässigen.
Annika Brockschmidt hat ganz frisch einen TAZ - Artikel (Abre numa nova janela) zum ICE – Terror und den Folgen verfasst, der u.a. auch das deutlich macht: „In Nachbarschafts-Gruppen formiert sich Solidarität gegen autoritären Terror. Diejenigen, die für ihre Mitmenschen einstehen, riskieren viel...". Aus genau diesem Grund müssen wir Aktivismus, Engagement und die Vorbereitung darauf radikal neu denken. Wenn ich angezeigt, verhaftet, verprügelt oder tatsächlich sogar erschossen werden kann, weil ich eine Straße blockiere oder Essen verteile, dann liegt die Lösung nicht mehr in Wochenend-Camps mit Podiumsdiskussionen über den Einfluss von Lobbys auf die aktuelle Lage und auch nicht in offen angekündigten Massenaktionen. In Kollapszeiten braucht es gleichzeitig eine neue Art des Aktivismus und die gilt es zu lernen. Eine, die weiß, dass im Kollaps noch mehr Risiken auf uns zukommen und dass es damit verbunden mehr Vorbereitung, intensives Lernen und Übung braucht, als das zum Beispiel für eine klassische Ende Gelände-Aktion der Fall war oder für im besten Fall radikalisierte neue Aktionen einer Akteurin nötig ist. In diese Richtung geht das, was Tadzio Müller und ich für den Spätsommer 2026 planen. Dazu werden wir euch in der kommenden Woche mehr erzählen. Es muss um, wie es Tadzio Müller heute ausgedrückt hat, robuste Vorbereitung gehen und die ist für Klimas, Kollapsbewegung und Antifas als Personengruppen ebenso relevant wie für eine große Bandbreite an Betätigungsfeldern: Transport, Logistik, Kommunikation, 1.Hilfe, Versorgung und Sicherheit, um nur einige zu nennen. Diese robuste Vorbereitung umfasst auch Militanz in Form von Selbstverteidigung und Schutz als das, was es ist – eine Notwendigkeit und Bedingung für vieles andere. Wir müssen die Angst vor starken Begriffen und entsprechender Praxis verlieren, auch um feststellen zu können, dass oft vielleicht auch schon die glaubhafte Option zur Eskalation ausreicht, um mit anderen Mitteln endlich wieder etwas bewirken zu können.
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