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HYPERTEXT 36 - Schließt sich ein Verlag, öffnen sich Fragen

Liebste Lesende,

ich bin eine Pflanze. Anders kann ich mir nicht erklären, warum es nur ein paar Sonnenstrahlen braucht, damit ich denke, ich sei ab sofort immun gegen Traurigkeit. Die letzten Wochen und Monate waren für mich recht hart: die Nachwirkungen vom 2-Romane-Jahr 2025 steckten mir noch in den Knochen, gleichzeitig ist die aktuelle Auftragslage, gelinde gesagt, miserabel und zu allem Überfluss erreichte mich die Nachricht, dass der Leykam-Verlag (Abre numa nova janela) aufhört zu existieren. Von der allgemeinen Weltlage mal ganz zu schweigen. Aber kaum bricht die alte Feuerkugel durch die Wolkendecke, stehe ich in Wien auf dem Bordstein, recke meinen Kopf in den Himmel und denke ich mir: ach wird schon alles 🙃. Sicher auch eine Form von Delusion. Neben ein paar Gedanken zur Leykam-Schließung gibt es auch erfreuliche Neuigkeiten: zusammen mit David Friedrich lasse ich unsere Lesebühne Randale und Liebe in Wien neu aufleben. Außerdem wird dieser Newsletter ein Tagebuch zur digitalen Unabhänigkeit enthalten, in dem ich darüber nachdenke, was mit meinen Daten im Technofeudalismus passiert. Eine Buchempfehlung und Veranstaltungshinweise gibt es obendrein!

Das Aus von Leykam und viele Fragen

Mit Vienna Falling (Abre numa nova janela) bin ich Ende 2024 das erste Mal mit Leykam in Kontakt gekommen. Ich kannte und mochte den Verlag auf den ersten Blick. Nicht nur, weil er einen großen Wert auf die Gestaltung der Bücher legt, mit Farbschnitt und einem guten Auge für Motive und Typographie, sondern auch, weil sie Autor*innen vertreten, die anderswo mit ihren Büchern nur schwer einen Platz gefunden hätten. Die Programme (Literatur, Sach- und Kinderbuch) und die Autor*innen sind divers, laut und auffällig. Wenn ich in Deutschland oder der Schweiz von Leykam erzählt habe, war das vielen Menschen bereits ein Begriff. Zudem ist Leykam (gegründet 1585) einer der ältesten Verlage, die weltweit überhaupt existieren. Nun hat sich die GL Invest, die Investmentgesellschaft, der Leykam gehörte, entschieden, dass sich dieses Programm nicht lohnt. Ich habe viele Gedanke und Gefühle zu dieser Entscheidung, die ich hier nicht voll ausführen will und kann. Laura Melina Berling trifft es jedoch im Interview mit dem STANDARD (Abre numa nova janela) sehr treffend, wenn sie sagt, dass eine vermeintlich ökonomisch rationale Entscheidung nicht unpolitisch ist.

Was ich habe sind Fragen: Warum wird so eine Entscheidung hinter verschlossenen Türen getroffen? Warum werden die Menschen, die sich jahrelang für einen inhaltlich starken Verlag eingesetzt haben vor vollendete Tatsachen gestellt? Was geschieht mit den Mitarbeitenden, deren Verträge nur noch bis zum Sommer gehen? Was mit den Autor*innen, die, während ihre Bücher teilweise noch im Druck waren, erfahren mussten, dass der Verlag schließt? Geht das mit unabhängigen Verlagen so weiter? War die Suche nach einer Lösung wirklich so aussichtslos? Hat der inhaltliche Fokus von Leykam auf queere, feministische und insgesamt linke Inhalte etwas mit dieser Entscheidung zu tun? Hat ein Verlag nur einen Wert, wenn er wirtschaftlich ist? Lohnt sich das alles überhaupt noch? Sollte sich Kunst lohnen müssen?

Mir sagt man die ganze Zeit, ich habe noch Glück gehabt. Vienna Falling ist im August letzten Jahres erschienen, die Veröffentlichung konnte wie gewohnt stattfinden. Aber alle Zukunftspläne mit Leykam sind von jetzt auf gleich dahin. Ein Verlag ist mehr als nur ein Büro, das dafür sorgt, dass das Buch ein Cover und eine ISBN hat. Ein Verlag ist ein zu Hause und ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen und Kultur gestalten. Und ja, ich habe Glück: hinter mir steht eine Agentur und ich habe weiterhin tolle Verlage wie den Haymon-Verlag (Abre numa nova janela), bei denen ich mich mindestens genau so zu Hause bin. Aber wenn das ein Glück ist, warum fühlt es sich absolut nicht danach an? Ich danke jedenfalls allen Menschen, die mir für eine viel zu kurze Zeit bei Leykam ein zu Hause gegeben haben. Es wird weitergehen. Fragt sich halt nur: wie?

Ich stehe auf der Bühne bei Late Night Vienna (Abre numa nova janela)

Foto: Toni Neuwirth

Meine neue alte Lesebühne

Es gibt eine neue Lesebühne in Wien! Randale und Liebe startet am 20.03.2026 im Café Caspar. David Friedrich (Abre numa nova janela) und ich beleben diesen März unsere Lesebühne. Als wir beide noch in Hamburg wohnten lasen wir monatlich in diversen Hamburger Locations neue Texte vor, spielten Musik oder spielten Computerspiele, die ich eigens für den Abend programmiert hatte. Teilweise bin ich sogar noch monatlich aus Wien nach Hamburg gependelt um an dieser Bühne teilzunehmen. Projekte wie Eloquentron3000 (Abre numa nova janela) oder auch die Miez Marple Serie (Abre numa nova janela) sind im Rahmen von Randale und Liebe entstanden. Da Paulina Behrendt und Hinnerk Köhn leider nicht nach Wien ziehen können (oder wollen 😡), haben David und ich beschlossen, die Lesebühne in Wien neu aufzuziehen. Bei der Premiere von Randale und Liebe Wien werden Francesca Herr und Basquel uns als Star-Gäste beehren! Der Eintritt ist pay-as-you-can. Ich würde mich freuen, möglichst viele Menschen begrüßen zu dürfen!

Plakat Randale und Liebe mit Fabian Navarro und David Friedrich. Mit: Francesca Herr und Basquel. 19 Uhr. 20.03.2026. Café Caspar, Grillparzerstraße 6, 1010 Wien.

Digitales Unabhängigkeitstagebuch

Im letzten Monat habe ich festgestellt, wie sehr Social Media mich davon abhält produktiv, entspannt und produktiv zu sein. I know, ich bin very late to the party. Allerdings bin ich auch darauf angewiesen, regelmäßig auf diversen Plattformen auf mich aufmerksam zu machen. Das wäre zum Beispiel nicht der Fall, wenn mehr Menschen diesen Newsletter abonnieren würden:

Absolut fantastisch wäre es natürlich, wenn mich Menschen in meiner Arbeit mit einem kleinen monatlichen Betrag unterstützen würden. Im Gegenzug gibt es hier exklusiven Content wie Kurzgeschichten, Schreibtipps und Tutorials.

Doch weil ich derzeit noch von Social Media abhängig bin - in mehr als einer Deutung des Wortes - habe ich Maßnahmen ergriffen. Seit einigen Wochen nutze ich auf meinem Smartphone die Digital Wellbeing Features (Abre numa nova janela). Es ist, als würde ich mir selbst Handyverbot geben für bestimmte Zeiten. Aktuell habe ich es sehr streng eingestellt (Instagram und TikTok z.B. nur 10 Minuten) - einfach um zu schauen, wie sich das auf meinen Alltag auswirkt. Mein Zwischenfazit: sehr erholsam! Das funktioniert allerdings nur, weil ich auch in meinem Browser die Erweiterung BlockSite (Abre numa nova janela)installiert habe und mir dort den Zugang zum allen ablenkenden Apps versperre. Ob ich auf diese Weise langfristig mehr lese, schreibe oder mir einfach eine andere digitale Ablenkung suche, gilt es herauszufinden. Das nächste Update gibt es dann hier im Newsletter.

Buchempfehlung: Stag Dance - Torrey Peters

Zumindest ein Buch habe ich ausgelesen, aber das mit großer Freude! Stag Dance von Torrey Peters. Wie auch das Cover ist der Inhalt dieses Buchs ein absoluter Banger. Es wird im deutschsprachigen Raum als "Roman in vier Bildern" vermarktet. Das liegt daran, dass Verlage (und angeblich auch die Lesenden) eine Abneigung gegen Kurzgeschichten haben. Aber naja, vielleicht gäbe es mehr, wenn nicht alle Verlage, die etwas Neues probieren, sofort wieder geschlossen werden würden, aber ich schweife ab.

Cover Stag Dance von Torrey Peters, Verlag: Ullstein, Ein Roman in vier Bildern, zwei gemalte Hirsche, einer mit rosa Schleife am Geweih, Blurb von Mirandy July: "Heiss, herzzereissend und ein echter Triumph." (Abre numa nova janela)

In Stag Dance hat Torrey Peters, bekannt durch ihr Debüt Detransition, Baby (Abre numa nova janela), nach eigener Aussage verschiedene Abschnitte ihrer Transition versucht zu enträtseln. Wir begegnen in dem Buch wütenden Transfrauen in einer Zukunftsvision, in der alle Menschen sich aktiv für ihr Geschlecht entscheiden müssen. Eine Geschichte handelt von zwei Internatsschüler*innen, die sich gefährlich nahe kommen, eine weitere handelt von Holzpiraten, die einen Tanzabend veranstalten und Angst vor Sagengestalten und den vermeintlichen Grenzen der Männlichkeit haben. Die letzte erzählt von einer Crossdresser-Party in Las Vegas, auf der wichtige Entscheidungen getroffen werden. Torrey Peters Erzählungen sind schrill, sprachlich und unglaublich einfühlsam. Eine absolute Empfehlung!

Auftritte

Falls ihr zu einem Auftritt von mir kommen wollt, bei dem man Tickets braucht, konsultiert gerne den Vorverkauf. Obwohl Kultur allen Menschen zugänglich sein sollte, ist sie es oft nicht. Falls ihr also zu einem Termin kommen wollt, es euch aber gerade nicht leisten könnt, schreibt mir bitte und ich gebe mein Bestes, euch einen Gästelistenplatz zu organisieren.

13.03.2026 All Eyes on Earth Poetry Slam - Wien

14.03.2026 Best of Poetry Slam - Graz

20.03.2026 Randale und Liebe (PREMIERE) - Wien

27.03.2026 Spoken Word Tage - St. Johann im Pongau

Aktuelle Termine findet ihr auf www.fabiannavarro.com (Abre numa nova janela)

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