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Der doch nicht.

Redaktion free.fem.minds Magazin

Wer Frauen misshandelt, dem sieht man das an! Oder? Spoiler: natürlich nicht. Dennoch hält sich hartnäckig der Gedanke, dass gewalttätige Typen irgendwie danach aussehen müssen. Derb, laut, brutal oder wenigstens dumm und aufbrausend. Die Wahrheit ist eine ganz andere.

Das Narrativ des Brutalo-Schlägers, des Monsters, das Frauen angreift ist so stark in den Köpfen verhaftet, dass viele den harmlosen Täter von nebenan einfach nicht mit diesem Bild zusammenbringen. Der Sozialarbeiter, der nerdy Student im Seminar, der liebe, geschiedene Wochenendpapa, der witzige Grundschullehrer, der wortgewandte Anwalt, der elegante Typ aus dem Vorstand – Nicht doch? Der doch nicht. No way! Kognitive Dissonanz nennt sich das in der Psychologie. Wenn wir so feste Vorstellungen von etwas haben, dass die Wahrheit sprichwörtlich irritierend das innere Bild angreift. Wir wollen bestimmte Dinge so glauben, wie wir sie verankert haben. Kommt das ins Wanken, gerät das Weltbild aus den Fugen.

Unbequeme Wahrheit

Der gute Kerl, der eigentlich Täter ist, ist dennoch überall. Jede Stunde erleben 15 Frauen Gewalt. Jede vierte Frau wird mindestens einmal in ihrem Leben Gewaltopfer. Das heißt auch, dass mindestens jeder vierte Mann Täter ist. Jeder kennt rein statistisch mindestens eine Betroffene von Gewalt im näheren Umfeld. Und jede und jeder kennt so eben auch mindestens einen Täter. Die Vorstellung, dass an Elternabenden, in Team-Meetings, im Sportverein, beim Kiga-Basteln oder in der Uni-Vorlesung männliche Gewalttäter sitzen, ist beängstigend. Und der Statistik nach ist sie vor allem eines: wahr. Was es so schwierig macht, diese Vorstellung zu akzeptieren, sind zwei zugrundeliegende Ängste. Die eine ist, dass Täter dann im Wortsinn überall sind. Die zweite, dass wir sie nicht erkennen.

Das Bild des augenscheinlich gewalttätigen Mannes schützt so vor allem psychologisch unsere innere Sicherheit, die wir uns um jeden Preis erhalten möchten. Wir möchten nicht in einer Welt leben, wo der Nachbar, der Kollege, der beste Kumpel im Privaten Täter sein können. Wir wollen dieser Realität mit aller Macht nicht ins Auge sehen, selbst wenn uns Zahlen und Zeitungsberichte hin und wieder daraufhin hinweisen, dass wir es längst tun.

Hands off-Mentalität bei Gewalt

Der Good Guy Abuser profitiert vor allem davon, dass es ihm

niemand zutraut. Er ist angesehen, beliebt, manchmal gebildet, oft engagiert. Er sieht harmlos aus und erscheint nett und hilfsbereit.
Was sein Trumpf ist, ist das K.O.-Kriterium für sein Opfer. Er ist glaubwürdig. Ihr glaubt man nicht. Je besser sein Image, sein Status, seine gesellschaftliche Rolle, desto schwerer fällt es seinem Opfer, ihn anzuzeigen und Schutz vor ihm zu erhalten. Man sagt im Gewaltschutz, je wohlhabender der Mann, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass er sich an ihr die Hände schmutzig macht. Will sagen: Während Täter, die ein Aggressionsproblem haben, oft Spuren und Blessuren hinterlassen, achten Täter, die einen Ruf zu verlieren haben, penibel darauf, keine sichtbaren Folgen zu hinterlassen. Diese Täter strangulieren laut Aussagen von Betroffenen häufiger. Denn das sieht man meist nicht. Hinterlassen sie blaue Flecken, dann dort, wo sie unter Kleidung versteckbar sind. Oft wählen diese Täter auch Vergewaltigung, Bedrohungen, Stalking, Freiheitsberaubung und Coercive Control, um ihre Macht über die Partnerin auszuleben.

Gefährlich macht den Good Guy Abuser vor allem seine Selbsteinschätzung, denn in seinen Augen ist das, was er tut, keine Gewalt. Er weist sie in ihre Schranken, erteilt ihr notwendige Lektionen, schränkt die Finanzen aus gutem Grund ein, verheimlicht, lügt. Für ihn gibt es stets gute Gründe und selbst bei Strangulation und anderen Übergriffen erklärt er, warum sie verdient, was er ihr antut. In der Wahrnehmung des Täters ist alles, das er tut oder lässt, weil sie ihm keine andere Wahl lässt. Weil sie ihn provoziert, es forciert hat. Diese Perspektive erlaubt es ihm, sich von seinen Taten zu distanzieren und die Verantwortung auf sein Opfer zu übertragen. So geschieht keine Auseinandersetzung mit den Vorkommnissen und er ist bereit, seine Taten jederzeit zu wiederholen.

Vorschusslorbeeren bei Gericht

Ein Good Guy Abuser erhält meist selbst bei bewiesenen Straftaten an Frauen häufiger eine positive Sozialprognose und wird seltener zu hohen Haftstrafen verurteilt. Sein Auftreten, sein Umfeld, seine soziale Rolle wahren seine Reputation und seine Freiheit, selbst wenn auf der anderen Seite schwere Gewaltakte stehen. Für Opfer ist es besonders bitter mitanzusehen, wie schnell in diesen Fällen Täter-Opfer-Umkehr betrieben wird. Ihr wird unterstellt, sie würde ihn zu unrecht beschuldigen. Er bekommt die Anteilnahme und die Unschuldsvermutung bis zum Freispruch.

In den Fällen, in denen es wirklich zu Verurteilungen kommt, werden Good Guy Abuser schneller resozialisiert. So wie etwa im Fall von Jérôme Boateng, der trotz Verurteilung fast, mit offenen Armen empfangen, hätte beim FC Bayern für die Trainerausbildung hospitieren dürfen. Erst 2025 wurde am Landgericht Bad Kreuznach ein 77 Jahre alter Arzt zu lediglich zwei Jahren auf Bewährung verurteilt, nachdem er eine 18-Jährige vergewaltigt hatte. Die traurige Realität ist: Je angesehener der Täter, desto milder das Urteil.

Sind Kinder im Spiel, erhält der Good Guy Abuser einen Vertrauensvorsprung. So sympathisch wie der Vater aussieht, muss die Mutter ihm die Gewalt doch einfach nur unterstellen lautet die Annahme. Die Studie Gewalt und Milieus – Einstellungen zu Gewalt und Gewalterfahrungen in sozialen Milieus in Bayern spricht von devoten Jugendämtern, sobald ein Täter wohlhabend ist. Soll heißen: Sofern der Täter nur genug Wohlstand für die Kinder angeben kann, drücken Jugendämter bei Gewalt gegen die Kinder auch gerne mal beide Augen zu.

Auch gesellschaftlich hat Gewalt von betuchten Tätern andere Folgen, als von ärmeren. Von Tätern, die ansonsten vermeintlich gut aufgestellt sind im Leben, wird gerne angenommen, dass die Gewalt eine Art Ausrutscher darstelle und man ihm nur helfen müsse, um ihn wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Das führt in christlichen, ländlichen und konservativ geprägten Gemeinschaften zu einem Bonus für Täter und kollektive Rückendeckung durch Unterstützer:innen. Dem Opfer hingegen wird für das Öffentlichmachen der Gewalt häufig Rufschädigung und Verrat vorgeworfen.

Fazit: Solange Jobtitel, Geld und eine freundliche Fassade von Männern bei Gewalt in die Waagschale geworfen werden können und tatsächlich über Strafmaß und soziale Akzeptanz mitentscheiden, solange bleibt das Problem Gewalt gegen Frauen ungelöst.

Tópico Gewalt gegen Frauen

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