Von Hasnain Kazim - Schwartenmagen / Dörr, darr, dürr / Gesehen werden! / Muksch / Büchergewinnerin
Liebe Leserin, lieber Leser,
vergangene Woche war ich in Fulda, wo die Volkshochschule ihren „Themensommer Heimat“ eröffnet hat. Das Programm ist so vielfältig wie der Begriff selbst: Es soll über Heimat debattiert werden, über Wehrpflicht und Heimatverteidigung, über das Ankommen in einer neuen Heimat, über Mundarten und natürlich auch über heimische Küche. Ich durfte die Reihe mit einer Lesung aus meiner „Deutschlandtour“ eröffnen.
Bei einem Vortrag glaubte ich wahrzunehmen, dass jemand von den „Fuldarern“ sprach, wenn die Menschen aus Fulda gemeint waren. Woher, um alles in der Welt, kam dieses R? Es stellte sich heraus, dass ich mich verhört hatte. Die Einwohner heißen, ganz erwartungsgemäß, Fuldaer. Sehr schön. Keine sprachliche Ausnahme also. Dabei habe ich eine Schwäche für sprachliche Ausnahmen; sie sind es schließlich, die Sprache lebendig und interessant machen. Man sollte die Menschen dort Fuldanesen nennen. Oder Fuldaker. Fuldakisten. Fuldaken. Fuldakier. Fuldanier. Fuldasen. Fuldakis. Fuldaner. Fuldisten. Von mir aus auch Fuldarer.
Ich erfuhr außerdem, dass man im osthessischen beziehungsweise fuldischen (das heißt tatsächlich so!) Dialekt „Foll“ zu Fulda sagt. Das eröffnet natürlich ganz neue Möglichkeiten: Foller. Follonisten. Follonesen. Follis. Follos. Follaner. Und so weiter.
Weshalb ich aber eigentlich auf die wirklich schöne, besuchenswerte Stadt Fulda zu sprechen komme: Es gibt Autoren, die bei Lesungen ein durchaus divenhaftes Benehmen an den Tag legen, wenn es um Wünsche rund um ihre Lesungen geht. Die einen verlangen eine Flasche Whisky auf dem Tisch (die sie dann während der Lesung tatsächlich austrinken), andere zwei Flaschen Wein einer ganz bestimmten Rebsorte im Hotelzimmer, exakt temperiert, wieder andere bestehen auf eine Unterkunft mit Whirlpool.
Ich selbst hatte lange Zeit keinerlei außergewöhnliche Wünsche, gewann jedoch irgendwann den Eindruck, als Autor womöglich nicht ernst genommen zu werden, solange ich keine Marotten vorweisen konnte. Also besprach ich die Sache mit meinem Verlag, und seither findet sich in meinen Lesungsverträgen der Satz, „dass der Autor nach der Lesung regionaltypische Kost zu speisen wünscht“.
Ich esse nämlich alles. Nicht alles mit derselben Begeisterung zwar, aber ich probiere zumindest alles und gerne Neues. Auch Dinge, die zunächst etwas unerquicklich klingen. Wie Saumagen in der Pfalz. Fantastisches Essen. Ich würde es nur anders nennen.
Jedenfalls nahmen die Fuldaken von der Volkshochschule meinen Wunsch ausgesprochen ernst und schenkten mir ein Glas Schwartenmagen, eine Spezialität der Region. Hervorragend! Heute, zurück im heimatlichen Wien, werde ich ihn kosten. Wahrscheinlich wird er mir munden. Und wahrscheinlich würde ich auch dafür einen anderen Namen finden.

Ich dörre, du dörrst, er/sie/es dörrt
Vor ein paar Tagen sah ich im Fernsehen zufällig einen Mann, der den Zuschauern als „Dörrexperte“ vorgestellt wurde. Das faszinierte mich sofort. Dörrexperte! Also schon die Tatsache, dass man Experte sein kann für den Vorgang, Lebensmitteln – Obst, Gemüse, Fleisch – Flüssigkeit zu entziehen und sie dadurch haltbar zu machen. Vor allem aber die Tatsache, dass es das Verb „dörren“ gibt.
Ich dörre. Du dörrst. Er/sie/es dörrt.
Ein schönes, seltsames Wort.
Wir dörren. Ihr dörrt. Sie dörren.
Im Wesentlichen, habe ich gelernt, werden Lebensmittel konserviert, indem ihnen durch das Zuführen von Wärme, bei etwa vierzig bis siebzig Grad Celsius über sieben bis zwölf Stunden, Wasser entzogen wird.
Bei solch einem bemerkenswerten Wort schlug ich natürlich im Duden nach, auch weil mich interessierte, wie der Konjunktiv dieses Verbs lautet. Dort wird „dörren“ so definiert: „dürr machen, austrocknen, ausdorren“.
Faszinierend: dürr, dörr, dorr.
Beispiele: „Die Hitze dörrt den Rasen“, „gedörrtes Obst“, „Der Stockfisch dörrt an der Luft“. Und dann, und das fasziniert mich vollends, heißt es, dass „darren“ ein Synonym zu „dörren“ sei.
Dürr, dörr, dorr, darr.
Und weiter, ich kann mich vor Begeisterung kaum zurückhalten: „mittelhochdeutsch derren, althochdeutsch derran, darran“.
Dürr, dörr, dorr, darr, derr.
Der Konjunktiv I lautet: Ich dörre, du dörrest, er/sie/es dörre, wir dörren, ihr dörret, sie dörren. Und der Konjunktiv II: Ich dörrte, du dörrtest, er/sie/es dörrte, wir dörrten, ihr dörrtet, sie dörrten.
Dörrte die dürre Dörte doch Dörrobst!
Wie schön doch so ein Fernsehbeitrag mit einem Dörrexperten sein kann! Wie lehrreich!
So gehet hin und dörret!
P. S.: Wichtige Erkenntnis aus dem Fernsehbeitrag: Dörrt man nur selten, genügt ein Backofen mit Heißluft-/Umluftfunktion. Man braucht also keinen Dörrautomaten.
P. P. S.: Was ist eigentlich dirren?
Gesehen werden!
In den sozialen Medien sah ich in meiner Timeline ein Zitat des Psychologen und Paartherapeuten Oskar Holzberg, der im SWR-Nachtcafé sagte: „Nicht gesehen zu werden, ist etwas Existenzielles und löst das Gefühl der Bedrohung aus.“
Nun habe ich die Sendung noch nicht gesehen und kenne also den Kontext nicht, in dem er das gesagt hat. Ich finde diesen Satz aber auch so außerordentlich nachdenkenswert, denn er ist, wie ich finde, allgemeingültig. Menschen wollen gesehen werden. Heute, in Zeiten, in denen Aufmerksamkeit die neue und wichtigste Währung zu sein scheint, mehr denn je. Und nicht gesehen zu werden, führt oft zu unguten Reaktionen.
In Partnerschaften gilt das ohnehin: Wenn der andere sich nicht mehr gesehen fühlt, entsteht ein Gefühl der Entfremdung. Ich glaube, der Satz „Wir haben uns einfach auseinandergelebt“ bedeutet nichts anderes: Man hat einander am Ende nicht mehr gesehen. Oder nicht mehr genug. Man hat nicht mehr miteinander geredet oder aneinander vorbei. Man hat sich für den anderen nicht mehr interessiert.
Aus vielen Gesprächen mit Menschen im ganzen Land habe ich den Eindruck gewonnen, dass sie sich von „der Politik“ und „den Medien“ nicht mehr gesehen fühlen. Oft habe ich gehört, dass sie sinngemäß sagen: Politik und Medien reden und schreiben aus einer hauptstädtischen, akademischen Sicht heraus. Deutschland besteht aber mehrheitlich aus einer ländlichen und kleinstädtischen, nicht akademisch geprägten Bevölkerung. Wenn einem so viele Menschen so etwas sagen, sollte man darüber nachdenken, was dran ist und wie man dem begegnen kann.
Zum Beispiel nicht, indem man immer neue Gruppen definiert und sich in ihnen zurückzieht. Sondern indem man die eigene Welt öffnet und viel, viel häufiger mit Leuten ins Gespräch, in die Diskussion, von mir aus auch in den Streit kommt, deren Meinung man überhaupt nicht teilt. Und zwar bei aller Überzeugung von der eigenen Meinung und Haltung stets mit dem Gedanken im Hinterkopf: Der andere könnte möglicherweise recht haben. Oder zumindest einen Punkt. Man sollte die Bereitschaft pflegen, sich auch überzeugen zu lassen und die eigene Position, die eigene Haltung, die eigene Meinung hier und da zu verändern, wenn es bessere Argumente oder neue Erkenntnisse gibt.
Viele Dinge im Leben sind komplex, oft gibt es keine einfachen Lösungen. Das zu erkennen, gehört ebenfalls zum Gesehenwerden.
Allerdings bedeutet Gesehenwerden nicht Gleichmacherei. Ich lese und höre heute oft, man müsse jedem und allem „auf Augenhöhe begegnen“. Nun ja, bei manchen Leuten müsste man sich schon ziemlich tief bücken, um auf Augenhöhe zu kommen. Nein, ich möchte nicht allen „auf Augenhöhe“ begegnen. Zunächst respektvoll zuhören: klar. Wenn man unterschiedlicher Meinung ist, in der Sache hart streiten: gut. Am Ende möglicherweise auseinandergehen mit der Haltung „We agree to disagree“: passt. Aber es wird immer auch Leute geben, bei denen man denkt: Augenhöhe? Unmöglich. Und ich möchte auch nicht jeden Blödsinn sehen und ernst nehmen und in meinen Überlegungen einbeziehen.
Sie sehen: Es ist komplex.
Beleidigung oder Meinungsfreiheit?
„Muksch“, bisweilen auch „mucksch“ geschrieben, ist übrigens ein sehr schönes Wort. „Muksch“ bedeutet so viel wie beleidigt, eingeschnappt, mitunter auch mürrisch oder schlecht gelaunt. Wenn jemand „muksch“ ist, zieht er sich zurück, redet wenig oder reagiert abweisend.
Erdogan zum Beispiel ist dauermuksch. Ständig werden deshalb Menschen verurteilt und bestraft.
In Norddeutschland, vor allem im plattdeutschen Sprachraum, ist „muksch“ recht verbreitet. In Österreich, wo ich lebe, kennt man das Wort kaum. Hier würde man eher „grantig“ sagen, auch wenn das nicht ganz dasselbe bedeutet.
Kürzlich, nach der Leipziger Buchmesse, schrieb mir jemand, der mich dort offenbar auf der Bühne gesehen hatte: „Sie sind ja gar nicht so fett, wie Sie auf den Bildern immer aussehen!“ Das war natürlich nicht besonders nett. Andererseits: Mit etwas Wohlwollen ließe sich das durchaus auch als Kompliment verstehen … Ich war also keineswegs muksch.
Vergangene Woche war „Woche der Meinungsfreiheit“, die auf die Bedeutung der Meinungsfreiheit für eine vielfältige, freie und demokratische Gesellschaft aufmerksam machen soll, wie es beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels heißt. Bundesweit gab es zahlreiche Veranstaltungen rund um das Thema. Ich nahm in München im Literaturhaus an einer Podiumsdiskussion teil. Dabei kam auch die Sprache auf Beleidigungen von Politikern.
Der Ton ist rau geworden, insbesondere dann, wenn man in der Öffentlichkeit steht und Dinge sagt oder schreibt, die nicht jedem gefallen. Bundeskanzler Friedrich Merz zeigte sich kürzlich empört über Hasskommentare im Netz: „Ich bin nur gelegentlich auf Social Media unterwegs. Aber wenn Sie mal schauen, was dort über mich verbreitet wird, wie ich da angegriffen und herabgewürdigt werde: Kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen“, sagte er. „Ich beschwere mich nicht darüber, aber so ist es.“
Damit begann die nächste Debatte: Merz „jammere herum“, er „übertreibe“, er sei, kommentierte der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR), ein „Mimimi-Kanzler“, der „Spiegel“ schrieb von einer „Kür des politischen Jammerns“.
Ich persönlich finde, man sollte den Ton, das permanente Beleidigen, die verbalen Ausfälle und Übergriffe durchaus thematisieren. Und auch klar benennen, dass all das generell nicht in Ordnung ist – nicht nur dann, wenn es bestimmte Gruppen, Minderheiten, „Marginalisierte“ und so weiter trifft.
Grundsätzlich finde ich aber: Wer austeilt, muss auch einstecken können. Wer an die Öffentlichkeit tritt – und das tut man, wenn man zum Beispiel in „sozialen“ Medien veröffentlicht oder kommentiert –, muss Widerspruch aushalten können. Ich halte es außerdem für richtig, dass Beleidigungen und Drohungen unter bestimmten Voraussetzungen strafbar sind und juristisch geahndet werden können.
Dass Politiker nun gesetzlich besonders geschützt werden müssen, halte ich allerdings für falsch. Es gibt den Paragrafen 188 des Strafgesetzbuches: Eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe kann es geben bei „gegen Personen des politischen Lebens gerichteter Beleidigung, übler Nachrede und Verleumdung“. Dieser Paragraf wurde 2021 beschlossen, weil man befürchtete, dass sich wegen Beleidigungen und Herabwürdigungen immer weniger Menschen politisch engagieren, vor allem auf kommunaler Ebene.
Renate Künast von den Grünen hatte zuvor wegen wirklich übler Beleidigungen geklagt – und zunächst verloren, weil die Gerichte die Beschimpfungen als von der Meinungsfreiheit gedeckt ansahen. Erst das Bundesverfassungsgericht intervenierte.
Ich halte den neuen Paragrafen für gut gemeint, aber in der Sache für problematisch. Er stützt die Sichtweise, dass Politiker eine Sonderbehandlung erfahren sollten. Gleichzeitig finde ich, dass die bestehenden Gesetze ausreichen müssen, um jemanden zu verurteilen, der einen anderen Menschen – egal ob Politiker oder nicht – als „faules Drecksschwein“ et cetera bezeichnet. Andererseits meine ich auch, dass ein Bundeskanzler es aushalten muss, als „Pinocchio“ bezeichnet zu werden, ebenso wie ein Wirtschaftsminister, als „Schwachkopf“ tituliert zu werden. Polizeibesuche und Hausdurchsuchungen halte ich in solchen Fällen jedenfalls für überzogen.
Denn was passiert, wenn irgendwann einmal Populisten und Extremisten regulär durch Wahlen an die Macht kommen? Das scheint leider auch in Deutschland nicht mehr völlig unwahrscheinlich zu sein. Was, wenn sie sich dann durch jede noch so harmlose Kritik beleidigt fühlen und juristisch dagegen vorgehen? Die dauerbeleidigte Leberwurst in Ankara macht vor, wie’s geht.
Die Grenze zwischen Meinungsfreiheit und Beleidigung war schon immer fließend. Und die Frage, was erlaubte scharfe Kritik und was verbotene Herabwürdigung ist, wird uns vermutlich auch weiterhin beschäftigen. Die Kunst besteht darin, einen vernünftigen Mittelweg zu finden.
Vor zwei Wochen wurde in den „Erbaulichen Unterredungen“ angekündigt, dass ein – mir gewidmetes … – Exemplar des Buches „Zur Anatomie der Karikatur“ von Nadia Menze sowie ein Exemplar meines Buches „Der Islam und ich“ verlost werden. Gewonnen hat Jutta M.-C. aus O., die darum bat, ihren vollen Namen nicht zu nennen, was ich selbstverständlich respektiere. Herzlichen Glückwunsch jedenfalls! Die Bücher, zusammen mit einigen Postkarten mit Zeichnungen von Nadia Menze, sind bereits auf dem Weg. Die Auslosung erfolgte mithilfe eines Zufallsgenerators unter allen „Mitgliedern“; Frau Dr. Bohne, nach eigenem Bekunden „Volljuristin“, hat den Vorgang überwacht.
Einen herzlichen Dank auch an all jene, die die „Erbaulichen Unterredungen“ mit ihrer finanziellen Unterstützung ermöglichen.
Am Montag lese ich in Stuttgart (Abre numa nova janela), am Dienstag in Heidenheim (Abre numa nova janela) – vielleicht sehe ich ja die eine oder den anderen von Ihnen? Das würde mich sehr freuen! Auf jeden Fall wünsche ich Ihnen einen angenehmen Sonntag und eine schöne Woche! Ich mache mich jetzt an den fuldanesischen Schwartenmagen.
Herzliche Grüße aus Wien,
Ihr Hasnain Kazim
P. S.: „Mitglied“ werden und damit die „Erbaulichen Unterredungen“ unterstützen können Sie hier: