Von Hasnain Kazim - USA / Preis für Trump / Iran / Thailändische Suppe / Mittägliche Therapie
Liebe Leserin, lieber Leser,
wenn man sich die Nachrichten der vergangenen Woche anschaut, könnte man meinen, dass jetzt wirklich alle verrückt geworden sind. Trump droht offener denn je, Grönland einzunehmen, womit die USA, ein Nato-Staat, einen anderen Nato-Partner, Dänemark, bedrohen. Beide Staaten sind übrigens Nato-Gründungsmitglieder, aber das nur am Rande.
Artikel 5 des Nato-Vertrags ist Herzstück des Bündnisses. Er besagt: Ein bewaffneter Angriff auf ein Nato-Mitglied gilt als Angriff auf alle. Allerdings ging man bisher davon aus, dass der Angriff von außen erfolgt. Offiziell ausgelöst wurde dieser sogenannte Bündnisfall nach Artikel 5 bisher nur ein einziges Mal: nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA.
Dass ein Nato-Staat einen anderen angreift: bis vor kurzem unvorstellbar. Jetzt ist das plötzlich im Rahmen des Möglichen.
Konkret bedeutet das: Wenn die USA Grönland angreifen, sehen die anderen Mitglieder das als Angriff auf das gesamte Bündnis - und leisten dem angegriffenen Land Beistand. Wenn nötig, auch mit militärischen Mitteln. Der genaue Wortlaut lässt allerdings Spielraum: Jedes Mitglied entscheidet selbst, welche Maßnahmen es ergreift, ob es also militärisch, wirtschaftlich, politisch reagiert.
Deutschland hat ein kleines militärisches Erkundungsteam mit 13 Soldaten Richtung Grönland entsandt, um gemeinsam mit anderen Nato-Partnern die Lage zu sondieren und mögliche Beiträge zur Sicherheit der Region zu prüfen.
Ich las diese Woche auch im Internet, die Bundeswehr habe zwei Kriegsschiffe nach Grönland geschickt. Das sind Falschmeldungen, unter Berufung auf unseriöse Quellen. Leider findet solch ein Unsinn weite Verbreitung. Tatsächlich war der Einsatzgruppenversorger “Berlin” im Sommer 2025 in Nuuk, der Hauptstadt von Grönland, und zwar im Rahmen einer multinationalen Nato-Übung. Und die Fregatte “Sachsen” ist derzeit im Nordatlantik unterwegs im Rahmen der “Standing Nato Maritime Group 1”, was Teil der regulären Nato-Mission ist. Diese Schiffe waren oder sind nicht gezielt nach Grönland geschickt worden wegen der aktuellen politischen Lage.
Die Erkenntnis, dass die USA - über Jahrzehnte unser wichtigster Partner, dem wir viel zu verdanken haben - nun die Bedrohung darstellen, ist bedrückend. Ich habe mal an der United States Military Academy (USMA) in West Point sein dürfen, was für mich eine prägende Erfahrung war. Die US-amerikanischen Soldaten habe ich als tolle Kameraden erlebt. Darunter wirklich viele gute, kluge Leute. Die Vorstellung, dass wir nun auf unterschiedlichen Seiten stehen könnten aufgrund eines irren Präsidenten, einer verrückten Politik und einer Mehrheit der Bevölkerung, die das alles gewählt hat - absurd! Aber leider ist es so. Mal ganz davon abgesehen, dass wir europäischen Nato-Staaten selbst dann, wenn wir uns jetzt zusammentun, den USA militärisch nicht gewachsen sind.
Schon der Angriff Russlands auf die Ukraine hat die militärische Aufrüstung angeschoben, Stichwort: “Zeitenwende”. Ich bin kein Waffenliebhaber, aber ich halte das, auch angesichts der seit Jahrzehnten desolaten Ausstattung der Bundeswehr, für richtig. Diese Woche las ich in einer Zeitung über eine Debatte, ob Deutschland sich auch nuklear aufrüsten solle, um geschützt zu sein. 81 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs muss Deutschland sich möglicherweise gegen einen amerikanischen Aggressor schützen. Welch eine Ironie. In welchem Irrsinn leben wir nur?
Ein großer Teil meiner Verwandtschaft lebt in Amerika, die meisten sind US-Staatsbürger. Auch sie sagen, es sei alles so verrückt und absurd. Wir können nur hoffen, dass es genügend Leute an verantwortlichen Stellen gibt in Washington und anderswo, die bei Sinnen sind und Trump davon abbringen können, die Welt ins Unglück zu stürzen. Und dass hoffentlich bald jemand anderes ins Amt kommt, der besser, vernünftiger ist.
Der verschenkte Preis
Ich möchte Präsident Trump meine Kreiskegelmeisterschaft von 1987 überreichen. Hinnerk Diedrichsen war seit Jahren unbesiegbarer Titelverteidiger. Hein Petersen galt als sein härtester Herausforderer. Dann kam ich auf die Bundeskegelbahn, kompletter Underdog, kein Mensch hatte mit mir gerechnet. Eine Kugel, bämm!, alles umgehauen, Kreiskegelmeister, legendäre Story, Seite eins UND drei im „Altländer Tageblatt“, Foto mit der Blütenkönigin! Wann Termin im Oval Office?
Das als Kommentar zu diesem Thema:
https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/machado-trump-friedensnobelpreis-100.html (Abre numa nova janela)Diesen Artikel habe ich mir abgespeichert, wenn ich mal jemandem, der Deutsch lernt, den Spruch - verzeihen Sie die Ausdrucksweise - erklären möchte: “Jemandem in den Arsch kriechen”.
Iran und die Proteste
Würden die USA in Iran militärisch eingreifen, wäre es völkerrechtswidrig. Und doch habe ich es mir diese Woche gewünscht, vergeblich. Natürlich kann man einwenden, dass der Sturz einer ungeliebten Herrschaft von außen selten funktioniert hat. Schaut man ins Nachbarland Irak, wo der Massenmörder und Diktator Saddam Hussein militärisch gestürzt wurde (was mich gefreut hat), folgte danach nur noch Schlimmeres: die Bildung des Terrornetzwerks “Islamischer Staat”, Terror und Gewalt allenthalben.
Auch für Iran wäre unklar, was nach einem Sturz des Mullah-Regimes folgte. Der Sohn des Shah von Persien, nach dem viele in Iran rufen, hat angekündigt, dass die Menschen über Regierungsform und Regierung selbst entscheiden sollen, sprich: Es soll demokratisch zugehen. Hoffen wir, dass er das ernst meint! Und ob das von Erfolg gekrönt sein würde, steht in den Sternen.
Ich jedenfalls wünsche mir, dass dieses primitive Mullah-Regime, das die Menschen seit bald einem halben Jahrhundert bedrängt, einsperrt, seine kruden Vorstellungen aufzwängt, so rasch wie möglich verschwindet. Seit langem gibt es Proteste, doch immer geht das Regime mit Gewalt gegen die Demonstranten und Kritiker vor. Auch jetzt. Tausende Tote. Schüsse auf Demonstranten. Öffentliche Hinrichtungen. Viele Kritiker fühlten sich durch die Ankündigung Trumps, er werde eingreifen, ermutigt, ebenfalls auf die Straße zu gehen. Aber es kam: nichts. Wir lassen diese Menschen im Stich. Und die Langbartfraktion bleibt weiter an der Macht.
Es gibt Suppe, Baby!
Diese Woche hatte ich Lust auf thailändische Gemüsesuppe, scharf möglichst, mit Kokosmilch und leichter Sojanote. Ich schaute ins Netz, fand mehrere gute Rezepte und überlegte mir, wie man sie hier und da noch anders und mehr nach meinem Geschmack und den gerade vorhandenen Zutaten machen könnte.
Ich: „So, heute Abend gibt‘s thailändische Gemüsesuppe.“
Entsetzter Blick des Sohnes. Leichtes Kopfschütteln. „Wann wird man so?“
Ich: „Was meinst du?“
Sohn: „Ab welchem Alter wird man so, dass man sagt: ‚Geil, ich koche heute Gemüsesuppe!‘?“
Ganz mein Sohn.
Sie hat ihm dann doch gemundet, halbwegs.
Hier das Rezept:
Zutaten:
1 EL Pflanzenöl (ich habe Erdnussöl genommen, Sonnenblumenöl geht bestimmt auch)
1 kleine Zwiebel, fein gehackt
3 Knoblauchzehen, fein gehackt
1 TL frisch geriebener Ingwer
2 TL rote Currypaste (oder mehr oder weniger, je nach gewünschter Schärfe)
400 ml Kokosmilch
600 ml Gemüsebrühe
2 EL Sojasauce
1 TL brauner Zucker
1 Paprika, in Streifen geschnitten
3 kleine Karotten, in feine Scheiben geschnitten
100 g Pak Choi (man kann auch Brokkoli nehmen, aber dann hätte es dem Sohn erst recht nicht geschmeckt…)
100 g Champignons, in Scheiben geschnitten
Gehackte Korianderblätter zum Garnieren
Saft einer Limette zum Beträufeln
Zubereitung:
Öl in einem Topf erhitzen. Zwiebel glasig dünsten, dann Knoblauch und Ingwer kurz mitbraten. Currypaste einrühren und etwa 60 Sekunden anrösten, dann Gemüsebrühe und Kokosmilch einrühren und alles aufkochen lassen. Sojasauce und Zucker dazugeben, gut verrühren. Nun alles Gemüse dazugeben; man kann nach Belieben variieren und nehmen, was man gerade da hat. Ich habe das verwendet, was in der Zutatenliste angegeben ist, man kann aber natürlich auch Tomaten oder Blumenkohl oder… verwenden. Acht bis zehn Minuten bei mittlerer Hitze und mit Deckel köcheln lassen, bis das Gemüse bissfest ist. Am Ende abschmecken und eventuell salzen, wenn die Brühe nicht salzig genug ist, mit Sojasauce und Chiliflocken würzen, nach Geschmack Limettensaft dazugeben und mit Korianderblättern garnieren.
Meine Frau sagt, ich solle schreiben, man könne auch Reisnudeln dazu kochen und als Einlage in die Suppe geben.
Mittägliche Therapiestunde
Die moderne Psychotherapie wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Wien begründet, vor allem von Sigmund Freud. Angesichts des Irrsinns in dieser Welt, siehe oben, liegt es nahe, sich dieser Therapieform zu bedienen, um den Glauben an die Menschheit nicht vollends zu verlieren.
Meine Therapeutin ist Frau Dr. Bohne. Und wir machen eine mittägliche Therapiestunde. Ich lege mich aufs Sofa und sage: “Machen Sie ‘Hopp’, Frau Dr. Bohne!”, und dann springt sie aufs Sofa, macht es sich auf mir bequem und schaut mich so an:

Tja, und dann sprechen wir. Beziehungsweise stellt sie mir Fragen, und ich rede. Erzähle ihr von den seltsamen Menschen und dass es oft unterschiedliche Perspektiven gibt, die aufeinanderprallen, und dass man manche Dinge eben auch unterschiedlich sehen kann. Und dass man manchmal eine Persönlichkeitsspaltung empfindet.
Diese Woche erzähle ich ihr von einem deutschen Diplomaten, der in einer internen Publikation für das Auswärtige Amt ein (Schmäh?-)Gedicht über Robert Habeck und Annalena Baerbock verfasst hat, mit dem Titel “Ken & Barbie”. (Abre numa nova janela) Es war natürlich eine Kritik, und ich dachte mir: Als ehemaliger Soldat und damit ja irgendwie Beamter finde ich, dass das nicht geht. Man kann, soll und muss Kritik äußern, aber intern, sachlich, auf dem Dienstweg, in den vorgesehenen Bahnen. Als Autor hingegen denke ich: interessante Story, mutiger Diplomat, der jetzt sicher eine Menge Ärger bekommt. Welche Haltung ist die richtige? Die des Soldaten/Beamten? Oder die des Journalisten/Autors?
Frau Dr. Bohne sagt: “Mmmh. Ach so. Ja ja. Verstehe. So so.”
Und nach einer halben Stunde sagt sie: “So, Herr Kazim, jetzt ist unsere Zeit vorbei. Das macht dann fünf Leckerlis. Leider übernimmt Ihre Krankenkasse das nicht, Sie müssen das bitte sofort in bar bezahlen.”
Sabbernd springt sie vom Sofa und läuft zu dem Topf, in dem sich die Leckerlis befinden. Sie nimmt die Zahlung entgegen, bedankt sich und verschwindet.
“Dann bis zur nächsten Therapie!”, rufe ich ihr noch hinterher.
Ich finde, die Zeit mit Böhnchen hilft mir sehr, manches in der Welt erträglicher zu finden.
Ich wünsche Ihnen einen geruhsamen Sonntag und eine schöne Woche! Morgen kommt ja Ex-Terrorist Ahmed al-Sharaa, derzeit “Übergangspräsident” von Syrien, nach Berlin. Ich bin gespannt, ob und wie oft man ihm den roten Teppich ausrollen wird. Ich wusste, dass man sich manches schöntrinken kann. In Berlin beherrschen manche offensichtlich auch die Kunst, sich Dinge schönzulabern. Lassen wir uns davon nicht ärgern.
Herzliche Grüße aus Wien,
Ihr Hasnain Kazim
P. S.: Ich kann die “Erbaulichen Unterredungen” nur schreiben, weil einige Menschen eine “Mitgliedschaft” wählen und mich auf diese Weise unterstützen, die Zeit von anderer Arbeit freizuhalten. Ich freue mich, wenn Sie sich, sollten Sie das noch nicht tun, auch dazu entschlössen. Das geht hier: