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Warum ich die Internetburka nicht mag

Von Hasnain Kazim - Stade / Klarnamenpflicht? / Anmerkung von Frau Dr. Bohne

Liebe Leserin, lieber Leser,

diese Woche war wirklich furchtbar. Ich saß am Montag an einem Text, als plötzlich eine Eilmeldung aufploppte: „Tote bei Schießerei in Stade“.

Stade ist meine Heimatstadt. Dort bin ich zur Schule gegangen. Hollern-Twielenfleth, das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, liegt nur wenige Kilometer von Stade entfernt und gehört zum Landkreis Stade.

Ein 45-jähriger Typ hat in einer Mutter-Kind-Einrichtung sechs Menschen erschossen. Er kam aus Garbsen, in der Nähe von Hannover. Stade nimmt auch Mütter und Kinder aus anderen Regionen auf, um ihnen Schutz zu bieten. Dieser Typ fuhr gezielt dorthin – gemeinsam mit einer älteren Frau, wie es hieß, der Patentante seiner dreimonatigen Tochter. Und dann tötete er gezielt Mitarbeiter der Familienhilfe. Vier Frauen und zwei Männer. Drei aus Stade, drei, die eigens aus der Region Hannover zu einem Gesprächstermin mit ihm angereist waren. Zwei Tage nach der Tat, erzählte mir jemand, stand noch ihr Mietwagen vor dem Haus.

Das Gespräch ist auf ganz furchtbare Weise eskaliert. Wahrscheinlich war genau das der Plan des Mannes. Jedenfalls hatte er eine in Berlin gekaufte Pistole, eine Beretta, dabei.

Später kursierten Berichte, wonach der Mann, gebürtig in Deutschland und mit Wurzeln in der Türkei, bereits in der Türkei Probleme mit dem Gesetz gehabt haben soll, mutmaßlich wegen eines Sexualdelikts, möglicherweise sei er von dort geflüchtet. Es heißt, er sei gewalttätig und problematisch gewesen, weshalb auch so viele Mitarbeiter bei dem geplanten Gespräch vor Ort waren. Außerdem wurde berichtet, dass er und die Mutter des Kindes dem Säugling möglicherweise schon im April 2026, als das Kind erst wenige Wochen alt war, Gewalt angetan hatten. Dass er das Kind geschüttelt und schwer verletzt habe.

In Stade kennt fast jeder jeden. Kurz nach der Eilmeldung sah ich in den Nachrichten, dass sich der Tatort in der Dankersstraße befindet. Das ist nur ein paar hundert Meter Luftlinie von meinem Elternhaus entfernt und ebenso nah am Haus der Familie meiner Frau. Wenn ich in Stade bin, gehe oder radele ich oft durch die Dankersstraße. Ich kenne Menschen, die in der unmittelbaren Nachbarschaft des Tatorts leben. Eine Verwandte einer Freundin arbeitet in dieser Mutter-Kind-Einrichtung. Ich kenne Polizistinnen und Polizisten, die beim Einsatz dabei waren, auf die der flüchtende Täter angeblich gefeuert hat und die in die Reifen des Fluchtautos schossen, um ihn zu stoppen.

Weiter wird berichtet, dass die Frau, die den Fluchtwagen gefahren hat und zunächst festgenommen wurde, die Patentante also, in der Migrationshilfe arbeitete und den Täter unterstützte. Ein niedersächsischer SPD-Politiker, ebenfalls in der Migrationsarbeit tätig, meldete am Donnerstagabend, die Frau sei seine Schwiegermutter.

Nun kochen natürlich diverse Gruppen und Organisationen und Publikationen ihr Süppchen. Es gibt keine Sippenhaft, und vieles muss überprüft und bestätigt werden. Aber das ändert nichts, absolut nichts an der Tatsache, dass wir Fragen haben. Auch nicht, wenn die vermeintlich Falschen diese Fragen ebenfalls stellen. Wir haben eine Menge Fragen. Alles muss auf den Tisch. Nichts darf verschwiegen, verheimlicht, vertuscht werden.

Über die Tat von Stade berichteten Medien in der ganzen Welt. In den USA, in Japan, in Australien und auch hier in Österreich. In der „Tagesschau“ während der WM-Halbzeitpause war Stade die Hauptnachricht. Ich bekam Nachrichten aus aller Welt mit der Frage, ob alles in Ordnung sei.

Stade, erzählen mir viele, ist seither wie gelähmt. Viele Menschen, die ich kenne, waren am Tag darauf bei der Andacht zum Gedenken an die Opfer. Zum Gedenken an Menschen, die beruflich helfen wollten. Ich bin unglaublich traurig, aber auch sehr wütend. Seit Montag bin ich in Gedanken bei den Opfern und ihren Familien. Bei den Menschen, die Zeugen dieser Tat werden mussten. Und bei den Polizistinnen und Polizisten, die in ihrem Dienst Furchtbares gesehen und erlebt haben.

Wieder einmal ein Typ, der seine Emotionen nicht unter Kontrolle hatte und dessen Unfähigkeit andere Menschen das Leben kostete.

Es fällt mir manchmal schwer, verzeihen zu können. Den Prozess gegen diesen Typen werden viele Menschen sehr genau verfolgen, ich eingeschlossen. Man soll nicht vorverurteilen. Mir fällt allerdings nichts ein, was meinen Wunsch, er möge nie wieder das Gefängnis verlassen, mildern könnte. Resozialisierung hin oder her – ich möchte so einen Typen nicht in meiner Gesellschaft.

Internetburka?

„Sind Sie für eine Klarnamenpflicht im Internet?“, fragt mich Ute P. Diese Frage wird mir immer wieder einmal gestellt. Ich möchte sie heute beantworten, weil ich für mich einen Entschluss gefasst habe.

Vorweg: Ich bin gegen eine gesetzliche Klarnamenpflicht. Ich bin ohnehin nicht der Ansicht, dass alles und jedes vom Gesetzgeber geregelt werden muss. Wir haben genügend Regeln und Gesetze. Es wäre schon schön, wenn die grundlegenden Dinge auch einmal durchgesetzt würden.

Was das anonyme Diskutieren und Reden angeht: Es gibt Situationen, in denen ich sehr gut nachvollziehen kann, dass Anonymität wichtig ist. Wenn Sie in einem autokratisch oder diktatorisch regierten Staat die Herrschenden kritisieren wollen, wenn Sie dort etwas gegen den Diktator, den Autokraten, die dauerbeleidigte Leberwurst, das Militär, die Ideologie, die Religion, die Korruption, die Misswirtschaft oder die Lügen sagen wollen, bleibt Ihnen oft nichts anderes übrig, als das anonym zu tun. Andernfalls landen Sie im Gefängnis oder es geschieht Ihnen noch Schlimmeres.

Auch in Demokratien wie Deutschland gibt es Gründe, anonym im Netz zu reden. Zum Beispiel im Forum einer Selbsthilfegruppe gegen Furunkel am Hintern. Oder wenn Sie über psychische Erkrankungen sprechen wollen. Oder über Sucht. Oder über Gewalterfahrungen. Oder über vieles andere – das sind nur Beispiele. Es gibt einiges, das schambehaftet oder sicherheitsrelevant ist und bei dem es sinnvoll ist, anonym unterwegs zu sein.

Dazu zählt aber nicht, was ich oft höre: „Wenn ich meine Meinung sage, muss ich mit Konsequenzen am Arbeitsplatz rechnen!“ Klar ist: Für seine Worte trägt man Verantwortung. Für seine Worte muss man geradestehen. Wenn jemand im Netz in einem Video auftaucht, in dem er besoffen „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“ grölt, und ich sollte dessen Chef sein, kann er sicher sein, dass wir zum nächstmöglichen Zeitpunkt einen Termin miteinander haben und er möglicherweise seinen Job los ist.

Ich weiß aber auch: Heutzutage gibt es wegen jedes Kleinkrams gleich eine Treibjagd. Adressen werden veröffentlicht, Menschen unmöglich gemacht. Beim genannten „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“-Beispiel finde ich es richtig, wenn jemand eventuell, je nach Umständen, arbeitsrechtliche Konsequenzen zu spüren bekommt. Ich halte es jedoch für falsch, wenn er, gerade wenn er Reue zeigt, auf alle Ewigkeit öffentlich gebrandmarkt, namentlich bekannt und über viele Jahre hinweg unmöglich gemacht wird. Wie überall gilt auch hier: Maß und Mitte.

Und bei Maß und Mitte gilt für mich: Ich höre niemandem zu, der vermummt oder in Vollverschleierung auftritt und irgendwelche Reden schwingt, weder auf der Straße noch auf dem Marktplatz, schon gar nicht bei mir zu Hause. In einer zivilisierten Gesellschaft sind wir nicht in einer Burka unterwegs, auch nicht im Internet. Ich wüsste nicht, warum ich Leuten zuhören sollte, die in einer Internetburka auftreten. (Und falls jetzt jemand erbost fragen möchte, ob ich eine Gesellschaft, in der Burka normal ist, für unzivilisiert halte: Ja, tue ich.) Wer mit mir reden, diskutieren, mich kritisieren oder sich mit mir streiten möchte, darf das gerne tun. Ich höre aber nur zu, wenn man das mit Namen und Gesicht tut. Wenn ich also weiß, mit wem ich zu tun habe. Mein Gesprächspartner weiß schließlich auch, wer ich bin.

Denen, die sich nicht daran halten, werde ich künftig noch seltener zuhören – und eh nur, wenn ich Lust dazu habe. Und ich werde sie sehr viel schneller kommentarlos blockieren. Meinungsfreiheit bedeutet kein Recht auf Gehör. Und wer gehört werden will, sollte ein Mindestmaß an Anstand an den Tag legen. Dazu gehört, nicht anonym unterwegs zu sein, wenn es dafür keinen nachvollziehbaren Grund gibt. Bei Gesprächen mit mir gibt es den in den allermeisten Fällen nicht.

„Wauwau?“

Diesen Beitrag hat Frau Dr. Bohne verfasst:

Es gibt etwas, das mir auffällt und das ich unbedingt zur Sprache bringen muss. Immer öfter erlebe ich – übrigens gerade eben erst wieder –, dass ich mit meinem Menschen durch die Stadt gehe und Menschenkinder mit dem Finger auf mich zeigen und „Wauwau!“ sagen. Die Eltern sind jedes Mal ganz verzückt. „Ja, Wauwau!“, sagen sie dann. Und unternehmen nicht einmal den Versuch einer Korrektur!

Ich bitte Sie!

Ich bin eine Wiener Dame. Eine Hündin. Ein Deutscher Jagdterrier-Rauhaardackel-Mischling. Mein Name ist Frau Dr. Bohne. Sie können doch nicht „Wauwau“ zu mir sagen! Wir Hunde sagen zu Ihnen schließlich auch nicht „Blabla“ oder „Mimimi“!

Denken Sie einmal darüber nach!

Wauwau. Pah!

Ich habe mich spontan entschlossen zu verreisen. Daher werden die „Erbaulichen Unterredungen“ am kommenden Sonntag nicht erscheinen. Danach geht es wie gewohnt weiter.

Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Sonntag, eine gute Zeit und sende herzliche Grüße aus Wien,

Ihr Hasnain Kazim

P. S.: Immer mehr Menschen lesen die „Erbaulichen Unterredungen“. Vielen Dank für Ihr Interesse! Viele schreiben mir auch, senden Kommentare, Kritik und Anmerkungen. Ich bitte um Verständnis, dass ich nicht dazu komme, alles zu beantworten. Wenn Sie die „Erbaulichen Unterredungen“ unterstützen möchten, können Sie das mit einer Mitgliedschaft tun:

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