Bei mir gibt es entweder das Eine oder das Andere. Entweder ich habe alles im Griff – oder ich bin komplett daneben. Zeit, mal über das Dazwischen zu reden.

Mir fällt auf, wie schnell ich innerlich in Extreme rutsche.
Entweder ich habe alles im Griff – oder gar nichts. Entweder ich bin klar – oder ich bin zu hart. Entweder ich halte durch – oder ich explodiere. Es gibt gefühlt nur zwei Zustände: Kontrolle oder Kontrollverlust. Dabei verliere ich völlig aus dem Blick, dass es ein Dazwischen gibt.
Das passiert nicht nur mir. Vermutlich auch dir.
Nehmen wir Wut.
Wenn du ein Problem mit Wutausbrüchen hast, willst du sie vermutlich möglichst schnell loswerden. Verständlich. Aber zwischen totaler Eskalation und kompletter Selbstverleugnung liegt ein weiter Raum, den wir gerne ignorieren.
Welche Form von Ausdruck liegt zwischen Schweigen und Eskalation? Wie sähe Wut aus, wenn sie nicht zerstören, sondern orientieren dürfte?
Schwierig wird es vor allem dann, wenn jemand nur ein einziges „richtiges“ Bild von sich im Kopf hat. Die ideale Führungskraft. Die perfekte Mutter. Die immer empathische Helfer-Seele. Dann entstehen Druck, Vermeidung und Selbstabwertung. Die Fähigkeit, sich dazwischen zu bewegen, geht verloren.

Wir sind im Training
Es gibt gute Gründe, in Extremen zu denken. Die Welt bietet uns ständig welche an. Politisch sowieso. Man soll sich klar positionieren, stark und eindeutig sein. Das Dazwischen gilt schnell als Schwäche. Dabei ist es oft schlicht die Realität.
Ein Mann, mit dem ich gearbeitet habe, war überzeugt, er müsse von jetzt auf gleich zur knallharten Führungskraft werden. Dabei hatte sein Team lange gut funktioniert. Nähe, Vertrauen, vieles lief implizit – bis sich etwas im System verschob.
Statt gleich zum großen Sit-down-Gespräch im Büro anzusetzen (Tür zu, ernster Ton, „Wir müssen reden“), begann er mit kleinen, unspektakulären Schritten. Er hörte auf, jedes Unbehagen wegzulächeln. Fing an, Sätze stehen zu lassen, ohne sie sofort zu relativieren. Und überhaupt erst wahrzunehmen, wann er innerlich auf Spannung ging.
Es ist wie beim Marathon. Man läuft ja auch nicht einfach los. Man ist im Training.
Schaff dein Vorbild ab!
Erschwerend kommt hinzu, dass viele Menschen mit Vorbildern arbeiten, die sie nie wirklich überprüft haben. Solche Idealbilder funktionieren sehr gut als Vorstellung, aber schlecht als Orientierung.
Eine Geschäftsführerin erzählte mir einmal, sie wolle in wichtigen beruflichen Situationen gern sein wie Anna Wintour. Souverän, kontrolliert, unangreifbar. Ein Bild, das sofort leuchtet und gleichzeitig gnadenlos ist. Denn es kennt keine Zweifel, keine Überforderung, keine schlechten Tage.
Was aber, wenn auch das dazugehören dürfte?
So landeten wir bei einer anderen Figur: Fleabag. Emotional, widersprüchlich, manchmal völlig neben der Spur. Sie scheitert, sie stolpert, sie macht Dinge kaputt – und steht trotzdem immer wieder auf. Nicht elegant, aber erstaunlich handlungsfähig.
Plötzlich entstand ein Raum, in dem sie stehen konnte, ohne sich zu verstellen.
In diesem Leben werde ich nicht Peaches
Idealbilder erzeugen Distanz. Identifikationsräume hingegen erzeugen Bewegung. Ich selbst orientiere mich deshalb musikalisch nicht an Peaches. Stattdessen gucke ich, dass ich vielleicht irgendwann auf der Bühne so loslassen kann wie Jenny und Flo (Abre numa nova janela) von der Chemnitzer Band Baumarkt.
Ein Bild wirkt dann entwicklungsförderlich, wenn es nah genug ist, um erreichbar zu wirken, und fremd genug, um Wachstum zu ermöglichen. Wenn ich Baumarkt einen Schritt näher käme – was würde sich konkret verändern? Und was müsste ich dafür nicht aufgeben?
Noch besser ist natürlich, ich messe mich an mir selbst.
Aber das ist dann schon Next-Level-Shit.
Mir reicht fürs Erste: nicht perfekt, aber bewohnbar.
Komm her, du.
*KNUDDELWUDDEL*
Deine Katrin

Woah! Das war die 50. Ausgabe von HEISE SCHEISE. Schön, dass du sie gerade am eigenen Leib erlebt hast! Passenderweise habe ich mir kürzlich zum 50. Mal vorgenommen, sie regelmäßiger zu schreiben. Das klappt am besten, wenn ich nicht darüber nachdenke, dass meine Texte manchmal bei Kunden oder irgendwelchen berühmten Journalist:innen landen. Aber auch hier kann ich mir wieder sagen: Ihr seid auch nur Identifikationsräume, keine Idealbilder. 🧘♀️
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