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Im Kopf des anderen

Können sich Raben vorstellen, was andere denken? In diesem Artikel nehme ich dich mit in ein Wiener Labor, in dem Raben durch Gucklöcher spähen, erzähle dir von gefiederten Intriganten, die Allianzen sabotieren, und erkläre, warum ein 20-Gramm-Gehirn es locker mit einem Schimpansen aufnehmen kann. Steigen wir ein!

Alan Vernon für Wikimedia Commons.

Ein Rabe sitzt allein in einem Raum. Vor ihm liegt ein Stück Hundefutter, das er gleich verstecken will. Nebenan liegt ein zweiter Raum, getrennt durch eine Wand mit einem kleinen Guckloch, das man öffnen und schließen kann. Der Rabe kennt dieses Loch. Er hat selbst schon hindurchgespäht und dabei begriffen, dass man da durchgucken kann. Plötzlich hört er Geräusche, das Krächzen eines Artgenossen aus dem Nebenraum! Dabei stellt er fest: Oh nein, Guckloch steht offen! Der Rabe zögert kurz, dann versteckt er schnell sein Futter und geht dabei besonders vorsichtig vor, so wie er es auch in Gegenwart eines ranghöheren Beobachters tun würde.

Nun ist es so: Raben verstecken Futter, und sie gehen dabei vorsichtiger vor, wenn Artgenossen in der Nähe sind. Ein Rabe, der sich beobachtet fühlt, beeilt sich, wählt andere Verstecke, kehrt seltener zu Orten zurück, die er schon benutzt hat, um sich nicht selbst zu verraten. Raben reagieren also auf die Anwesenheit anderer – das wusste man schon. Aber reagieren sie auf die anderen selbst, oder auf das, was die anderen sehen könnten? Der Rabe in dem Raum hatte keinen anderen Raben gesehen, nur gehört. Er konnte also nicht auf einen direkten visuellen Reiz, auf einen “Beweis” reagieren. Trotzdem kombinierte er zwei Informationen – seine eigene Erfahrung, dass man durch das Guckloch schauen kann, und das akustische Signal eines Artgenossen. Daraus schloss er, dass er zumindst beobachtet werden könnte.

Diese Szene stammt aus einem Experiment, das Forschende der Universität Wien 2016 im Fachjournal Nature Communications veröffentlichten. Die Ergebnisse sorgten in der Kognitionsforschung für Aufsehen, denn sie legten nahe, dass Raben über eine Fähigkeit verfügen, die lange als Alleinstellungsmerkmal des Menschen galt: die Theory of Mind. Ich weiß nicht, ob du schon einmal davon gehört hast, aber dieser Begriff bezeichnet die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, ihre Perspektive einzunehmen und zu verstehen, was sie wissen, sehen oder beabsichtigen könnten. Die Frage, ob Tiere dazu in der Lage sind, beschäftigt Philosoph:innen und Biolog:innen seit Jahrzehnten, und jetzt scheint die Antwort bei unseren schwarzen gefiederten Freunden immer klarer zu werden.

Wichtige Zwischeninfo: Gerade läuft noch bis morgen die Aktion „Stunde der Wintervögel“ vom NABU. Nimm dir eine Stunde, geh in deinen Garten, auf den Balkon oder in den nächsten Park und zähle die Vögel, die du siehst. Deine Meldung ergänzt tausende weitere Beobachtungen zu einem aussagekräftigen Bild der Wintervogelwelt, und du hilfst der Forschung! Wissenschaftler:innen greifen nämlich auf diese Daten zurück, erkennen Verschiebungen und leiten daraus Schutzmaßnahmen ab. Mach mit, solange das Zeitfenster offen ist, und verwandle deine Beobachtungen direkt in wirksame Naturschutzarbeit, plus du verbringst ein bisschen Zeit draußen. Win-win, oder?

Was bedeutet es, sich in andere hineinzuversetzen?

1978 stellten die Psychologen David Premack (1925-2015) und Guy Woodruff eine Frage, die Forschende seither beschäftigt: Besitzt der Schimpanse eine Theory of Mind? Dieser Begriff beschreibt die Fähigkeit, sich vorzustellen, was in anderen vorgeht. Was wissen sie? Was wollen sie? Was glauben sie? Wenn du beim Versteckspiel überlegst, wo dein Gegenüber wohl zuerst suchen wird, nutzt du genau diese Fähigkeit. Und wenn du verstehst, dass jemand an einem falschen Ort suchen wird, weil er nicht mitbekommen hat, dass das Versteck gewechselt wurde, dann hast du begriffen, dass andere Menschen Überzeugungen haben können, die von der Realität abweichen. Das ist Theory of Mind in ihrer ausgereiftesten Form.

Francesco Ungaro für Unsplash.

Bei uns Menschen entwickelt sich diese Fähigkeit etwa mit vier Jahren. Vorher haben Kinder tatsächlich noch ziemliche Schwierigkeiten zu begreifen, dass andere etwas glauben können, das schlicht falsch ist. Forschende testen das mit einem einfachen Szenario, dem sogenannten False-Belief-Test (auch Sally-Anne-Test genannt): Ein Kind schaut zu, wie eine Puppe einen Ball in eine Schachtel legt und dann den Raum verlässt. Während die Puppe weg ist, wird der Ball heimlich in eine andere Schachtel gelegt. Jetzt die Frage: Wo wird die Puppe suchen, wenn sie zurückkommt? Kinder unter vier sagen fast immer: dort, wo der Ball jetzt wirklich liegt. Sie können sich noch nicht vorstellen, dass die Puppe etwas Falsches glaubt und deshalb am falschen Ort suchen wird.

Bei Tieren, die nicht sprechen können, wird es knifflig. Woher weiß man, ob ein Tier wirklich versteht, was ein anderes denkt, oder ob es einfach auf Verhaltensweisen reagiert, die es beobachten kann? Wenn ein Schimpanse sein Futter versteckt, sobald ein anderer Schimpanse in seine Richtung schaut, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder er begreift: Der andere kann mich sehen. Oder er hat gelernt: Kopf zeigt in meine Richtung, Futter ist in Gefahr. Die erste Erklärung setzt voraus, dass er versteht, dass da ein “anderer” ist, und sich dann auch in ihn reinversetzt. Die zweite kommt ohne das Drumherum aus. Zwischen diesen beiden Möglichkeiten zu unterscheiden, ist überraschend schwierig und hält die Forschung ganz schön auf Trab, und lange dachte man, dass so “einfache” Tiere wie Vögel das sicher nicht können. Nun weit gefehlt, wie wir gleich sehen werden.

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