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Macht. Was passiert bei dir, wenn du dieses Wort liest? Viele Menschen haben negative Assoziationen, und das ist verständlich. Gerade in Deutschland ist der Begriff mit dem Nationalsozialismus verbunden, mit Worten wie „Machtergreifung“ oder „Ermächtigungsgesetz“. Letzteres war 1933 das Gesetz, das das demokratische Parlament entmachtete und die nationalsozialistische Diktatur etablierte.
Doch es gibt eine andere, positivere Sicht auf Macht. Sie zeigt sich im neudeutschen Empowerment. Darin steckt das Wort „Power“, also Macht. Direkt übersetzt „Ermächtigung“ oder „Befähigung“. Empowerment ist also der Vorgang, Macht zu erlangen. Warum Ermächtigung, im psychologischen Sinne, für die Demokratie so essenziell ist und wie Selbstermächtigung mit einer Inner Work gelingen kann, darüber geht diese Ausgabe.
Zwei Gesichter der Macht
Häufig wird Macht mit Zwang gleichgesetzt. Max Weber, der einflussreiche Soziologe, definierte Macht als die Fähigkeit, den eigenen Willen auch gegen Widerstand durchzusetzen. Mir gefällt diese Definition nicht. Nach meinem heutigen Verständnis wäre es Gewalt, eine Person dazu zu bringen, etwas zu tun, obwohl sie das nicht möchte. Es wäre eine Form psychischer oder emotionaler Gewalt. Doch diese Konzepte existierten am Anfang des 20. Jahrhunderts vermutlich noch nicht.
Mich spricht viel mehr die Arbeit von Hannah Arendt an, einer prägenden jüdischen deutsch-US-amerikanischen politischen Theoretikerin. Arendt sagt: Macht ist ein kollektives Phänomen. Sie ist die Fähigkeit einer Gruppe, gemeinsam zu handeln. Macht ist also nichts, was ein Individuum besitzen kann, sondern existiert immer nur temporär in Beziehung mit anderen. Macht beruht auf Zustimmung, nicht auf Befehl und Gehorsam.

Mit dieser Definition im Kopf halte ich die Übersetzung von Demokratie als „Volksherrschaft“ für extrem unglücklich. Demokratie ist das Gegenteil von Herrschaft. Im Ideal der Demokratie befiehlt niemand und niemand gehorcht. Demokratie bedeutet, dass Menschen zu einer gemeinsamen Entscheidung finden und gemeinsam handeln. Der Althistoriker Josiah Ober, Professor an der Stanford-Universität, hat einen spannenden Artikel (Abre numa nova janela) zur wörtlichen Bedeutung des altgriechischen Worts Demokratie verfasst und legt dar, warum Demokratie nicht Herrschaft einer Mehrheit, sondern die Fähigkeit zum gemeinsamen Handeln bedeutet.
Wenn Macht also kollektiv und relational ist, wenn sie eine Beschaffenheit einer Gruppe beschreibt und nur so lange existiert, wie die Gruppe zusammenhält, dann ist Macht eher so etwas wie Energie oder schöpferische Kraft. Eine Kraft, die entsteht, wenn sich Menschen zusammentun, und die diese Menschen dann gemeinsam handeln lässt.
So fühlt sich Macht an
An dieser Stelle möchte ich dich einladen, zu reflektieren: Mit welchen Gruppen handelst du gemeinsam? Welches Ziel oder welche Ziele verfolgt ihr? Wie fühlt sich die kollektive Macht für dich an?
Ich erlebe diese Form von Macht in meiner Arbeit mit unterschiedlichen Gruppen: Bei Mehr Demokratie e. V. entsteht sie, wenn wir an der Weiterentwicklung der demokratischen Kultur (Abre numa nova janela) arbeiten, Veranstaltungen konzipieren, gemeinsam reflektieren oder eine Strategie erarbeiten. Bei der CRITICAL FRIENDS Changemaker Akademie (Abre numa nova janela) leite ich in Workshops immer wieder Teilnehmende an, eine individuelle Stärke zu erfahren. Obwohl ich in meiner Rolle die Agenda setze, entsteht die eigentliche transformative Kraft erst im Miteinander. Macht können wir nur gemeinsam erleben, wenn wir alle in diesen vitalisierenden Zustand des Empowerments kommen und uns individuell und kollektiv handlungsfähig fühlen.
Es ist auch genau dieses Verständnis von Macht, das wir brauchen, um die Demokratie zu erhalten und sie zu stärken.
Demokratie unter Druck
Denn die Demokratie ist in Gefahr. Es gibt Kräfte, die ihre Institutionen aushöhlen und den Diskurs vergiften wollen. Diese Kräfte haben ein Verständnis von Macht, in dessen Zentrum Dominanz steht. Der Stärkere setzt sich durch, zur Not mit Gewalt.
Wenn wir die Demokratie im Sinne der Demokratie stärken wollen, dann brauchen wir, die wir uns für die Demokratie einsetzen, mehr Macht. Und damit meine ich natürlich Macht, wie Hannah Arendt sie beschreibt. Angenommen, es gelingt uns, uns zu empowern, wie können wir diese Macht einsetzen? Ich glaube, zwei Fragen werden dann besonders relevant. Die eine ist: Wofür wollen wir unsere Energie nutzen bzw. wofür lohnt sich unser Engagement?
Das andere ist die Frage, wie wir mit den Feinden der Demokratie umgehen? Eine verkürzte Antwort darauf ist: Wir sollten uns nicht von ihren Provokationen triggern und nicht von ihren Themen beherrschen lassen. Sondern wir sollten den Fokus konsequent auf das richten, was uns wichtig ist. Das erfordert innere Arbeit und die Fähigkeit, klare Grenzen zu setzen. Es bedeutet, Nein zu sagen zu Provokationen und stattdessen das zu tun, was uns Energie gibt. Abgrenzung und die Fokussierung auf eigenen Anliegen verstärken sich gegenseitig, und genau dafür habe ich die folgende Inner Work entwickelt.
Inner Work zum Empowerment
Entspanne dich. Schließe deine Augen und nimm einige Atemzüge bewusst wahr. Nimm wahr, wie sich dein Körper anfühlt.
Wann hast du das letzte Mal etwas gemeinsam mit anderen gemacht, das irgendwie positiv oder bedeutsam war. Es kann beispielsweise sein, dass du Freude dabei hattest, oder motiviert und konzentriert warst. Oft ist das Erste, was einem in den Sinn kommt, eine gute Wahl. Was hast du gemacht? Mach eine kurze Notiz dazu.
Wenn du dich an diese Situation erinnerst, wie fühlt sich das jetzt an? Nimm dir einen Moment Zeit, um das zu spüren.
Dann mache intuitiv eine Geste, die dieses Gefühl irgendwie widerspiegelt. Mache die Geste und erforsche sie, indem du sie langsamer und schneller machst, und größer und kleiner. Finde heraus, wie sich diese Geste am besten anfühlt. Dann leg diese Geste für einen Moment beiseite. Wir kommen später darauf zurück.
Erinnere dich jetzt an einen anderen Moment, in dem du unzufrieden warst, oder dich geärgert hast, irgendwie getriggert warst. Ein Moment, in dem du dich irgendwie eingeschränkt oder blockiert erlebt hast. Was ist passiert? Beschreibe diese Trigger-Situation mit wenigen Worten und mach das so, als würdest du die Situation wie in einem Film beobachten. Was hat der Hauptdarsteller / die Hauptdarstellerin (du) in dieser Szene gemacht? Wie hat diese Person (du) sich dabei gefühlt? Schreibe nicht aus der Ich-Perspektive, sondern über sie oder ihn.
Für diesen nächsten Schritt kann es wichtig sein, dass du weiterhin von außen auf die Trigger-Situation schaust. Hole die Geste von vorhin aus der positiven Situation wieder hervor. Reise nun gedanklich mit dieser Geste in die Vergangenheit, in die Trigger-Situation. Wenn du diese Geste nun in der Trigger-Situation machst, was verändert sich? Welche neue Handlungsmöglichkeit entsteht? Wie fühlst du dich dabei? Empfindest du mehr Handlungsmacht? Mach dir auch hierzu eine Notiz.
Glaube an die (innere) Demokratie
Wenn die Inner Work für dich funktioniert hat, dann war es ein Moment von Empowerment. Durch die Anleitung haben wir, auf eine Art, gemeinsam etwas getan. Und wenn man das Empowerment auf die innere Demokratie überträgt, dann hast du durch die Arbeit mit der Geste einen Anteil von dir empowert, einen Anteil aus der Vergangenheit. So kann man sich das auch vorstellen.
Meine Erfahrung ist folgende: Wenn Menschen solche Empowerment-Erfahrungen machen, in denen sie ihre innere Vielfalt erfahren, dann handeln sie anschließend immer im Sinne eines größeren Ganzen, letztlich gemeinschaftlich und prosozial. Für mich stärken diese Erfahrungen den Glauben an die Menschheit enorm. Diese Erfahrungen sind es auch, die mich an die Demokratie glauben lassen.
Wie erging es dir mit der Inner Work und was lässt dich an die Demokratie glauben?