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Die Sache mit den Namen

Unsere Namen sind das Erste, was wir sagen, wenn wir uns vorstellen. Paare streiten bis zur Durchtrennung der Nabelschnur und darüber hinaus über den passenden Vornamen des Babys. Der Name soll schön sein, zum Nachnamen passen, in verschiedenen Sprachen funktionieren … Die Entscheidung muss gut überlegt sein, denn einmal getroffen gilt sie ein Leben lang.

Birkenfeld

Köln, Mai 2023 © Kristina Klecko

In Deutschland darf der Name familienrechtlich, etwa im Fall von Heirat, Scheidung oder Adoption, mehr oder weniger unkompliziert geändert werden. Eine Namensänderung außerhalb dieser Lebensereignisse ist nicht vorgesehen. Das Bundesministerium des Inneren und für Heimat schreibt dazu auf der eigenen Website:

“Das Namensrecht in Deutschland ist vom Grundsatz der Namenskontinuität geprägt. (…) Nach den Grundsätzen des deutschen Namensrechts steht der Name einer Person grundsätzlich nicht zur freien Verfügung des Namensträgers.” (Quelle (Abre numa nova janela))

Dein Name ist nicht deine Entscheidung.

Wer den eigenen Namen trotzdem ändern möchte, muss eine psychische Belastung, die mit dem Namen einhergeht, nachweisen. In mehreren therapeutischen Sitzungen erläutern Betroffene dafür ihre (Leidens-)Geschichte. Das psychologische Gutachten, das auf Grundlage dieser Berichte entsteht, muss bestimmten Anforderungen genügen. Es enthält Informationen zur Diagnose, der Dauer der psychotherapeutischen Behandlung, der Schwere der psychischen Belastung sowie der Auswirkung dieser auf den Alltag der Betroffenen.

Die Namenskontinuität liegt im Interesse der Öffentlichkeit. Diese wird durch die Tatsache geschützt, dass unsere Namen uns eindeutig in der Gesellschaft auszeichnen und in rechtliche Zusammenhänge einordnen. Für erwachsene deutsche Staatsbürger*innen, die am gesellschaftlichen und geschäftlichen Leben teilnehmen, gilt der Grundsatz, dass der Name nicht verändert wird. Da bei Kindern die Teilnahme am Geschäftsleben eingeschränkt ist, ist hier die Namensänderung zulässiger.

Für Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft, ob Erwachsene oder Minderjährige, gelten andere Gesetze. Die Namensänderung begleitet fast alle Menschen mit insbesondere außereuropäischem Migrationshintergrund. Bei Russlanddeutschen mussten die Namen aus dem kyrillischen ins lateinische Alphabet übertragen werden. In der Wissenschaft nennt man diesen Vorgang Transliteration (Abre numa nova janela). Es gibt klare Regeln dafür. Bei der Übertragung der russifizierten Namen ins Deutsche im Zuge der Registrierung oder der Einbürgerung gab es zumindest in den 1990er Jahren kein einheitliches System. Es kam darauf an, welche Namen die Russlanddeutschen oder die zuständigen Sachbearbeiter*innen in den Standesämtern kannten und für die deutsche Entsprechung hielten. Die neuen Namen sollten den Russlanddeutschen das Ankommen und die Integration erleichtern.

Wähle einen deutschen Namen und niemand bemerkt den Unterschied.

Meine Familie hatte vergleichsweise Glück. Unser Nachname hatte eine Buchstabenfolge aufgeben müssen, weil es diese im Deutschen angeblich nicht gab. Wir würden, so die Drohung des Sachbearbeiters, den Nachnamen immer buchstabieren müssen. Wir akzeptierten die Änderung. Wir wussten vielleicht nicht, dass der Name von da an anders klingen würde. Später merkten wir, dass es die Buchstabenfolge durchaus gab, dass diese sogar in Namen vorkam. Auch hatte sich das Versprechen des Beamten, durch die Namensänderung würden wir nicht ständig buchstabieren müssen, nicht erfüllt. Die neue Buchstabenfolge war für deutsche Muttersprachler*innen ebenso wenig intuitiv erschließbar wie die alte. Seit 1997 buchstabiere ich geduldig und habe gelernt, meinen Namen in allen möglichen Klangkombinationen zu erkennen, wenn ich in Wartezimmern aufgerufen werde.

Die Journalistin und Russland-Korrespondentin Inna Hartwich beschreibt die Geschichte ihrer Namensänderung so:

“Die sowjetischen Behörden machten aus Hartwig ‚Gartwich‘, das Russische kennt kein H, wie es das im Deutschen gibt, auch das g am Ende verschwand. Deutsche Behörden werden Jahrzehnte später, als die weitverzweigte Familie ab den 1990ern nach Deutschland emigrierte, aus Gartwich ‚Hartwich‘ machen, bei manchen auch wieder Hartwig. Eine behördliche Ignoranz, hier wie dort.” Inna Hartwich, Friedas Enkel

Offiziell ist die Namensänderung eine freiwillige Entscheidung, aber wenn dir in einem fremden Land Beamt*innen, die den Staat vertreten, in den du eingebürgert werden möchtest, mitteilen, es sei besser und einfacher, den Namen anzupassen, tust du es. Der Fotograf Eugen Litwinow berichtet in einem Interview zu seinem Buch Mein Name ist Eugen:

“Ihnen [den Eltern] wurde von den Beamten gesagt, sie sollten die Namen ihrer Kinder eindeutschen lassen. ‘Jewgenij kennt man hier nicht’, hieß es. Und der Name meines Bruders Iwan klinge barbarisch. Man assoziiere das immer gleich mit Iwan dem Schrecklichen. So wurde ich Eugen und mein Bruder Johannes.” (Quelle (Abre numa nova janela))

Viele Russlanddeutsche empfinden die Fremdbestimmung, die mit der Namensänderung einhergeht, als so problematisch, dass sie noch Jahre später versuchen, diese rückgängig zu machen. Dabei nehmen sie Kosten und Papierkram auf sich. Eugen Litwinow begründete in einem Interview seine Motivation für das Buch mit der Aussage seines Vaters, mit dem Namen habe sich auch Eugens Charakter stark verändert. Seitdem fragte sich der Fotograf:

“Ist Eugen ein anderer Mensch, als es Jewgeni gewesen wäre?” (Quelle (Abre numa nova janela))

Inzwischen wissen wir über Identität viel mehr als Ende der Neunzigerjahre. Wir sind rücksichtsvoller. In einer arte-Dokumentation aus dem Jahr 2021 begleitet ein Kamerateam eine russlanddeutsche Familie bei der Einreise in die Bundesrepublik, und bei der Registrierung. Auch diese Familie wird aufgefordert, ihren Namen zu ändern. Sie hat ein paar Stunden Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Für eine spontane Anpassung des Vornamens der Mutter sind es nur wenige Sekunden. Aber es sei ihre Entscheidung, sagt der Beamte.

Vielen Dank, dass du mitliest. Bis in zwei Wochen!

Kristina

PS: Dieser Text ist eine gekürzte Version eines Essays, den ich für meinen Essayband (Abre numa nova janela) geschrieben habe. Dies ist mein Beitrag für den 28. August. Was es mit dem Tag auf sich hast, kannst du hier (Abre numa nova janela) nachlesen.

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Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.

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