Vor einigen Wochen fiel mir ein Zitat eines tschechischen Schriftstellers in die Hände. Ich fand das Zitat schön, aber wurde das Gefühl nicht los, dass mit dem Mann irgendwann irgendetwas war. Dass er Unwürdiges geschrieben oder gesagt hatte, dass er letztlich nicht zitierfähig war. Ich verwarf das Zitat und dachte verkniffen daran, dass manche Menschen meiner Generation nachsagten, wir seien Schneeflocken, mit unserer übertriebenen Rücksichtnahme und den ständigen Inhaltswarnungen. Stimmte das? Sind wir (Abre numa nova janela) zu vorsichtig? Oder ist das schon die nächste Geschichte, die wir uns über uns (falsch) erzählen?

Stadtbibliothek Köln, September 2025 © Kristina Klecko
Es stimmt, dass ich in diesem, meinem, Teil des Internets gute Gedanken teilen möchte – vor allem solche, die nicht bereits tausend Mal gehört wurden. Es stimmt auch, dass ich nicht Zitate teilen möchte, die aus dem Zusammenhang gerissen gut wirken mögen, sich jedoch in ein mittelmäßiges gestriges Werk einreihen. Diese Gedanken haben schon zu viele Plattformen und mit KI-generierten Texten pflanzen sie sich umso schneller fort. Und doch: Unsicher war ich nicht deswegen.
Warum wusste ich nicht besser Bescheid?
Ich beneide und bewundere Menschen, die sich in ihrem Bereich gut auskennen – der Bereich spielt dabei keine Rolle, Hauptsache, jemand kann so richtig tief schöpfen. Ich selbst aber habe kein solches Spezialgebiet. Normalerweise bin ich damit im Reinen (Abre numa nova janela), nun aber spürte ich Sehnsucht nach tiefem Wissen. Hätte ich die Werke des Schriftstellers gekannt, seine Lebensumstände, den Kontext seines Schaffens – ich wäre nicht unsicher. Ich würde wissen, wofür er steht, was ihm wichtig war, was er mit welcher Absicht gesagt haben könnte. Ich würde wissen, dass ich das Zitat ohne Bedenken nutzen kann, damit keinen Fauxpas begehe, niemanden verletze.
Mit meiner Sehnsucht nach tieferem Wissen bin ich nicht allein. Wenige Tage nach der Begegnung mit dem Zitat las ich von einem TikTok-Trend: Menschen stellten sich ein persönliches Curriculum für den Herbst zusammen, um sich in ein Fachgebiet einzuarbeiten. Auch auf YouTube waren mir solche Videos bereits untergekommen. Die Ästhetik: Pastellmarker, Kerzenschein, Bücherstapel.
Vielleicht verbirgt sich hinter diesem Trend die Abkehr von schnelllebigen Inhalten auf Social Media, von grellen Überschriften, aus denen man, wenn man ehrlich ist, nicht viel mehr ableiten kann als eine schnelle Aufregung. Es könnte aber auch die Sehnsucht nach einer Zeit sein, in der Lernen die einzige Aufgabe war, die man hatte:
Die Schule – ein unzuverlässiger Erzählort?
Erwachsene verklären die Schule gern. Alle hätten lieber besser gelernt, mehr mitgenommen, weniger Zeit mit Unnützem verschwendet. Mit der Zeit vergessen alle, was ihnen im Weg stand. Sogar ich ertappte mich bei der Durchsicht der gemütlichen Lernvideos bei einer unbegründeten Schwärmerei. Vielleicht ist die Zusammenstellung des persönlichen Curriculums wieder nur ein Versuch, Vergangenes im zweiten Durchlauf besser zu machen?
Weil ich empfänglich für Online-Trends bin, die ihren Zenit vermutlich bereits überschritten haben – denn wie lange kann es wirklich dauern, wenn schon die Zeitung darüberschreibt? –, habe ich mir spontan ebenfalls ein persönliches Curriculum zusammengestellt.
Ich möchte in das Leben und das Werk der Dichterin Hilde Domin eintauchen,
die Ringvorlesung Einführung in die Neuere Deutsche Literaturwissenschaft der Universität Tübingen anhören und
das Buch Einführung in die neuere deutsche Literaturwissenschaft von Jürgen H. Petersen und Martina Wagner-Egelhaaf durcharbeiten. (Das klingt durchdachter, als es ist, es stand in meinem Regal.)
Frage mich gern im Frühling, wie es gelaufen ist.
Vielen Dank, dass du mitliest. Bis in zwei Wochen!
Kristina
PS: In meiner Mitgliedsrubrik Romansuche (Abre numa nova janela) gab es im Oktober eine Premiere. Sofia B., eine Debütkollegin, hat über ihre Suche berichtet.
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Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.