Write what you know: Die Magie des Tagebuchs
Ich habe neulich Sheila Hetis Buch Alphabetical Diaries gekauft. Es ist genau meine Art von Poesie. Sheila hat Sätze aus ihren letzten zehn Jahren Tagebuch in ein Excel Sheet kopiert und dann alphabetisch geordnet. Das Ergebnis ist faszinierend. Es ist, als könnte man direkt in die Maschine ihres Kopfes rein gucken und ihr beim Denken zugucken. Es ist so nackt und echt, wie ein Tagebuch nur sein kann, gleichzeitig enthüllt es nichts, weil Kontext und Chronologie fehlt. Es ist toll.
Gestern Nacht wachte ich schweißgebadet auf, weil mir klar wurde, dass ich seit Jahren kein physisches Tagebuch mehr führe und sämtlicher Content meines Lebens ausschließlich auf einer ziemlich abgerockten externen Toshiba Festplatte liegt. Was, wenn die mal kaputt geht? Was, wenn ich sie verliere? Was, wenn ein Krieg ausbricht und sie in den Kriegswirren verschollen geht? (Ich habe keine Ahnung, was das Verb von verschollen ist. Verschellt? Verschillt?) Wie dem auch sei: Ich beschloss, meine Tagebücher seit 2008 einheitlich zu formatieren, als PDFs zu exportieren, um sie allesamt als richtige Bücher drucken zu lassen.

Tagebuch schreiben ist eine der ganz wenigen konstanten Routinen, die seit DREIßIG (wtf) Jahren nahezu unverändert Teil meines Lebens sind.
Angefangen habe ich mit elf. Ich wohnte gerade zusammen mit meinem Goldhamster Spiderman für ein paar Monate bei der Familie meiner Freundin Jennifer, weil meine Mutter schon mal nach Berlin vorgezogen war, ich aber noch mein Schuljahr zuhause beenden sollte. Ich war überfordert von den vielen unbekannten Regeln und Riten einer anderen Familie und brauchte offensichtlich eine Bewältigungsstrategie. Mein erster Tagebucheintrag ist vom 01. Juni 1996 und lautet: