Ausgabe vom Sonntag 24. August 2025
Heute mal persönlich - über Glanzschuhe, Quinoa und ein Funkloch auf Empfang
Altentreptow. Mein kleines Universum. Manchmal frage ich mich, warum ich eigentlich nie weggezogen bin. Und dann stehe ich morgens am Fenster, sehe die roten Backsteinhäuser in der Sonne glitzern, höre das ferne Hupen der Trecker und weiß: Weil hier alles so schön unaufgeregt ist. Hier kennt man sich noch. Man kennt den Briefträger beim Vornamen, weiß, wann die Nachbarin ihren Wäscheständer rausstellt und ahnt schon sonntags, welcher Kuchen montags beim Bäcker ausverkauft sein wird.
(Abre numa nova janela)Hier gibt’s keine Skyline
… keine schicken Boulevards und keine hippen Cafés mit Bio-Latte-Art – außer natürlich unser schickes „Rustico“, das zählt mindestens doppelt. Hier gibt’s Kopfsteinpflaster, kleine Schleichwege, Linden an den Straßen und ein Rathaus, das Faxgeräte vermutlich noch für Zukunftstechnologie hält. Kurz gesagt: Hier passiert nix. Dachte ich. Bis heute Morgen.
Gestatten Sie mir, bevor ich fortfahre, Ihnen jemanden vorzustellen: Baron Tollensius. Offiziell ein Hund, inoffiziell der heimliche Bürgermeister des Viertels, Herrscher über alle Pfützen und selbsternannter Sicherheitsbeauftragter. Baron Tollensius gehört zu der Sorte Lebewesen, die Menschen lesen wie offene Bücher – mit Klappentext. Wenn er jemanden mag, merkt man das sofort. Wenn nicht – noch schneller. Heute Morgen stand der Baron ungewöhnlich still, aufmerksam und hochkonzentriert am Fenster. Ich hätte es wissen müssen: Es kündigte sich etwas an.
SUV trifft Kopfsteinpflaster
07:48 Uhr. Der Kaffee ist noch nicht durchgelaufen, ich stehe im Bademantel am Fenster, der Baron neben mir, Kopf leicht schräg, wie ein General, der das Schlachtfeld prüft. Unten auf der Straße rollt ein funkelnagelneuer SUV an. Schwarz. Hochglänzend. Chromblinker wie Laserschwerter. Ich denke: „Na, jetzt zieht hier die Großstadt ein. Mal sehen, wie lange er’s hier aushält.“ Die Tür geht auf, und raus steigt … der neue Nachbar. Schuhe, so poliert, dass ich mich darin schminken könnte. Jacke maßgeschneidert, Frisur windstabil, Lächeln wie frisch aus der Zahnpasta-Werbung. Ich sehe zum Baron, der Baron sieht zu mir. Wir sagen nichts. Wir wissen: Das hier wird interessant.
Im Treppenhaus der erste Kontakt. „Guten Morgen“, sagt er, als bewerbe er sich um den Titel „Altentreptower Sonnenschein des Monats“. Ich nicke nur: „Ja, das wird man ja sehen.“ Der Baron schnuppert prüfend an seinem Schuh, dreht sich dann demonstrativ um und setzt sich hin – höflich, aber eindeutig. „Ich bin neu hier“, sagt er, „ich arbeite remote, Digitalisierung und so.“ Ich nicke ernst: „Dann willkommen im Funkloch.“ Er lacht. Ich nicht.
Quinoa, Zucker und ganz große Missverständnisse
Wir laufen gemeinsam die Straße entlang, der Baron schnuppert investigativ an jedem Laternenpfahl. Plötzlich fragt der Neue: „Ist das der Hund aus der Facebook-Gruppe?“ Ich bleibe stehen. „Wie bitte?“ Er nickt wichtig: „‚Altentreptow - da passiert nix” Sie sind doch die mit dem Pfützen-Post, oder?“ Ich will antworten, aber Baron Tollensius marschiert seelenruhig in die besagte Pfütze, als wolle er Beweisfotos liefern. „Das war ein Witz!“, sage ich. „Ach so, ich dachte, das wäre ernst“, sagt er. „Willkommen in Altentreptow“, murmele ich. „Hier sind alle Witze ernst gemeint, und alle ernsten Sachen Witze.“
Am Nachmittag klopft es. Er steht wieder vor der Tür. „Entschuldigung, ich bin noch nicht eingerichtet. Haben Sie Zucker?“ Bevor ich reagieren kann, schiebt sich Baron Tollensius vor mich, setzt seine königliche Miene auf und bellt einmal tief. Übersetzung: „Beschaff dir deinen eigenen Kühlschrank.“ Natürlich gebe ich Zucker. Zwei Stunden später klingelt es erneut. Er hält mir die Tasse hin, bis zum Rand gefüllt. „Ich dachte, ich geb was zurück.“ Ich schaue hinein. Es ist … Quinoa. Wir blicken uns an, zwei Welten über einem Körnchen. Ich nicke langsam. Er auch. Diplomatie kann so still sein.
Amt, Hipster und Mikrofasertücher
Am nächsten Tag am Briefkasten wedelt er mit einem Schreiben vom Amt. „Können Sie mir das erklären? Ich versteh hier nur Bahnhof.“ Ich überfliege das Papier und sage: „Ganz normal. Sie brauchen Formular A, damit Sie Formular B beantragen können, das Sie benötigen, um das Recht auf Formular C zu erhalten.“ Er blinzelt. „Und wie lange dauert das?“ Ich seufze. „Zwei Jahre. Wenn Sie Glück haben. Mit Pech gibt’s einen Bürgerdialog, und die Kleinstadt-Kanzlerin Frau Frau Pusemuckel erklärt Ihnen persönlich, dass sie auch keine Ahnung hat.“ Der Baron wirft mir diesen Blick zu, der sagt: „Ich habe gestern bereits alles Nötige gebellt.“
Abends sitzen der Baron und ich auf der Couch. Draußen sehe ich, wie der neue Nachbar seine Glanzschuhe liebevoll mit einem Mikrofasertuch streichelt, als poliere er ein Versprechen. „Tja, Baron“, sage ich, „wir haben jetzt einen Hipster.“ Der Baron gähnt, dreht sich auf die Seite und seufzt so tief wie die Tollense nach einem Gewitter. „Weck mich, wenn er Quinoa anbietet“, lese ich aus seinem Gesicht. Und ich schwöre, irgendwo in der Ferne kichert ein Laternenpfahl.
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Mit Amtswitz und Aufpassblick
Ihre Erna Schippel
Norddeutsch, nüchtern – aber nie ganz ohne Hoffnung.
Altentreptow, Sonntag, 24. August 2025
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