Ausgabe vom Sonntag, 5. Oktober 2025 – 24 h frei, dann nur für Clubmitglieder
Wenn die Verwaltung zum Chor der Empörten wird
Altentreptow, du kleine Provinzoperette mit Schlaglochbühne. Kaum sagt jemand ein spitzes Wort, flattert schon das Selbstbewusstsein der Verwaltung wie ein schlecht getackerter Aushang im Wind. Es heißt, man überlege ernsthaft, mich anzuzeigen – wegen Satire. Wegen Humor. Wegen gefährlicher Gedankengeschwindigkeit im Ort mit Tempolimit 30.
Der Flurfunk klingt seither wie ein Panikorchester ohne Dirigent. In der Kantine werden Servietten zu Akten gefaltet, man raunt von „Rufschädigung“, „medialer Destabilisierung“ und „mangelnder Dankbarkeit gegenüber den Institutionen“. Die Kaffeemaschine, treue Zeugin aller Nervenzusammenbrüche, zischt in stoischer Würde: „Ich hab schon vieles kommen und gehen sehen – aber beleidigter Kaffee ist neu.“
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Drinnen bei Frau Pusemuckel, der Kleinstadt-Kanzlerin, tagen sie. Kommissario Breitbein steht mit seiner Aktentasche, so leer wie der Sinn des Ganzen, und erklärt feierlich: „Ich kenne Leute bei der Kripo. Die können mit Spezialsoftware herausfinden, wer diese Schippel wirklich ist!“ Kantig, der Intellektuelle, zieht eine Augenbraue hoch. „Mit Spezialsoftware gegen Ironie? Das ist ja wie Mückenspray gegen Nachdenken.“ Breitbein zieht die Schultern straff, als hätte er gerade die Demokratie gerettet. „Man muss ja vorbereitet sein. Das Internet vergisst nichts.“ – „Nicht mal euch“, murmelt die Kaffeemaschine und spuckt demonstrativ eine Portion Bitternis aus.
Im Raum steht der Geruch von überdosiertem Entkalker und beleidigtem Stolz. Pusemuckel schaut streng, als wolle sie gleich ein Manifest gegen Metaphern erlassen. „Satire ist gefährlich, sie spaltet!“ sagt sie. Kantig notiert trocken: „Stimmt. In Denken und Nichtdenken.“
Die Kaffeemaschine als Wahrheitsorgan
Es ist erstaunlich, wie viel Energie Menschen aufbringen, wenn sie sich beleidigt fühlen. Dieselben, die auf Bürgeranfragen drei Wochen brauchen, finden binnen Stunden den Eifer, über eine Anzeige gegen Satire zu sprechen. Der Gedanke allein scheint sie zu wärmen – mehr als jede Heizung, die nach 20 Uhr ausgeschaltet wird.
„Ich hab die Diskussion gehört“, erzählt die Kaffeemaschine später beim Nachfüllen. „Erste Etage, Zimmer 3. Einer rief: ‚Diese Frau zerstört unser Vertrauen!‘ Und der andere antwortete: ‚Dann müssen wir ihr zeigen, dass wir noch Vertrauen haben – in die Justiz!‘“ Sie lacht, ein kehliges Blubbern, das klingt, als würde sie kurz vorm Überlaufen den Verstand verlieren.
Kantig schiebt sich in den Raum, stellt seine Thermotasse daneben. „Weißt du, was das Problem ist, alter Freund aus Edelstahl?“ – „Sag’s mir, Intellektueller.“ – „Sie glauben, Kritik sei ein Angriff und Zustimmung eine Pflicht.“ – „Na dann gute Nacht, Demokratie“, zischt sie und lässt den letzten Tropfen laufen.
Kommissario Breitbein kommt vorbei, zuckt mit dem Aktenordner, der nie etwas enthält, und sagt: „Ich trinke lieber Tee. Kaffee ist zu rebellisch.“ – „Klar“, sagt die Maschine, „Tee ist ja auch bloß Wasser mit Selbstzweifeln.“
Später, wenn alle gegangen sind, spricht sie leise vor sich hin. „Ich brühe Wahrheit, aber keiner trinkt sie. Sie wollen lieber Milchschaum auf der Lüge.“
Die Stadt als beleidigte Diva
Die Stadt ist inzwischen in voller Pose. Sie steht da wie eine Sängerin vor leerem Saal, dramatisch, pathetisch, tief gekränkt, weil jemand den falschen Ton getroffen hat.
„Diese Frau“, flüstert Frau Pusemuckel mit belegter Stimme, „macht sich lustig über die Verwaltung.“ – „Nein“, sagt Kantig ruhig, „sie beschreibt sie.“ – „Aber das ist doch das Gleiche!“ – „Nicht, wenn’s stimmt.“
Kommissario Breitbein schlägt mit der Faust auf den Tisch, was allerdings nur Staub aufwirbelt. „Das kann nicht ungestraft bleiben. Ich habe hier Paragrafen! Und Kontakte!“ – „Ja“, sagt Kantig, „aber keine Beweise und keine Pointe.“
Die Kaffeemaschine dampft im Hintergrund, als wolle sie applaudieren. „Ich bin ja kein Jurist, aber wenn’s hier eine Straftat gibt, dann höchstens gegen die Logik.“
Draußen auf dem Marktplatz läuft Nusseltrud auf und ab. Sie hält ihre Kastanie wie ein Mikrofon und ruft: „Ich hab’s gesagt! Wer zu laut lacht, steht bald im Protokoll!“ Baron Tollensius trabt an ihrer Seite, hebt das Bein an einen Schildpfosten und bellt in die Stille: „Schilder kommen Mittwoch!“ – was, wie immer, stimmt.
Im Rathausfenster lehnt Breitbein, sieht sie unten, und zischt: „Diese Stadt wird von Verrückten bevölkert.“ – „Da bist du ja in guter Gesellschaft“, murmelt Kantig.
Abends im Ratskeller redet man weiter. Die Bierdeckel tragen jetzt Namen von Verdächtigen. „Ich sag euch, die Schippel sitzt mitten unter uns!“, flüstert Ilse Inspektor, „vielleicht sogar an diesem Tisch!“ – „Quatsch“, sagt Balduin, „die würde ja nie Bier trinken. Die hat Butterbrot-Aura!“ – “Butterbrot oder Beschwerdeformular – beides fliegt irgendwann zurück“, raunt Gisela Grabowski, die Empörungs-Königin. Und alle nicken, weil Zustimmung im Dunkeln weniger Mut kostet.
Schildbürgerlogik mit Verwaltungssiegel
Altentreptow ist nicht einfach eine Stadt, es ist ein Experiment. Man nehme eine Prise Empfindlichkeit, eine Portion Macht, die sich selbst genügt, und würze das Ganze mit jahrzehntelanger Angst vor öffentlicher Meinung – schon hat man das perfekte Rezept für kleinstädtische Dramaturgie.
„Wir müssen ein Zeichen setzen!“, ruft Kommissario Breitbein. – „Ich schlage vor: ein Verkehrsschild mit ‚Satire verboten‘“, sagt Kantig. – „Oder wenigstens ‚Ironie nur mit Genehmigung‘“, murmelt Fuchs, der im Türrahmen steht und pfeift. – „Sarkasmus in geschlossenen Räumen streng untersagt“, ergänzt die Kaffeemaschine und gießt nach.
Im Archiv raschelt Papier, im Ratssaal knarren die Stühle. Niemand weiß genau, was man mit mir tun soll. Eine Bürgerin, die schreibt. Und zwar lesbar. Man könnte fast meinen, das sei das wahre Ärgernis. Nicht der Spott, sondern die Klarheit.
Auf dem Marktplatz debattieren Balduin und Alwin Anstand über Moral. „Man darf doch nicht einfach alles sagen!“ – „Doch, aber nicht alles hören!“ – „Dann sind wir uns ja einig.“ Nusseltrud ruft: „Ich schreib das alles auf! Für später!“ – „Für wen?“ fragt Fuchs. – „Für die Nachwelt, die dann wenigstens lacht.“
Abends trifft man sich beim Laternenlicht. Meister Munter sitzt mit Notizheft, notiert Zitate der Tagesordnung, die niemand beschlossen hat: „Satireprävention – Bericht folgt.“ Baron Tollensius legt sich zu seinen Füßen, hebt kurz das Bein an eine Aktenmappe, und irgendwo in der Ferne bellt ein Echo: „Gefährdungsstufe Ironie erreicht!“
Breitbein zückt sein Handy. „Ich leite das weiter. An meine Kontakte.“ – „Welche Kontakte?“, fragt Kantig. – „Die vom Grillfest. Die mit der Spezialsoftware.“ – „Ah ja“, sagt Kantig, „die Software, die Humor erkennt. Wird sicher ein Exportschlager.“
Der Ritterschlag mit Aktenzeichen
Und während sie also beraten, ob man eine Frau verklagen kann, weil sie geschrieben hat, dass man Dinge vertuscht, vertuschen sie durch ihre Beratung genau das, was sie vertuschen wollten. Altentreptower Dialektik.
Später, als die Lichter ausgehen, bleibt nur die Kaffeemaschine zurück. Sie blubbert in die Stille, eine einsame Zeugin der Provinzpsyche. „Ich hab mal geglaubt, Verwaltung wär Ordnung“, murmelt sie. „Jetzt weiß ich: sie ist Unterhaltung.“
Irgendwann wird ein Brief kommen, das weiß ich. Einschreiben mit Stempel, Tonerduft und moralischem Unterton. Ich werde ihn rahmen. Nicht, weil ich stolz bin, sondern weil es das schönste Kompliment ist, das man einer Satirikerin machen kann.
Die Kaffeemaschine hat mir schon einen Platz dafür reserviert, direkt über ihr. „Da hängt dann der Beweis“, sagt sie, „dass Ironie in dieser Stadt aktenkundig geworden ist.“
Kantig schreibt mir eine Nachricht: „Sie wollten dich zum Schweigen bringen und haben dich zur Schlagzeile gemacht.“
Ich antworte: „Dann war’s wohl erfolgreiches Öffentlichkeitsarbeitstraining.“
Kommissario Breitbein hält derweil eine Pressekonferenz ab, bei der niemand auftaucht. Frau Pusemuckel nickt tapfer, Fuchs raucht, Nusseltrud verteilt Kastanien, und Baron Tollensius hebt feierlich das Bein zum symbolischen Amtsabschluss.
Und ich? Ich sitze da, trinke den Rest des kalten Kaffees und schreibe. Denn Satire ist kein Angriff. Sie ist ein Spiegel, in dem nur diejenigen schreien, die sich erkennen.
Die Stadt wollte mich klein machen und hat sich selbst vergrößert – zur Karikatur mit Dienstsiegel.
Wenn Sie das lesen, liebe Leserschaft, seien Sie gnädig. Lachen Sie, bevor jemand dafür Genehmigung beantragt.
Danke fürs Lesen – und fürs Nicht-Weckgucken, wenn’s ernst wird.
Werden Sie Clubmitglied, (Abre numa nova janela) bevor Breitbein den Humor verbietet. Clubmitglieder lesen alles zuerst – unzensiert, ungebügelt, unverbogen – und sie halten die Butterbrotfront gegen das Amtsgrau.
Und am Mittwoch geht’s weiter mit der neuen Kolumne:
„Ampelschaltung im Schlafmodus – Verkehrserziehung für Erwachsene“ – über das geheimnisvolle Verhalten der Altentreptower Ampeln, die offenbar eine Ausbildung zum Zen-Meister absolviert haben. Rot ist hier nicht Stopp, sondern Meditation. Grün ist Hoffnung. Und Gelb? Bürokratie mit Lichtsignal.
Mit Amtswitz und Aufpassblick
Ihre Erna Schippel
Norddeutsch, nüchtern – aber nie ganz ohne Hoffnung.
Altentreptow, Sonntag, 5. Oktober 2025
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