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Die richtige Reform

No risk no fun/ Memoiren mal anders/100 Chansons/Die Diplomaten/ Rezepte

Es geht nicht vor und nicht zurück. Menschen wünschen sich eine andere Politik, sogar ein anderes Leben, aber die guten Parteien haben dazu nur wenig im Angebot. Immer, wenn der Begriff der Reform fällt, folgt ein komischer Vorschlag: kleinteilig, kompliziert und am Thema vorbei.

Der französische König Henri III., der letzte der Valois, wollte sein armes und von den Bürgerkriegen geplagtes Land auch reformieren. Er erließ eine damals revolutionäre Veränderung des königlichen Protokolls: Nun durften adlige Besucher nicht mehr auf der Lehne seines Sessels Platz nehmen, ihn auch nicht mehr während der Audienz anfassen. Alles sollte der Reihe nach vor sich gehen, Absperrungen waren zu beachten. Das war sinnvoll, aber die ersehnte und fällige große Reform war es nicht. Die kam einen König später mit dem Ende des Bürgerkriegs und dem Toleranzedikt von Nantes.

Große Reformen sollten groß sein. In unserem Fall heißt das Thema Europa: Die derzeitige Kleinstaaterei macht alles komplizierter und teurer. Wählerinnen und Wähler spüren, dass der Nationalstaat in den wichtigen Fragen nicht mehr viel vermag. Nationale Politikerinnen und Politiker werden darum schnell als Enttäuschung empfunden, als Leute, die viel versprechen und wenig liefern. Dabei agieren sie nur in der falschen machtpolitischen Dimension. In der jetzigen Lage möchten die Menschen in Europa eine veritable Macht, die ihre Interessen schützt und die Freiheit sichert – angeboten werden aber nur Sprüche, Posen und Simulationen mit arg begrenzter Reichweite, der Balztanz schrumpfender Parteien zur Bildung einer etwas größeren Koalition.

So bleibt der radikalen Rechten, die im Gegensatz zu ihren zaudernden, demokratischen Mitbewerbern längst international vernetzt auftritt, das Monopol auf dieses derzeit stark nachgefragte Produkt: Sie symbolisieren die pure Macht. Das ist bekanntlich nur ein Bluff, denn sie würden die Macht stets nur im Interesse der Oligarchen nutzen, aber alle anderen überlassen ihnen das Thema, statt Kräfte zu bündeln.

Nötig ist eine reduzierte und vertiefte europäische Gemeinschaft –eine Union der großen Sechs – eine Union aus Frankreich, Deutschland, Polen, den Benelux-Staaten und Italien – mit einer gemeinsamen Verfassung, Regierung und gemeinsamen Anleihen, Eurobonds 2.0. Dazu wird es ohnehin kommen und eher früher als später.

Warum schnappt sich kein Politmensch dieses Vorhaben? Warum diskutieren wir über Details einer nationalen Einkommenssteuerreform und tun so, als ginge es um alles?

Es gibt aber auch große deutsche Reformen, die man schon mal angehen könnte: Eine Abschaffung des §218, ein Tempolimit, das Ende des Dienstwagenprivilegs, eine verschärfte Politik für erneuerbare Energien, eine weitsichtige und attraktive Migrationspolitik, denn sonst kommt niemand mehr nach Deutschland und das wäre das Ende: eine Republik mit nur noch von einer Person bewohnten Einfamilienhäuser, in deren Garage ein seit Jahren ungenutzter, einst teurer Verbrenner schläft.

Es empfiehlt sich, penetrant auf eine Förderung von Innovationen, von Start-ups, der Kreativwirtschaft und der deutschen Hochschullandschaft ebenso zu setzen, wie auf die Förderung von Kunst und Kultur. Aber schon die personelle Besetzung der Ministerien, wie die Beispiele Rachida Dati und Wolfram Weimer zeigen, macht deutlich, dass diesem Thema in Europa nicht eben die größte Relevanz zugeschrieben wird – ein dramatischer Fehler!

Trump und Putin stecken in selbstgemachten Problemen fest. Ihre politischen Projekte sind offenkundiger Betrug. Dennoch gewinnen die Parteien, die ihnen anhängen, weiterhin Prozente: Das muss nicht so bleiben, wenn die anderen sich endlich sammeln und ihr politisches Angebot den neuen Gegebenheiten anpassen. Die Antwort auf eine globale Polykrise findet sich nicht im deutschen Steuerrecht.

Das Genre der Memoiren ist hierzulande völlig verhunzt. Die von Politikern sind am schlimmsten, aber auch sonst bekommt man meist das enttäuschende Elaborat unterbezahlter Ghostwriter zu lesen, deren Arbeitsauftrag lautet, alles irgendwie ins rechte Licht zu setzen. Dieses Buch ist völlig anders. Der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht bekleidete diverse Professuren, zuletzt in Kalifornien an der Stanford University. Ich kenne ihn noch aus meiner Zeit bei der FAZ, allerdings nur aus E-Mails und da ging es um Geld.

In diesem Buch macht er etwas völlig Neues: Er feiert sich nicht, sondern beschreibt schonungslos ein Panorama seiner geringen Talente und beträchtlichen Fehler. Seine nach normalen deutschen Uni-Standards phänomenale Karriere macht ihn nicht glücklich. Gumbrecht schreibt tolle Vignetten über Michel Foucault und Jean-François Lyotard, aber die Begegnungen mit den Großen seines Fachs machen ihm vor allem deutlich, dass er nicht in ihrer Liga spielt. Gegen seinen Bochumer Kollegen Karlheinz Stierle bricht er einmal einen erbitterten Streit vom Zaun, beschimpft ihn da sogar und wenn man das Glück hat, den strahlenden, geduldigen, klugen Kay Stierle zu kennen, kann man nur sagen: Reife Leistung.

Gumbrecht hätte gern mehr Geld verdient. Andere Autos gefahren. Fußball gespielt. Oder wäre ein Professor wie der Historiker Hayden White geworden: Elegant, attraktiv und weltberühmt. Aber tja.

Als Ehemann und Vater kriegt er noch in allerletzter Minute so halbwegs die Kurve, aber toll – so ist es dem Buch zu entnehmen – ist seine Bilanz nicht.

So ein Bekenntnis zum lebenslangen Naja habe ich noch nie gelesen. Entweder beklagen Memoiren überwundene Prüfungen oder feiern errungene Erfolge. Niemals beleuchten sie die Mühen der Ebene, insofern ist dieses Buch wirklich eine Pionierleistung und auch für jene lesenswert, die dieses Milieu nicht mehr kennen und ganz anders leben.

Ärgerlich sind die sachlichen Fehler in einem immerhin dreißig Euro teuren Buch: Frank Schirrmacher starb mit 54 Jahren und nicht mit 45. Das Grab von Heinrich Heine liegt nicht auf dem Friedhof Père-Lachaise.

Die Indienstnahme der Populärkultur durch Goebbels führte zu einem Bruch in der deutschen Kulturgeschichte. Seitdem hat jede Generation, jede Clique und Bubble ihre eigene Playlist.

In Frankreich lief das anders. Es gibt Chansons, die alt und jung, oben und unten und Stadt und Land gemeinsam trällern. Es ist ein faszinierendes und schillerndes Genre, das in Frankreich zu essenziellen Bildungskanon gehört. Manche davon verfolgen mich bis in den Traum: Einmal träumte ich von einer Begegnung mit einem Mann im schmalen blauen Anzug, der sich als leitender Beamter im Meeresamt vorstellte. Seine Chefin sei das Meer, sagte er lachend und gab mir eine ambitionierte Visitenkarte auf der unter seinem Namen nur “La Mer” und b.d’a.i standFrankreich liebt ja Abkürzungen. Diese stand natürlich für bergère d‘azur infini, der Vers aus Charles Trenets “La Mer”.

Christoph Sator hat sich mit der Geschichte von hundert berühmten Chansons beschäftigt und schreibt in diesem sympathischen Buch unterhaltend und kenntnisreich darüber.

Keine Branche wurde in den Monaten seit dem Amtsantritt druch Trump so auf den Kopf gestellt wie die deutsche Diplomatie. Die große Konstante, die Verbindung zu den Vereinigten Staaten, ist seitdem mehr oder weniger außer Kraft gesetzt und alle fallen in der Luft herum wie Tim und Stuppi in der Rakete, die sie zum Mond bringt.

Das ZDF hat die Männer und Frauen im deutschen diplomatischen Dienst für eine sehenswerte Doku-Serie begleitet. Für sie verbindet sich die große Politik mit dem Wahnsinn des Alltags. Man lernt auch einiges, beispielsweise dass für die Protokollabteilung des Auswärtigen Amtes ein staunenswerter Grundsatz gilt: “Das Protokoll macht keine Fehler!”

https://www.zdf.de/dokus/die-diplomaten-100 (Abre numa nova janela)

Zum selben Thema auch die fantastische Rede des weltweit gefeierten Claude Malhuret:

https://www.youtube.com/watch?v=AR5V39Rw6H4 (Abre numa nova janela)

Noch ist es zu früh für Osterlamm-Rezepte, aber peruanisches Geflügel sollte schon erlaubt sein:

https://www.youtube.com/watch?v=rU675lZ1ynA (Abre numa nova janela)

In der Veggieabteilung geht es heute um mein absolutes Lieblingsgemüse, die Artischocke:

https://www.arte.tv/de/videos/126457-006-A/kuechen-der-welt/ (Abre numa nova janela)

Kopf hoch,

ihr

Nils Minkmar

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