Kaum ein Genre eignet sich so sehr, grundsätzliche soziologische Fragen zu verhandeln, wie Science-Fiction. Denken wir an die Staatsgewalt in Robocop (Verhoeven), die Gefahr der Kriegsideologie in Starship Troopers (Verhoeven), der Kapitalismus in Alien (Scott), die interkulturelle Kommunikation in Arrival (Villeneuve) oder generell so ziemlich alles in 2001: a Space Odyssey (Kubrick): Wenn ein Film in die Zukunft geht, können wir sicher sein, dass er etwas über die Gegenwart aussagt. Project Hail Mary von Phil Lord und Christopher Miller bildet da keine Ausnahme.
Wir folgen Ryland Grace (Ryan Gosling), einem Mittelschullehrer, der an einer aussichtslosen Weltraummission teilnimmt, um die Sonne - und damit die Menschheit - zu retten. Das klingt erstmal verdächtig nach Armageddon von Michael Bay, haben wir es doch mit einem privaten Individuum zu tun, das das Schicksal der Menschheit in die eigene Hand nehmen muss, weil der Staat versagt. Der Vergleich ist im Grunde nicht verkehrt, doch öffnet Project Hail Mary noch eine zweite Ebene, wenn der Film das Alien Rocky einführt, mit dem sich Grace irgendwie arrangieren muss. Aber eins nach dem anderen:
Klimawandel
Die Katastrophe tritt dieses Mal nicht in Form eines Meteoriten auf, wie in Armageddon, Deep Impact (Leder) oder Don’t Look Up (McKay), sondern als ein Mikroorganismus namens Astrophage. Dieser Organismus droht, die Sonne aufzufressen und damit die globale Erdtemperatur um 10 Grad Celsius zu senken; mit vernichtenden Auswirkungen auf die Versorgung der Menschheit. Wir haben es also mit einer Gefahr zu tun, die nicht schlagartig alles tötet, sondern innerhalb von 30 Jahren die Umwelt derart beeinflusst, dass es in der Menschheit zu Versorgungsengpässen und damit zwingenderweise zu Kämpfen und Kriegen um die Ressourcen kommen wird. Mit anderen Worten, es ist der Klimawandel.
Wie verhandelt der Film also jetzt diesen Klimawandel? Lösen kann es nur der Lehrer Grace. Er wird von Eva Stratt (Sandra Hüller), der Projektleiterin, rekrutiert, weil er der herrschenden Lehre widersprochen hat. “Wir brauchen Menschen, die die Mehrheitsmeinung anzweifeln,” erklärt Stratt. Grace’ These wird alsbald widerlegt, dennoch forscht er weiter an dem Projekt. Wieso es dieser Grundskepsis von Grace bedarf, ist nicht klar. Vor allem in Bezug auf den Klimawandel macht das wenig Sinn, wissen wir doch längst, was kommen wird und wie wir diese Katastrophe aufhalten oder zumindest abmildern können. Dafür muss man nicht erst irgendwelche Schwurbler zu Rate ziehen, wir haben das Wissen bereits. Es liegt eben nicht am Erkenntnismangel, dass nichts - oder zu wenig - gegen den Klimawandel getan wird, sondern am politischen Willen und am kapitalistischen System: Das Aus vom Verbrenner-Aus, das Festhalten an fossilen Energien, der unendliche Energieverbrauch von KI-Datenzentren, all das ließe sich durch die Schaffung entsprechender Gesetze ändern, dafür bedarf es keiner neuartigen Forschung.
Doch Project Hail Mary suggeriert das Gegenteil. Vor allem, wenn Grace sich in den Baumarkt begibt und dort Panzertape und Pressspanplatten kauft, um damit sein eigenes Modell zusammenzuzimmern, bleiben wir auf den Neoliberalen Pfaden von Armageddon: Die Institute abschaffen, gar nicht erst den Vorgesetzten fragen, sondern machen, lautet die Devise. Der Arbeiter übertrumpft damit alle Gremien - der Markt regelt.
Mobilmachung
Das andere große Thema, ist die international Kooperation. Das Weltraumteam besteht aus einem Chinesen, einer Russin und einem Amerikaner, alle unter der Leitung einer Deutschen. Auch wird explizit darauf verwiesen, dass die Hungerkatastrophe mindestens 30% der Menschheit töten wird, das aber nur, falls die Länder miteinander kooperieren, anstatt zu konkurrieren. Aber das, weiß Stratt, ist unrealistisch. Wenn also die Staaten sich antagonistisch gegenüberstehen, wie funktioniert dann die internationale Raumfahrtmission?
“Wir sind bereit, uns zu opfern,” hören wir immer wieder von den Astronauten. Grace könne das nicht, er bewundere das, sagt er. “Es ist ganz einfach,” entgegnet der Astronaut. “Du brauchst nur jemanden, für den du dich opfern willst. Dann kann es jeder.” Ähnliches finden wir in der immerwährenden Wehrpflichtdebatte: Wenn Pazifisten, wie Ole Nymoen oder Simon-David Dressler anbringen, dass sie niemals freiwillig kämpfen würden, wird ihnen immer entgegengehalten, ob sie selbst dann nicht zum Gewehr greifen würden, wenn sie ihre eigene Oma vor dem Russen schützen müssten. Die Frage, die immer wieder aufgeworfen wird, ist also nicht, ob wir bereit sind, uns zu opfern, sondern, für wen wir dazu bereit wären. Ob es jetzt konkret die Oma ist, oder die Demokratie oder sonst irgendwas ist zweitrangig, denn der Konsens scheint zu sein, dass jeder von uns bereit wäre, für irgendwen oder irgendwas zu sterben. Es geht lediglich darum, den entsprechenden Hebel dann auch zu finden.
Und wenn alles nichts hilft, und davor warnen auch Nymoen und Dressler, wird eben Zwang angewandt. Grace versucht sich zu weigern: In einem tränenreichen Plädoyer gesteht er, dass er es nicht in sich habe, auf diese Selbstmordmission zu fahren. Eine Wahl hat er natürlich nicht, denn postwendend wird er von den Sicherheitsbeamten überwältigt und findet sich nach einem künstlichen Koma alleine an Bord des Raumschiffes wieder. Bis dahin könnte man meinen, dass Project Hail Mary den pazifistischen Stimmen recht gibt, ist es in letzter Konsequenz dann doch egal, ob wir freiwillig kämpfen oder der Staat uns dazu zwingt. Allerdings durchlebt Grace auf dem Raumschiff eine Wiedergeburt. Er muss wieder lernen, zu laufen, zu sprechen und sich zu erinnern. Am Ende, soviel sei vorweggenommen, hat er einen Freund in Rocky gefunden, und damit jemanden, für den es sich lohnt, sich zu opfern. Er kehrt also um, um seinen Freund zu retten.
Zu Beginn war Grace noch in der Mittelschule. Er wirft seinen Schülerinnen und Schülern einen Ball zu und diese beantworten seine Fragen. Doch auch Grace bekommt den Ball zugeworfen und muss antworten. Hier sehen wir, dass der Lehrer und die Schüler sich auf eine Ebene begeben. Anders gesagt, infantilisiert diese Geste Grace. Jetzt, auf dem Raumschiff, wird er schlussendlich erwachsen. Und aus dieser Emanzipation heraus, ist er bereit, sich zu opfern. Im Umkehrschluss wird hier auch dem pazifistischen Grace Naivität vorgeworfen, ähnlich, wie es den jungen Wehrdienstskeptikern in den deutschen Talkshows ergeht. Wenn man erwachsen und verantwortungsbewusst ist, ist es demnach selbstverständlich, dass man sich für die höhere Idee opfert.
Ein Opfer, so erfahren wir, das auch gar nicht so schlimm ist. Anstatt wirklich in den Tod zu fliegen, wie von Grace angenommen, landet er auf Rockys Planeten, wo es ihm im Grunde genommen sehr gut geht. Selbst eine neue Schule, die er unterrichten kann, findet er vor. Im Grunde genommen sagt uns der Film: Auch wenn ihr an der Front verrecken solltet, so schlimm ist das dann auch wieder nicht.
Der Fremde
Einer der zentralen Handlungspunkte des Films dreht sich um die Begegnung mit dem Stein-Alien Rocky. Rocky ergeht es ähnlich wie Grace, auch er ist der letzte Überlebende seines Schiffs und auch sein Heimatplanet wird von den Astrophagen bedroht, weswegen er sich auf die Weltraummission begab. Anders als in dem grandiosen Arrival von Denis Villeneuve, werden hier die Kommunikationsschwierigkeiten auf die dümmstmögliche Weise überwunden. Grace zeigt auf sich, sagt “ich” und nimmt die Antwort Rockys auf. Jetzt weiß er, dass das Pfeifen des Aliens in diesem Fall “ich” bedeutet. So wird ruckzuck ein Übersetzungstool aus dem Boden gestampft und die größte Schwierigkeit ist es, eine passende Vorleser-Stimme für Rocky zu finden. Durch diese hemdsärmelige Überwindung der Gegensätze werden Rocky und Grace zwei Teile einer trauten Eintracht. Die Dynamik und der Humor aus der Konstellation wird hauptsächlich aus kleinen Sprachfehlern generiert: “Fist my bump”.
Die Buddy-Comedy ist spätestens seit Lethal Weapon dadurch definiert, dass sie eine Situation schafft, in der zwei gegensätzliche Charaktere zur Zusammenarbeit gezwungen werden. Dadurch entsteht das komische Element. Dieses Prinzip haben Phil Lord und Christopher Miller offensichtlich bei 21 Jump Street auch verstanden, hier werden die gegensätzlichen Rollen sogar noch ins Gegenteil verkehrt und dadurch eine weitere Ebene geschaffen. In Project Hail Mary wird das aber alles über Bord geworfen und wir sehen nur gefühlsduselige Einigkeit. Der eine kann ein bisschen bessere Modelle bauen, der andere ist in theoretischen Überlegungen versierter, aber im Grunde sind Rocky und Grace eins.Für die Handlung hätte es das Alien überhaupt nicht gebraucht, Grace hätte die Forschung auch alleine hinbekommen. Auch auf gesellschaftskritischer Ebene lernen wir hier lediglich, dass wir doch alle gleich sind, auch wenn der eine aus Fleisch und Blut besteht und der andere aus Felsen und Steinen sein mag. Das ist zwar irgendwie nett aber hochgradig naiv, interkulturelle oder gar klassenkämpferische Tendenzen werden somit komplett negiert.
Fazit
Wo andere Science-Fiction Filme sich kritisch mit dem Status-Quo auseinandersetzen, setzt Project Hail Mary auf Konsens. Wir sollen hier nicht darüber nachdenken, wie es möglich wäre, die drohende Klimakatastrophe abzuwenden, oder wie wir uns wieder aus dem drohenden dritten Weltkrieg befreien. Selbst die basalsten Überlegungen, wie wir dem anderen begegnen, wird hier nicht weiter nachgegangen. Stattdessen bekommen wir ein zerhackstücktes Machwerk, das erst durch wirre Wissenschaftskritik und Herrschaftsdiskurse aufwartet und später als sentimental-gefühliges Rumgealber nervt. Wo der Raum der Science-Fiction unendliche Möglichkeiten der Kreativität und Philosophie bietet, haben wir hier lediglich den Weltall als Kulisse. Rocky hat mit seiner “Daumen-nach-Unten” Geste eigentlich schon alles gesagt.