
Liebe Redensarten-Freundinnen und Freunde,
willkommen zu meinem dreiundzwanzigsten Newsletter.
Im letzten Teil über den Schatten sprechen wir über das Negative, das mit dem Schatten verknüpft ist: Nachteile, bedrückende Gedanken und den Tod.
benachteiligt sein, in schlechten Verhältnissen leben
Wer nicht auf der "Sonnenseite des Lebens (Abre numa nova janela)" ist, der steht - dem Sinnbild entsprechend - "auf der Schattenseite des Lebens (Abre numa nova janela)", was z. B. bedeutet, dass er von Armut betroffen oder sonst wie benachteiligt ist. Eigentlich ist mit diesem Wort die beschattete Seite einer Sache gemeint, z. B. die Schattenseite eines Berges. Im übertragenen Sinn meint man damit die negative Seite, den Nachteil einer Sache. Auch ein Mensch kann eine Schattenseite haben, also negative Charaktereigenschaften wie Egoismus, Missgunst, Arroganz oder Aggressivität.
Der Gegensatz von Licht und Schatten mit ihren jeweiligen Sinnbildern kommt auch im Sprichwort "Wo (viel) Licht ist, ist auch (viel) Schatten (Abre numa nova janela)" zum Ausdruck.
(Abre numa nova janela)Es drückt aus, dass alles seine zwei Seiten hat und jeder Vorteil auch einen Nachteil mit sich bringt. Das Sprichwort stammt von Goethe. Dass wirklich alles auch Nachteile hat, dürfte schwer zu beweisen sein. Möglicherweise gibt es Sachen, die ausschließlich positiv oder ausschließlich negativ sind. Wer das Sprichwort äußert, will lediglich darauf hinweisen, dass eine Sache auch Nachteile mit sich bringt:
Wo Licht ist, ist auch Schatten: Der Toursimus bringt zwar den Menschen vor Ort gute Einnahmen, ist aber auch mit Wohnungsknappheit, hohem Wasserverbrauch und Umweltschäden verbunden
schlecht, unheilvoll, bedrückend
Anschließend an die Hell-dunkel-Metaphorik (siehe hierzu "jemandem geht ein Licht auf (Abre numa nova janela)") wird der Schatten mit der Dunkelheit und damit auch mit all seinen negativen Eigenschaften in Verbindung gebracht. Dazu gehören Unwissenheit ("geistig umnachtet sein (Abre numa nova janela)"), aber auch düstere Gemütszustände wie Melancholie, Trauer, Angst und Pessimismus. Von den vielfältigen Möglichkeiten, den Schatten in diesem Sinn zu gebrauchen, sei hier nur ein Beispiel aus der Poesie, eine Strophe aus dem Gedicht "Tristesse" von Gottfried Benn, aufgeführt:
Die Schatten wandeln nicht nur in den Hainen,
davor die Asphodelenwiese liegt,
sie wandeln unter uns
und schon in deinen Umarmungen,
wenn noch der Traum dich wiegt.
(Quelle (Abre numa nova janela))
In den mythologischen Vorstellungen vieler Kulturen ist der Schatten ein Begriff für das Spiegelbild der Seele, und auch in der Psychologie spielt er eine große Rolle. Für den bekannten Psychiater Carl Gustav Jung (1875-1961) ist der Schatten ein Aspekt der Persönlichkeit. Er repräsentiert negative Charaktereigenschaften, die man gerne verdrängt oder nur im Unbewussten vorhanden sind und den eigenen Moralvorstellungen entgegenstehen. Erst durch Bewusstmachung und Auseinandersetzung mit seinen "Schattenseiten" kann man persönliche Konflikte lösen, und das ist eine wichtige Phase auf dem Weg zur "Ganzwerdung" (Quelle (Abre numa nova janela)). Dieser erstrebenswerte Zustand kann übrigens durch die Redensarten “mit sich im Reinen sein (Abre numa nova janela)“ oder “mit sich selbst im Einklang sein (Abre numa nova janela)“ ausgedrückt werden.
Der Schritt, die "Angst vor dem eigenen Schatten (Abre numa nova janela)" zu bewältigen, kann auch durch die Redewendung "über seinen Schatten springen (Abre numa nova janela)" (sich überwinden; etwas tun, was eigentlich der eigenen Natur widerspricht) ausgedrückt werden. Die Redensart "sich vor seinem eigenen Schatten fürchten (Abre numa nova janela)" ließe sich daher auch als "Angst vor sich selbst" deuten, meist wird sie jedoch einfach gebraucht, wenn jemand übermäßig Angst hat und sich mehr fürchtet, als es der tatsächlichen Gefahr entspricht. Die Redensart ist allerdings nur selten in Gebrauch.
Zu unserem Sinnbild gehört auch die Redewendung "einen Schatten auf etwas werfen (Abre numa nova janela)" (etwas ungünstig erscheinen lassen, nachteilige Auswirkungen haben, einen Makel haben / bekommen, etwas beeinträchtigen):
Der unerfüllte Kinderwunsch hatte einen dunklen Schatten auf ihre Ehe geworfen
Neue Beweise werfen einen dunklen Schatten auf die Aufarbeitung der Flutkatastrophe 2021
Ganz ähnlich: “über etwas liegt ein Schatten; etwas liegt wie ein Schatten über etwas oder jemanden (Abre numa nova janela)” (etwas hat einen Makel; etwas erscheint freudlos / bedrückend / unheilvoll / unergründlich / verdächtig / unglaubwürdig). Beispiele:
Es lag ein dunkler Schatten über seinem Gemüt, oft blieb er wegen seiner Depressionen tagelang im Bett
Die Gefahr eines neuen Krieges in Europa lag wie ein Schatten über der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz
Schon bevor der erste Schwimmer in Paris ins Wasser springt, liegt ein Schatten über den Wettkämpfen in der La-Défense-Arena. Die Doping-Debatte um positiv getestete chinesische Schwimmer belastet das Verhältnis zwischen Sportlern, Funktionären und Dopingjägern
Vergänglichkeit und Tod
Das Reich der Toten, in dem sich die abgeschiedenen Seelen aufhalten, werden auch als "Unterwelt", "Reich der Schatten (Abre numa nova janela)" oder "Schattenreich" bezeichnet.
(Abre numa nova janela)Sie kommt in den Mythen vieler Kulturen vor. In der griechischen Mythologie wacht der Unterweltsgott Hades über sein Reich. Mithilfe des Fährmanns Charon überquert man den Fluss Styx, der Ober- und Unterwelt voneinander trennt. Der dreiköpfige Höllenhund Zerberus bewacht den Eingang und sorgt dafür, dass kein Lebender den Hades betritt und kein Toter ihn verlässt.
Die Begriffe Schattenreich oder Reich der Schatten (Abre numa nova janela) sind aber noch weiter gefasst und in Literatur (z. B. Fantasy-Romane), Filmen und Computerspielen der Populärkultur häufig und in vielen Varianten zu finden. Mit ihnen verknüpft sind Aspekte des Unheimlichen, Verborgenen, Magischen und Bösen.
Mit Schattenreich oder Reich der Schatten (Abre numa nova janela) werden bisweilen aber auch Organisationen bezeichnet, die undurchsichtige Netzwerke betreiben und im Verborgenen fragwürdigen oder kriminellen Geschäften nachgehen.
So, das war es für heute. Ich hoffe, all das Negative hat Euch zum Jahresende jetzt nicht in eine schlechte Stimmung gebracht.
Ich wünsche Euch allen schöne Feiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr (Abre numa nova janela)! Übrigens: Wenn ihr ihn noch nicht gelesen habt, dann möchte ich Euch passend zur Jahreszeit meinen Newsletter Nr. 3 (Abre numa nova janela) ans Herz legen (Abre numa nova janela). Da geht es um Ausdrücke und Redensarten, die einen Bezug zu Weihnachten haben. Schaut mal rein!
Viele Grüße,
euer Peter vom Redensarten-Index
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