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Putins kalte Augen

Über das Dresden meiner Kindheit und den Rotarmisten mit der Handgranate, über Bomben, eine zersplitterte Frontscheibe und diese dunkle Gestalt in der Dämmerung

Vor vier Jahren schrieb ich diesen kleinen Essay über das sozialistische Dresden meiner Kindheit, das in den 1980er Jahren auch das Dresden des KGB-Agenten Wladimir Putin war. Er erschien im Frühjahr 2022 zuerst in der Süddeutschen, dann in der Sächsischen Zeitung.

Schon mehrfach wurde ich gebeten, ihn auch in „Wolken und Kastanien“ zu veröffentlichen. Dieser Bitte komme ich heute nach. Angesichts all des Unheils andernorts ist es wichtig, daß nicht aus dem Blick gerät, was in der Ukraine geschieht.

Dank eines erbosten Leserbrief-Schreibers (in Dresden gibt es wahre Experten in dieser Disziplin!) weiß ich inzwischen, daß es sich bei der Waffe in der Hand des erwähnten Rotarmisten nicht um ein Maschinengewehr, sondern um eine Maschinenpistole handelt. Ich lasse das Gewehr hier stehen, denn mein Text ist ja auch ein Zeitdokument – eines, das nicht nur diesen Irrtum, sondern auch meinen Schock festhält über Rußlands brutalen Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022.

Daß dieser Krieg noch immer tobt und Tag für Tag ukrainische Städte zerstört und Kinder, Frauen und Männer von russischen Drohnen hingemetzelt werden – und keiner Putins mörderischem Treiben Einhalt gebietet, erfüllt mich mit Bitterkeit und Scham.

Nach der Veröffentlichung in der Süddeutschen Zeitung erhielt ich einen Anruf von Konrad Rufus Müller (1940-2023), dem Kanzlerfotografen, der einst einen Besuch Gerhard Schröders in Moskau mit der Kamera begleitet hatte. Er sagte mir, die Kälte in Putins Blick habe er genauso empfunden, wie ich es beschrieben hätte.

Vor einiger Zeit saß ich einem Enkel des Psychiaters Paul Näcke (1851-1913) gegenüber. Er erzählte mir von seinem Großvater, der in Sankt Petersburg geboren und in Dresden aufgewachsen war, und zeigte mir die Kopie einer Kopie eines Manuskripts von Sigmund Freud, in dem dieser Näcke als denjenigen bezeichnet, der den Begriff Narzissmus in die Wissenschaft eingeführt hat.

War es wegen Sankt Petersburg oder wegen Dresden, daß mir gleich eine Formulierung von Joseph Brodsky in den Sinn kam? In einem Essay über seine von der Newa durchflossene Geburtsstadt (damals hieß sie Leningrad) spricht er von einer „Wasserspiegelung, die unausweichlich zum Narzissmus führt“.

Man sieht, was man sehen will. Und so war mein erster Gedanke, als ich das vor Jahren las: Was ließe sich Treffenderes über Dresden sagen, die selbstverliebte Stadt, die sich nicht sattsehen kann an ihren von der Elbe verdoppelten Türmen und Kuppeln?

Seit einigen Jahren steht ein Bilderrahmen dort, von wo aus Canaletto die markante Silhouette verewigte. Ein solcher Rahmen umgibt die Stadt auch in den Augen seiner Bewohner; selbst ihre Zerstörung im Bombenhagel 1945 gilt ihnen als einzigartig.

Nein, ein Wunder wäre es nicht, wäre Paul Näcke beim Gedanken an seine Dresdner Jahre auf den Terminus verfallen. Dresden als Wiege des Narzissmus: es gibt unwahrscheinlichere Geburtsmythen.

Der Zufall will es, daß der Mann, dessen mörderisches Treiben gerade die Welt in Atem hält und den die Psychologengilde längst als lupenreinen Narzissten erkannt hat, im narzisstischen Leningrad geboren wurde und von 1985 bis 1990 als KGB-Agent im narzisstischen Dresden lebte. Daß in jener Zeit das Sowjetreich implodierte, hat Wladimir Putin, wie Kremldeuter nicht müde werden zu betonen, nie verwunden.

In Dresden erlebte er den Zusammenbruch der bis dahin wie betonierten europäischen Ordnung aus nächster Nähe. Ein Volk, das aus Verdruß über vierzig Jahre Diktatur seine Regierung stürzt: diese Erfahrung muß Putin ins Mark getroffen haben. Zumal sie ihn unmittelbar betraf. In der DDR waren die sowjetischen Besatzer die unumschränkten Herrscher gewesen; damit war es jetzt vorbei.

Der Dresdner Schriftsteller Heinz Czechowski hat den damaligen Paradigmenwechsel einprägsam beschrieben: „Plötzlich fuhren gepanzerte Wagen durch Leipzig und brachten die harte Mark in den Osten, schwer bewacht von Polizisten mit Karabinern. Und ein paar Tage später, als ich nach Magdeburg fuhr, standen die Russen an der Straße und verkauften ihre Kalaschnikows und Fässer mit Benzin. Und ich dachte: Mein Gott, das war einmal die Großmacht Sowjetunion!“

Will man begreifen, was Putin heute umtreibt, sollte man sich diese Bilder noch einmal vor Augen führen: Der triumphale Einzug des westlichen Kapitalismus in die bis dahin russisch dominierte Hemisphäre. Die ruhmreiche Sowjetarmee, die einst Hitler besiegt hatte und jetzt auf dem ostdeutschen Straßenstrich ihre Seele verkauft. Demütigung statt Bewunderung. Die Kränkung muß ungeheuer gewesen sein.

Zu zeigen, was all das mit dem Krieg gegen die Ukraine zu tun hat, mit Putins Haß auf den Westen, seiner Aversion gegen Demokratie (was, wenn der Funke auf Rußland überspringt?) und europäische Werte, wird dereinst Sache der Historiker sein. Aber schon jetzt ahnt man, wo die psychologischen Verbindungslinien verlaufen und wie prägend die in der Dresdner Zeit gemachten Erfahrungen waren.

Betrachtet man das Foto auf seinem 2018 entdeckten Stasi-Ausweis, den kalten Blick, das trotzig vorgereckte Kinn, schwankt man zwischen Frösteln und Fassungslosigkeit. Vom Spitzel zum Nero, der die Welt in Brand steckt: was für eine Karriere! Mindestens so erstaunlich wie der Aufstieg Dresdens nach 1989 vom „Barockwrack an der Elbe“ (Durs Grünbein) zur mittels Blattgold und Sandstein strahlend sanierten sächsischen Residenz. Führt nicht beides, um es mit Brodsky zu sagen, „unausweichlich zum Narzissmus“?

Putins Dresden hat mit der heutigen Stadt kaum mehr als den Namen gemeinsam. Um sich das vor Augen zu führen, genügt es nicht, die Farbe von den Fassaden zu kratzen, die SUVs vom Blauen Wunder zu kehren und die Frischluftzufuhr abzustellen. Im Grunde müßte man die halbe Innenstadt abreißen.

Sogar die Dresdner Selbstliebe stieß damals an ihre Grenzen: Die Elbe war einfach zu dreckig, als daß sich viel darin gespiegelt hätte – abgesehen davon, daß der Canaletto-Blick seit 1945 nur noch fragmentarisch zu haben war. Die Frauenkirche ein Trümmerberg, der Hausmannsturm wie guillotiniert.

Denke ich an jene Jahre, fällt mir der verwitterte Rotarmist ein, der über dem Platz der Einheit aufragte: das Sowjetbanner in der linken Hand, vor der Brust das Maschinengewehr. Jeden Morgen, wenn ich auf dem Weg zur Schule die Straßenbahn wechselte, musterte ich verstohlen die Handgranate in seiner rechten Faust, die er im Begriff war zu werfen.

Der Krieg mochte Jahrzehnte her sein. Trotzdem erschien er mir nie als ferne Vergangenheit, sondern stets als mögliche Gegenwart. Aus dem Fenster meines Kinderzimmers sah ich die Ruine der St. Pauli-Kirche wie ein zerschossenes Wrack zwischen den verrußten Altbauten liegen. Ein Menetekel: Der Lehrerin, die uns Zehnjährige in die ideologische Mangel nahm, bereitete es eine sadistische Lust, uns das Fürchten zu lehren. Ihr besonderer Haß galt den Amerikanern, die, wie sie uns erklärte, bald wiederkommen würden, um erneut ihre Bomben auf unser schönes Dresden zu werfen.

Damals legte ich mir einen Plan zurecht, was ich tun würde, wenn wieder Krieg wäre. Ich wollte mich an den Straßenrand legen: die Stirn auf dem Pflaster, mit zugekniffenen Augen. Man würde mich, glaubte ich, für tot halten und in Ruhe lassen. Ich würde so lange dort liegen bleiben, bis der Krieg zu Ende wäre.

Daß die russischen Soldaten, deren Uniformen die Dresdner Grautöne um eine olivgrüne Note ergänzten, unsere Freunde waren, wie es allenthalben hieß, trug nicht zur Beruhigung bei. Was sollten die ausgemergelten Kerle, die sich beim Laub-Zusammenrechen vor der Kaserne in der Otto-Buchwitz-Straße ein letztes Gefecht mit dem Wind lieferten, gegen die amerikanischen Bomber ausrichten?

Freilich, aus sowjetischen Kriegsfilmen wußten wir, daß sie auch anders konnten. Und die im Fernsehen übertragenen Paraden zum Tag des Sieges auf dem Roten Platz wirkten in schwarzweiß sogar noch furchterregender. Wollte man diesen Grusel ganz unvermittelt spüren, begab man sich in jene Gegend, in der auch der Plattenbau stand, in dem damals Wladimir Putin wohnte. Hier lebten die Familien der sowjetischen Offiziere; man erkannte sie an den oktoberrot geschminkten Lippen der Frauen und den großen weißen Haarschleifen der Mädchen.

An der von Militärbauten gesäumten Dr.-Kurt-Fischer-Allee, auf der wir zum Sonntagsausflug in die Dresdner Heide hinausrollten, bot sich den friedliebenden DDR-Bürgern ein martialischer Anblick: Direkt an der Straße stand aufgesockelt ein russischer Panzer, dessen Kanonenrohr auf die gegenüberliegende Straßenseite wies – mit anderen Worten: auf „unser schönes Dresden“, dessen ruinierte Altstadt in genau jener Richtung lag.

Besagte Straße war eine fürchterliche Ruckelpiste: Kopfsteinpflaster, die Löcher mit Teer geflickt. Einmal zerschlug dort ein durch das Geholper hochgeschleuderter Stein die Frontscheibe unseres Trabis. Im ersten Moment glaubte ich, ein Schuß von einem der umliegenden Wachtürme habe sie zertrümmert.

Aber nicht diese Schrecksekunde geht mir seit Putins brutalem Überfall auf die Ukraine unentwegt durch den Kopf. Da ist noch eine zweite Erinnerung, die sich in meinem Gedächtnis festgehakt hat wie eine Scherbe in einem Sieb.

Es war an einem Nachmittag im Herbst oder Winter. Es dämmerte schon; ich saß neben meinem Vater im Trabi, und wir waren gerade in die Dr.-Kurt-Fischer-Allee eingebogen, als direkt vor uns, ohne sich umzublicken, ein Mann auf die Straße trat. Sofort hatte mein Vater den Fuß auf der Bremse; ich wurde vor- und zurückgeschleudert. Gerade noch rechtzeitig kamen wir zum Stehen.

In diesem Moment drehte sich der Mann um. Sein Gesicht habe ich vergessen, aber nicht den Blick, den er uns zuwarf: eher wütend als erschrocken, doch vor allem finster. Finster und kalt. An mehr erinnere ich mich nicht; nur daran und an ein paar Worte Russisch, mit denen er uns anblaffte, was durch die Scheibe gut zu hören war. Brüsk wandte er sich ab, überquerte die Straße und verschwand in der Dämmerung.

Seit einigen Wochen denke ich unaufhörlich daran. Immer wieder versuche ich, mir die Szene ins Gedächtnis zu rufen. Immer wieder betrachte ich das Foto auf Putins Stasi-Ausweis, und immer wieder bleibt mein Blick an den kalten Augen hängen.

Und was, wenn er es war? Ich schiebe den Gedanken beiseite, schüttele den Kopf über mich selber. Hirngespinste. Aber die Frage verfolgt mich bis in den Schlaf. Was wäre gewesen, was würde sein, hätte mein Vater den Mann über den Haufen gefahren?

Ein Gedankenspiel, so verlockend wie hilflos. Doch ich kann es nicht ändern: der Film in meinem Kopf, er läuft und läuft. Die dunkle Gestalt in der Dämmerung, das Kreischen der Bremse, mein heftig klopfendes Kinderherz.

Und auf Odessa fallen die Bomben.

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