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Der Wellensittich

Über bröckelnde Tauben und zitternde Hände, über Gott und die Welt, den geblümten Buckel von Frau Esche und das Grün der Birke auf dem Dach gegenüber

Ihr Gesicht war so zerknittert wie die Blätter vom letzten Herbst, die der Wind über die Straße wehte. Sie hatte schlohweißes Haar; und wenn sie sich zu mir hinunterbeugte, hielt ich die Luft an, weil sie aus dem Mund roch.

Sie war hundert Jahre alt. Nur deshalb ließ ich es geschehen, daß sie mit ihrer knochigen Hand meine Wange tätschelte. So lange, bis ich sie krächzen hörte: „Na los, geh schon!“

Der Käfig hing in der Küche vor dem Fenster: gleich neben der Spüle, in der eine geblümte Tasse stand. Wenn der Wellensittich mich sah, flatterte er aufgeregt herum. Aber nach einer Weile beruhigte er sich, hockte reglos auf seiner Schaukel und starrte vor sich hin.

Ich betrachtete ihn von allen Seiten: das grün leuchtende Gefieder, den Schnabel, die schwarzen Augen. Einmal steckte ich meinen Finger durch die Gitterstäbe; er blickte mich tadelnd an, sagte aber nichts.

Hob ich den Kopf, sah ich die Ruine gegenüber. Die kleine Birke, die sich tapfer in die verrottete Dachrinne krallte; die Fenster wie leere Augenhöhlen. In diesem Moment löste sich eine Taube von der Fassade. Es sah aus, als würde ein Stück Putz von der Mauer bröckeln.

Das erste Mal, als wir Frau Esche besuchten, hatte sie ein paar gelbe Zähne entblößt und mich angelacht. „Weißt du, ich habe einen Vogel!“

Erstaunt sah ich sie an. Da nahm sie meine Hand und führte mich in die Küche, an deren Decke die Wasserflecken wie Regenwolken schwammen.

„Otto! Mein Ottochen!“ rief sie, und der Wellensittich hüpfte auf und ab, daß der Käfig vibrierte, und gab schnarrende Geräusche von sich. Sie klatschte in die Hände, und er schlug so wild mit den Flügeln, daß es aussah, als würde auch er klatschen.

„Er kann sogar sprechen“, flüsterte sie und warf mir einen bedeutungsvollen Blick zu. Doch als sie versuchte, ihn mit schmatzenden Lippengeräuschen dazu zu bringen, daß er etwas sagte, klappte es nicht.

„Jetzt blamierst du mich aber!“ sagte sie lachend und drohte ihm mit dem Finger.

Dann wandte sie sich zu mir um. „Vielleicht schaffst du es! Ich laß euch mal allein.“ Und schon wankte sie davon.

Kaum war der geblümte Buckel im Dunkel des Korridors verschwunden, hörte ich sie rufen: „Ach, Herr Pfarrer! Das ist aber eine Freude!“

Ich weiß nicht mehr, wie oft wir bei Frau Esche waren. In meiner Erinnerung verschwimmen die Gesichter und die Wohnungen, an deren Türen mein Vater erst klingelte, dann klopfte. Auf dem Kopf die schwarze Baskenmütze, in der Hand den Gemeindebrief, in dem die Gestorbenen nach dem Alter sortiert waren, das sie erreicht hatten.

Ich sah dunkle Hausflure und leere Klingelbretter und Treppenhäuser, in denen Schwalben ihre Nester bauten. Ich sah zitternde Hände, Haarnetze und Stöcke; ein Gebiß in einem Zahnputzglas. Ich sah Tränen, verblichene Tapeten, eine staubige Porzellanpuppe.

Und ich sah Otto.

Von den alten Frauen, die wir besuchten, weil keiner sonst sie besuchte, war Frau Esche die älteste. Das riesige Mietshaus in der Äußeren Neustadt, wo sie im dritten Stock wohnte, sah aus, als hätte man ihm die Haut abgezogen: überall trat der rote Backstein hervor. Fuhr unten die Straßenbahn vorbei, klirrten im Schrank die Teller mit dem Zwiebelmuster.

Wann ich das letzte Mal bei ihr war? Es muß im Frühling gewesen sein, denn die Blätter der Birke auf dem Dach gegenüber leuchteten hellgrün in der Sonne.

Während mein Vater und Frau Esche im Wohnzimmer miteinander sprachen, war ich in die Küche gegangen. Otto saß auf seiner Schaukel und sah durch mich hindurch. Ich hatte ihm zehnmal dasselbe Wort vorgesagt, aber er wollte noch immer nicht sprechen.

„Na los“, flüsterte ich ihm zu. „Sag endlich was!“

Von nebenan hörte ich die Stimme meines Vaters. Weil Frau Esche schwerhörig war, sprach er so laut wie in der Kirche, wenn er vor dem Altar stand und die Gemeinde segnete.

Auch jetzt sprach er von Gott. Ich fragte mich, woher er das alles wußte und ob er Gott schon einmal begegnet war. Ich selber war ihm noch nie begegnet, aber ich wußte, daß er sogar noch älter war als Frau Esche. Ob auch er einen Vogel hatte?

Hoffentlich war er nicht schwerhörig! Wie sollte er sonst erfahren, daß ich ihn jeden Abend vor dem Einschlafen bat, daß mich Maik Dietze in Ruhe ließ? Maik Dietze war mein Feind. Er behauptete, ich hätte auf dem Schulhof Kohlen geklaut; und wenn er mich sah, bewarf er mich mit Steinen.

„Na los“, sagte ich noch einmal. „Sag was!“

Doch Otto schwieg.

Auch Gott sprach nie zu mir, und manchmal fragte ich mich, ob es ihn wirklich gab. Wäre mein Vater nicht gewesen mit seinem schwarzen Talar und seiner festen Stimme – vielleicht wäre es mir schwergefallen, an ihn zu glauben.

Mir war langweilig, und ich überlegte, ob ich ins Wohnzimmer gehen sollte. Ich konnte ein Bild malen oder in dem Buch blättern, das mein Vater für mich eingesteckt hatte. Aber heute hatte ich keine Lust. Ich sah mich in der Küche um und zog eine Schublade auf. Sie klemmte, und als ich an ihr zerrte, gab sie ein Knirschen von sich. Erschrocken hielt ich inne.

Auf einmal hörte ich hinter mir ein Geräusch. Es klang, als würde etwas herunterfallen; und als ich mich umdrehte, lag Otto auf dem Boden des Käfigs.

Im nächsten Augenblick berührte meine Nase die kalten Gitterstäbe. „Steh auf!“ sagte ich so leise, daß nur er es hören konnte. „Otto! Komm schon!“

Ich bekam es mit der Angst zu tun. Was, wenn Frau Esche dachte, ich hätte ihm etwas getan? Mir schoß das Blut in den Kopf. Die Schublade! War ich schuld daran, daß Otto so dalag?

Ich beschwor ihn, wieder aufzuwachen. Ich flehte ihn an. Doch er rührte sich nicht.

Als ich ins Wohnzimmer kam, sprach mein Vater noch immer. Der Gemeindebrief mit den Namen der Toten lag auf der gehäkelten Tischdecke neben einer Vase mit Strohblumen.

„Und du?“ Er zwinkerte mir zu. „Was macht dein Freund ... wie heißt er gleich?“

Ich schlug die Augen nieder.

Frau Esche kam mir zu Hilfe. „Otto! Wie mein Mann.“ Ein Lächeln glitt über ihr Gesicht.

„Ich vergesse ja alles mögliche! Aber das kann ich mir noch merken. Auch wenn er schon so lange tot ist. Im Mai sind es dreißig Jahre. Mein Gott ...“

Sie schüttelte den Kopf.

„Also, zuerst hatte ich eine Katze. Dann noch eine. Und jetzt hab’ ich Otto.“

Ich warf ihr einen panischen Blick zu. Nicht, daß sie auf den Gedanken kam, ihn zu holen. Zum Glück blieb sie sitzen. Ich starrte auf den Gemeindebrief, als könnte ich dadurch das Gespräch in eine andere Richtung zwingen.

Aber Frau Esche hörte gar nicht auf, von ihrem Wellensittich zu erzählen. Wie gelähmt saß ich da, der Schweiß brach mir aus allen Poren.

Irgendwann runzelte mein Vater die Stirn und fragte, was mit mir los sei. „Du bist so blaß.“

Ich sagte: „Mir ist schlecht.“

Er legte mir die Hand auf den Arm und wandte sich an Frau Esche. „Es wird Zeit, daß wir uns wieder auf den Weg machen.“

Sie nickte und stand auf, um uns zur Tür zu geleiten. Als ich ihr die Hand gab, wäre ich am liebsten im Boden versunken.

Die Treppe hinunter nahm ich gleich zwei Stufen auf einmal. Ich wollte so schnell wie möglich fort. Jeden Augenblick erwartete ich, daß sich oben die Tür wieder öffnete und Frau Esche hinter mir herschrie: „Otto! Was hast du mit Otto gemacht?“

Mein Vater kam kaum nach. „Ich denke, dir ist schlecht?“ fragte er, als er mich auf der Straße einholte.

„Geht schon wieder“, sagte ich und atmete in vollen Zügen die frische Luft ein.

Ich konnte es kaum erwarten, nach Hause zu kommen. Immer wieder stellte ich mir vor, wie Frau Esche die Küche betrat und aufschrie, als sie den toten Wellensittich entdeckte. Bei dem Gedanken schnürte es mir die Kehle zu.

Aber ich kann doch nichts dafür! murmelte ich unablässig vor mich hin. Ich war es nicht!

Die restlichen Stunden des Tages versuchte ich, alles zu vergessen. Doch als ich abends im Bett lag, fiel es mir wieder ein.

In der Nacht träumte ich, daß ich in Frau Esches Küche stand. Plötzlich ging die Tür auf, und ein alter Mann kam herein. Er trat zu dem Käfig, löste den Riegel und griff hinein. Als er die Hand wieder herauszog, war der Käfig leer. In diesem Moment öffnete er seine Faust, und da sah ich Otto – klein und grau und still.

Der alte Mann betrachtete ihn eine Weile, dann steckte er ihn in seine Manteltasche. Mit einem bedauernden Lächeln wandte er sich an mich: „Jetzt habe ich auch einen Vogel.“

Am anderen Morgen hatte ich Fieber. Meine Stirn glühte, und ich fühlte mich so schwach, daß ich es nicht schaffte aufzustehen. Meine Mutter setzte sich zu mir ans Bett, sie sah besorgt aus.

Als ich das nächstemal erwachte, war es Abend. Eine Weile lauschte ich auf das Geklapper aus der Küche, dann schlief ich wieder ein.

Die Tage vergingen. Wenn ich nicht schlief oder ein paar Löffel Suppe aß, die meine Mutter mir in den Mund schob, starrte ich an die Decke und stellte mir vor, wie das Leben draußen weiterging.

An Otto dachte ich nicht mehr.

Eines Morgens stand mein Vater im Zimmer. Er trug einen schwarzen Anzug. Er legte mir die Hand auf die Stirn und fragte mich, wie es mir gehe.

„Warum ... hast du deinen Anzug an?“

Er legte die Stirn in Falten. „Frau Esche ist gestorben. Ich fahr jetzt zu ihrer Beerdigung.“

Betroffen sah ich ihn an.

„Du mußt nicht traurig sein. Sie hatte ein langes Leben.“

„War sie wirklich ... hundert?“

Er lächelte. „Wie kommst du darauf? Nein, sie war 93.“

Plötzlich stiegen mir Tränen in die Augen. Ich mußte an ihren Wellensittich denken und an die Schublade, an der ich gezerrt hatte. Ich war schuld daran, daß sie gestorben war, obwohl ihr noch sieben Jahre fehlten.

„Warte mal.“

Er ging hinaus. Als er wiederkam, hielt er den Käfig in der Hand. Auf der Schaukel saß Otto. Kaum sah er mich, flatterte er wie wild mit den Flügeln.

Ich starrte ihn an, mit offenem Mund.

Mein Vater stellte den Käfig auf meinen Nachttisch. „Frau Esche wollte, daß du ihn bekommst. Sie meinte, ihr hättet euch viel zu erzählen!“

Aber er kann gar nicht sprechen! fuhr es mir durch den Kopf. Doch ich brachte kein Wort heraus.

Noch immer starrte ich Otto an. Sein Gefieder war nicht mehr grau wie in meinem Traum, sondern leuchtete im selben Grün wie die Blätter der Birke auf dem Dach gegenüber.

Unwillkürlich sah ich zum Fenster. Aber da war nur der Himmel: blau und glänzend, gesprenkelt von Wolken so weiß wie das Haar von Frau Esche.

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