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»Schreiben ist das einzige, bei dem ich nicht das Gefühl habe, dass ich etwas anderes tun sollte.« G. Steinem

Mia 

Ich kann für eine Woche nicht in mein Atelier, weil neue Fenster eingebaut werden. Weil ich nicht so richtig damit klarkomme, den ganzen Tag zuhause zu sein, gebe ich mir das hippste Co-Working-Café in meiner Weddinger Nachbarschaft. 

Mir ist nicht klar, wo all diese bouncy Unternehmertypen, Fashionistas und Start-up-Dudes herkommen, denn draußen auf der Straße sehe ich die nie. Wahrscheinlich funktionieren sie erst wirklich im Kontext von gelben Lounge-Möbeln, Laptops, Kombucha, Coldbrew und AirPods.

Ich gehe in die obere Etage, wo man auf einer Galerie das Café überblicken kann (Katzenplatz!) und setze mich in einen flachen Sessel zwischen einen Typen mit Dutt, der einen Gesichtsausdruck hat, als würde er täglich um halb sechs meditieren und eine Frau in Kampfstiefeln, die manisch auf ihrem iPad kritzelt.

Ich muss heute einen Auftragstext fertigschreiben. Thema: Wie Online Dating unser Liebesleben verändert hat. Ich ziehe die Schuhe aus und schreibe los. Der Kaffee ist spitze. Die Musik wabert und lenkt nicht ab. Fingernägel klicken auf der Tastatur, Café Sounds rauschen, Kampfstiefelgirl kritzelt, Duttdude tippt, Sonnenlicht scheint durch die Torbogenfenster zur Straße. Als ich nach anderthalb Stunden an die Oberfläche zurück komme, um Luft zu holen, habe ich 1.500 Wörter und Hunger.

Ich bestelle obszön teure Kombucha Ginger Limo und einen Sauerkraut Bagel und beides ist fantastisch. Um Gottes Willen, denke ich — ich LIEBE das Hipster Café.

Aber vielleicht liebe ich auch einfach das Schreiben, egal, wo ich bin. So ein Schreibflow ist was ganz spezielles. Er betäubt den Schmerz von meiner geprellten Schulter und alle quälenden Gedanken, die ich so den ganzen Tag habe. Das Schreiben ist wie ein Ort, an den ich gehen kann, wo alles so ist, dass ich es verstehe.

»Schreiben ist das einzige, bei dem ich nicht das Gefühl habe, dass ich etwas anderes tun sollte.«  
— Gloria Steinem

Ich mache gerade wenig anderes. Das Manuskript für mein Buch ist fast fertig und ich habe die Überarbeitungs- und Verdichtungsphase begonnen, angefangen, eine Agentur zu suchen, die es idealerweise an einen tollen Verlag verkaufen soll. Ich schreibe daran, wann immer ich keine Auftragstexte oder Texte für SodaKlub schreibe und ich prokrastiniere, in dem ich Tagebuch schreibe.

Ich bin also wenig in der Außenwelt und viel in meinem eigenen Kopf, es sei denn, ich lasse meine Gedanken beim Lunch von Julian oder Lulu durchkneten.

Es ist die lutealen Phase meines kreativen Prozesses. Introversion – das Meer zieht sich zurück. Wenn das Buch fertig und verkauft ist, kommt die neue Lebensphase: Extraversion – das ist, wenn man da raus geht und all die Sachen erlebt, über die man hinterher schreiben muss. Das ist die natürliche Ordnung der Dinge. Der Atemrhythmus meines Lebens.

Ich habe mich lange dagegen gewehrt, dass es so einfach und natürlich sein kann und dass es möglich ist, mein Leben so zu verbringen. Es war zu naheliegend und fiel mir zu leicht. Ich habe gelernt, dass Arbeit immer schwer und anstrengend sein muss, genauso wie ich gelernt habe, dass Nüchternheit schwer und anstrengend sein muss.

Ich bin nun bald fünf Jahre nüchtern und ich bin nie näher an mir selbst gewesen – was in meinem Fall bedeutet, dass ich schreibe. Nüchternheit hat diese Eigenschaft: Wenn du aufhörst, dich zu betäuben, auszuweichen, wegzurennen und gegen dich selbst zu arbeiten, strebt alles von alleine in die richtige Richtung.

Es ist nicht so, dass es nicht anstrengend wäre (omg es kann so fucking anstrengend sein) – es ist nur so, dass sich die Anstrengung nie verschwendet anfühlt, weil der Prozess das Ziel ist ist und die Richtung immer stimmt. Nüchternheit bedeutet (in jedem erdenklichen Sinn): Du kommst zu dir. 

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