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Sollten wir aufhören, uns selbst zu finden?

»Wir leben in der unglücklichen Zeit, in der Menschen versuchen sich zu finden«

Das schrieb der Psychologe und Pädagoge Rudolf Dreikurs irgendwann in den 60er Jahren und hätte es ebenso gut heute schreiben können. Sich selbst zu finden ist en vogue wie noch nie – auch bei mir. Zu mir finden, bei mir bleiben, für mich losgehen, mich verwirklichen, mein bestes Leben leben. Die eigenen Grenzen kennen, Bindungsmuster aufarbeiten und neue Kategorien ausbuchstabieren, die noch genauer beschreiben, wer und was ich bin. Überall suchen sich die Menschen selbst – unterstützt durch eine riesige Industrie. Und manchmal frage ich mich: Geht’s uns besser? Gibt es in uns wirklich so viel zu finden, dass sich der Aufwand lohnt? Wobei doch Selbstreflexion unbestreitbar eine gute Sache ist – oder?! Auch deshalb bleibe ich an dem Satz von Rudolf Dreikurs hängen und frage mich: Sind es wirklich so unglückliche Zeiten, in denen Menschen versuchen, sich selbst zu finden?

Ich bin die letzte, die ein Plädoyer gegen Persönlichkeitsentwicklung schreiben kann, denn ich bin großer Fan. Ich glaube, es ist nützlich, sich zu erforschen, Therapie zu machen, ins Coaching zu gehen, Tagebuch zu schreiben und sich seinen Ängsten zu stellen. Es ist gut, sich kennenzulernen, die eigenen Bedürfnisse auf dem Schirm zu haben und für sie einzustehen. Also all die Dinge zu tun, die man unter »Selbstfindung« verbuchen könnte. Deswegen bin ich auch ein bisschen beleidigt, wenn Dreikurs meint: »Wie kann man wissen, was man ist? Sicher nicht durch den Versuch, in sich hineinzuschauen, seine Gefühle zu erkennen und vielleicht sogar sein Unbewusstes zu erforschen.«

»Wie kann man wissen, was man ist? Sicher nicht durch den Versuch, in sich hineinzuschauen, seine Gefühle zu erkennen und vielleicht sogar sein Unbewusstes zu erforschen.«

Sorry. Aber wie denn sonst?!

Nehmen wir einmal an, Dreikurs hätte recht. Nehmen wir an, es stimmt, wenn er schreibt: »Was wir sind, zeigen wir nur in dem, was wir tun. In unseren Tätigkeiten erfüllen wir uns oder fehlen darin. Man kann nicht Handelnder und Zuschauer zur gleichen Zeit sein.« 

Nie in meinem Leben fühlte ich mich so depressiv, traurig und handlungsunfähig wie in der letzten Zeit des Trinkens. Es war auch die Zeit, in der ich permanent mit mir selbst beschäftigt war. Ich versuchte mich zu ergründen, herauszufinden wieso ich tat, was ich tat; wieso ich trank, wie ich trank, während ich natürlich weiter trank. Ich hatte viele schlaue Gedanken, aber egal wie viel ich dachte, ich verhielt mich wie eine Trinkerin. Bis ich anders handelte. Vielleicht meinte Daniel Schreiber genau das, als er schrieb »Man hört nicht mit dem Trinken auf, indem man analysiert, warum man trinkt. Man hört damit auf, indem man aufhört.« 

»Man hört nicht mit dem Trinken auf, indem man analysiert, warum man trinkt. Man hört damit auf, indem man aufhört.« 

Ich war mit mir selbst beschäftigt, versuchte »mich zu finden«, damit ich aufhören konnte, im Kreis zu laufen und in den ausgetretenen Spiralen meiner Gedanken immer wieder aufs neue meine eigene Minderwertigkeit festzustellen. Und ich hatte daneben nur wenig Platz für andere. Nur manchmal, wenn ich mich wirklich erfüllt fühlte, eingebunden und in Gemeinschaft, wenn ich nützlich war und geschätzt, vergaß ich nicht nur mich selbst, sondern sogar hin und wieder auch das Trinken. Man weiß das: Je schlimmer die Sucht, desto isolierter werden die Menschen, desto stärker kreisen sie um sich selbst und desto unwichtiger wird ihnen ihr Umfeld. Es ist wohl kaum ein Zufall, dass die beiden Begriffe neben »Recovery« im Logo der Anonymen Alkoholiker »Unity« und »Service« lauten. Und es ist wohl kaum ein Zufall, dass genau diese beiden Wörter für mich damals unglaublich unsexy klangen. Nicht nur für mich. Heutzutage klingen die Konzepte »Dienst« und »Einigkeit« für uns eher nach Unterordnung, Anpassung und Selbstverleugnung, als nach Gemeinschaft und Gehalten-Sein. Sie passen auch so gar nicht in die neoliberale Logik.

You are traffic

In einem Interview mit Complex (Abre numa nova janela) sagte der amerikanische Künstler Donald Glover (auch bekannt als Childish Gambino): »I got bored with people saying, like, ›This world is shit.‹ It's kind of like when people say, ›Oh, this traffic is so bad.‹ I'm like, ›You are traffic.‹« (»Es fing an, mich zu langweilen, wenn Leute sagen: ›Diese Welt ist scheiße.‹ Das ist so, wie wenn die Leute sagen: ›Oh, der Verkehr ist so schlimm.‹ Und ich so: ›Du bist der Verkehr.‹)

»I got bored with people saying, like, ›This world is shit.‹ It's kind of like when people say, ›Oh, this traffic is so bad.‹ I'm like, ›You are traffic.‹«

Das ist vielleicht das größte Problem an dem ganzen Selbstfindungsding: Wir kreisen wieder nur um uns selbst. Wir machen eine Trennung zwischen uns und der Welt, in der wir leben; zwischen uns und dem Verkehr, in dem wir stecken. Dabei zeigen Studien immer und immer wieder, dass es Menschen besser geht, wenn sie sich nützlich fühlen. Dass wir soziale Wesen sind, die beitragen wollen. Dass Genesung dann am besten funktioniert, wenn wir in einer Gemeinschaft sind, in der wir Verantwortung für andere übernehmen. Und dass das beste Rezept gegen Weltschmerz ist, einen positiven Beitrag zu leisten. Vielleicht ist uns das ein bisschen verloren gegangen. Wir sind so bedacht darauf, unsere eigenen Grenzen zu wahren, die toxischen Menschen aus unserem Leben zu verbannen, uns nur mit denjenigen zu umgeben, die uns »gut tun«, unser eigenes Best-Self zu leben, dass wir die anderen vergessen – und niemals uns selbst.

Selbstheilung, Selbstermächtigung, Selbstfindung – Ich finde all diese Dinge gut. Aber ich finde es auch gut, nützlich zu sein. Ich finde es gut, Dinge zu tun, die anderen helfen und hin und wieder auch: mich selbst zu vergessen. 

Love, Mika

Das Zitat von Rudolf Dreikurs stammt aus dem Buch »Grundbegriffe der Individualpsychologie«. Hier das ganze Zitat:

Wir leben in der unglücklichen Zeit, wo Menschen versuchen sich zu finden. Sozialwissenschaftler und Psychologen unterstützen den Wahnsinn einer Kultur. Sie verleiten den Menschen, in sich hineinzuschauen, seine Identität zu finden, seine Bedürfnisse zu erkennen und zu befriedigen. Wie kann man wissen, was man ist? Sicher nicht durch den Versuch, in sich hineinzuschauen, seine Gefühle zu erkennen und vielleicht sogar sein Unbewußtes zu erforschen. Was wir sind, zeigen wir nur in dem, was wir tun. In unseren Tätigkeiten erfüllen wir uns oder fehlen darin. Man kann nicht Handelnder und Zuschauer zur gleichen Zeit sein. Nur wer sich vergißt, kann sich finden. Unsere Aufgabe ist, unseren Beitrag zum Leben zu leisten. Wer daran interessiert ist, nicht an seinem eigenen Wohlergehen, an seinen Erfolgen oder Niederlagen, der kann inneren Frieden finden, die eigene Stärke erkennen, die darauf gerichtet ist, was man machen kann und machen soll. Der Sinn des Lebens, wie wir ihn verstehen, heißt, nützlich zu sein, alle die Kräfte, die wir besitzen, zur Wohlfahrt der Menschheit benützen. Und wer das tun kann, wird überrascht sein über seine inneren Kräfte, die ihm zur Verfügung stehen.

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