ein Update von Tanja Selters
Etwas über zwei Monate sind vergangen seit der ruhmlosen Kündigung. Schock, Veränderung, Konsequenzen haben sich vollzogen und gesetzt. Der allergrößte Stress ist vorbei. Kürzere Strecken von Ruhe und Entspannung tauchen auf.
In Wirklichkeit kann es ganz schön lange dauern, Ablehnung, aufkommende existenzielle Ängste, Gefühle von Versagen, Selbstzweifel und Trauer über den Verlust eines Alltags und Menschen, die man ernsthaft lieb gewonnen hat, Auseinandersetzung mit der Bürokratie, Administration und Organisation des Lebens abzuarbeiten. Neue Pläne zu fassen, sich zu orientieren und keine Ahnung zu haben, ob das nun richtig ist oder eine Schnapsidee.
Wahrscheinlich sollte ich gerade eine feine Hose kaufen für ein Bewerbungsgespräch in einem mittelständischen Unternehmen, so eine Hose, die sich statisch auflädt, so dass man bei jedem Griff an einen Schrank oder Türklinke einen elektrischen Schlag bekommt.
Eine irrationale Angst, die mich schon lange begleitet, ist, dass ich beruflich in einer Szene aus einem Deutsch-als-Fremdsprache-Lehrbuch lande. »Das ist Susanne. Susanne ist 27 und ist die Frau vom Chef bei Kröger und Schwiel. Und hier sehen wir Achim. Er ist für die Witze in der Mittagspause zuständig.« Knisternde Hosen, Elektroschocks.
Beziehungen und Berufe gehören zu den schwierigsten Orientierungsgebieten in meinem Leben. Leider sind es die allgemein als am wichtigsten betrachteten Gebiete. Das bringt mich schon lange und regelmäßig in die Bredouille.
Manche Menschen kommen mit einer Ausstattung auf die Welt, mit der sie später Geld verdienen können, andere weniger oder gar nicht. Mit einigen Interessen lässt sich besser über die Runden kommen als mit anderen. Ich gehöre zu den Menschen mit den kapitalistisch unpopulären Interessen.
Je mehr sich die Strecken von Ruhe und Entspannung durchsetzen, desto stärker drängen auch Ideen und Lust auf verschiedene Dinge hervor. Grandiose Geschäftsideen und Bock auf Ehrenamt, Engagement und Aktivismus. Und der sich ständig wiederholende Gedanke, dass das bedingungslose Grundeinkommen für genau meine Sorte Mensch erfunden wurde. Was sich auch ständig wiederholt, ist die Feststellung, dass die Tage lückenlos ausgefüllt sind, wenn man die Dinge so macht, wie sie einem empfohlen werden, um gesund und munter zu sein. Diese ganzen grundlegenden Bedürfnisse und die Erfüllung dieser lassen sich nämlich wirklich unfassbar schlecht in einen Arbeitstag integrieren. Genug schlafen, gutes Essen besorgen und kochen, Sport und Bewegung, sich selbst und seine Umgebung pflegen. Ich weiß, warum Rentner:innen nie Langweile haben.
Ich versuche, es mir so bequem wie möglich zwischen den Stühlen zu machen, so lange es keinen anderen ständigen Aufenthaltsort für mich gibt.
Während ich abwarten muss, ob ich nun Bestatterin oder Buchhalterin werde, oder Straßenbahnfahrerin, schreibe ich mein Buch zu Ende, das ich zum Anfang des Jahres begonnen habe und die Zeit als Autorinnen-Praktikum deklarieren. Tatsächlich hätte ich aber am liebsten noch viel mehr Zeit, als mir wahrscheinlich bleibt, bevor die grauen Damen und Herren mir wieder Briefe schicken und mitteilen, dass es nun vorbei ist mit den Ideen. Dass ich mir jetzt die Knisterhose anziehen soll und zu Susanne und Achim muss.
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Kathrin + Mia + Mika