Mia: Was ist Nüchternheit?
Ende August ist es immer so: das Jahr fühlt sich schon so gut wie over an. Ich freue mich immer auf den Herbst, weil es die beste Jahreszeit ist, um sich gut anzuziehen und die beste, um melancholisch in den Regen zu blicken, während ich schreibe und weil ich keine FOMO mehr haben muss. Ich fange an, mir die Fingernägel in Nude-Tönen zu lackieren und träume von Besuchen in Möbelgeschäften.
Ich versuche, das letzte Kapitel vom Buch zu skizzieren. Es soll um um Nüchternheit gehen. Ich versuche zu sagen, wie oder was Nüchternheit ist. »Nüchternheit ist der Raum zwischen Reiz und Reaktion«, schreibe ich. Das klingt irgendwie blutleer.
Der heilige Show-don’t-tell-Ansatz funktioniert mit der Nüchternheit überhaupt nicht. Mir fallen wenige konkrete Beispiele ein, an denen ich die Nüchternheit sinnlich erfahrbar machen könnte. »Nüchternheit ist ein weißes Bett am Sonntagsmorgen.« Das klingt irgendwie katholisch. Ich habe selten Schreibkrisen, aber das hier ist als hätte ich wirklich überhaupt nichts zu sagen.
Nüchternheit ist ja das, was allem anderen zugrunde liegt; das eigentliche, das, was übrig bleibt, wenn man die Probleme gelöst hat und nichts mehr will. Nüchternheit ist die Leere, die man ab sofort mit sich selbst füllen kann.
Zuerst kam die Pink Cloud, die nicht als Nüchternheit zählt, denn sie gehört immer noch in die Kategorie Rausch – Pink Cloud verhält sich zur Nüchternheit wie Verliebtheit zur Liebe. Und wenn dieser Wahnsinn vorbei ist, dann fühlt es sich ganz oft an, als würde nichts passieren und du mühst dich ab mit offensichtlichen Banalitäten, die doch eigentlich nicht so schwer sein sollten, und hast das Gefühl, die Karre sei im Matsch stecken geblieben und du würdest keinen Zentimeter weiter kommen und du hättest nichts gelernt in all den Jahren.
und irgendwann erst viel später wird dir klar, dass es genau das war. Dass es genau darum geht, um diesen sich scheinbar ewig hinziehenden, frustrierenden Mittelteil. Und das Gefühl, dass nichts passiert, weil du immer noch denkst, es müsste immer irgendwas passieren, damit du glaubst, dass da etwas ist.
Doch Entwicklung läuft nicht linear, eher so:
Naja, und da bin ich gerade. Es ist anstrengend. Aber ich vertraue dem Prozess.
Mika: Es ist doch alles ganz einfach.
Ein gutes Leben geht so: Es ist 6 Uhr morgens. Ich öffne die Augen und meine Hand greift aus meinen blütenweißen Laken zum Nachttisch, vorbei an meinem Handy zu einem Glas Wasser mit einem Schuss Zitrone, das ich am Vorabend bereitgestellt habe. Im Dämmerlicht fällt mein Blick auf meine Meditationsmatte. Ich habe unfassbar Lust, zu meditieren - es würde mir einfach was fehlen, wenn ich mich jetzt nicht für 20 Minuten meinem Innenleben widmen würde. Um 6:30 schreibe ich, während ich meinen Yoghurt mit frischem Obst esse und eine kleine Tasse Kaffee trinke. Medikamente und duschen (kalt natürlich), dann nehme ein frisches T-Shirt vom Bügel. Es ist Zeit, arbeiten zu gehen. Ich bin so dankbar, dass ich Arbeit habe. Ich verschwende keine Zeit, mein Körper weiß, was er zu tun hat. Es gibt keinen Reibungsverlust.
Als fleißige Konsumentin von Mental Health Instagram und YouTube kenne ich die Lösung für jedes Problem: Gestresst? Entwickle eine Morgenroutine. Geldprobleme? Entwickle eine Geldroutine. Traurig? Entwickle eine Dankbarkeitsroutine. Unordnung? Entwickle eine Aufräumroutine. Unorganisiert? Entwickle eine Bullet-Journal-Routine. Unfit? Entwickle eine Sportroutine. Es ist so einfach, denn es braucht angeblich nur 66 Tage, bis ein Verhalten automatisch wird. Körper und Gehirn arbeiten dann im Autopilot. Ich kann kann es mir in der Zwischenzeit gemütlich machen, bin an dem Prozess nicht mehr beteiligt, alles geht automatisch und mein Leben wird auf wundersame Weise gut.
Im Imperativ der Routinen verschmelzen die großen Erzählungen unserer Zeit zu einem mächtigen Heilsversprechen. Ich kann fühlen, wie sie in mir wirken, wie die Macht dieser Geschichten die Fasern meines Körpers durchdringen. Es ist egal, ob ich sie aktiv glaube oder gar für richtig halte. Sie funktionieren auch so: Unsere Zeit und Energie ist eine Ressource, die - genauso wie Geld - für uns arbeiten kann: Investiere und ernte die Zinsen. Auch du kannst es schaffen, wenn du nur wirklich willst. Ein kontrolliertes Leben ist ein gutes Leben. Das Glück ist erreichbar in fünf einfachen Schritten.
Die Wahrheit für mich war immer eine andere: Ich begann mit neuen Gewohnheiten und war stolz, endlich den Code geknackt zu haben. Dann passierte irgendwas, was im Leben eben so passiert: Ich schlief schlecht, hatte PMS oder war ein paar Tage nicht zuhause. Ich nahm mir vor, meinen Weg zurückzufinden, aber so richtig wollte es mir nicht gelingen. Dann legte ich den Versuch beschämt zu den Akten und dachte sehnsüchtig an die Zeit, als ich noch dreimal die Woche joggen ging.
Mein Leben geht momentan so: Es ist 7:30 und mein Wecker klingelt, ich drücke auf Snooze. Bis ich es aus dem Bett geschafft und mich von Instagram losgerissen habe, bleibt noch Zeit für Kaffee und eine kurze Dusche (warm natürlich). Ich laufe mit der Tasse durch die Wohnung und sammle ein T-Shirt vom Boden, rieche kurz dran und entscheide, dass das noch klargeht. Fuck, hab ich meine Medikamente schon genommen? Ich steige über mein Meditationskissen, das vorwurfsvoll angestaubt neben meinem Bett liegt und finde meine Brille nicht. Ich hab massiv keinen Bock auf Arbeit.
Aber vielleicht ist das auch einfach okay. Vielleicht sind Routinen eine feine Sache, aber auch nicht die Lösung für alles. Vielleicht ist es genauso lohnend, nicht weiter rumzuoptimieren und sich stattdessen einfach mal in Ruhe zu lassen. Daran will ich arbeiten. Am besten jeden morgen für 10 Minuten, direkt nach der Meditation.
Mia im neuen Podcast "Suchthilfe To Go"
Du vermisst unsere Stimmen? Wie gut, dass Mia neulich in dem frisch gestarteten Podcast "Suchthilfe To Go (Abre numa nova janela)" zugast war und darüber redet, ob man sich auch als junge Frau bei AA wohlfühlen kann.