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Mia

Anna kommt ins Atelier und sieht sehr stylisch aus; schwarzes Kleid mit ausgestelltem Rock wie ein invertiertes Hochzeitskleid, weißer Taillengürtel und Sandalen, die wie Skulpturen aussehen. Ich sage ihr, dass sie sehr stylish aussieht. Sie sagt: »Das liegt an meiner Vinted Sucht.«

Ich habe ebenfalls neulich festgestellt, dass ich fast nur noch Vintage Klamotten besitze. Aufgefallen ist mir das, als ich nach langer Zeit mal wieder in einem H+M war (um Unterwäsche zu kaufen) und ich eine Art Kulturschock erlitten habe angesichts der erschlagenden Masse minderwertig produzierter Textilien, die aus dem Off von fast verzweifelt gut gelaunten Frauenstimmen angepriesen werden, die sich ganz offensichtlich nicht der Ernsthaftigkeit der Lage unseres Planeten bewusst sind.

Kriegt sonst noch irgendwer Endzeit-Gefühle beim Hören von spätkapitalistischer Auto- oder Klamottenwerbung? So, als ob man den Sprecher:innen unterstellt, dass sie sich selbst nichtmal mit Gewalt überzeugen könnten, wenn sie sagen, was für eine Spitzenidee es wäre, noch mehr Zeug anzuhäufen? So, als ob man bereits in der Zukunft leben würde, und einem die Medienerzeugnisse der Vergangenheit wie eine zynische Satire vorkommen?

Die gesamte Textilproduktion verursacht über eine Milliarde Tonnen CO2 im Jahr. Das ist mehr als alle Langstreckenflüge und die Seeschiffahrt zusammen. Dazu kommt noch die halbe Milliarde Tonne Mikroplastik im Meer und die giftigen Chemikalien in Böden und Flüssen.

Jede und jeder Deutsche kauft im Schnitt 60 Kleidungsstücke pro Jahr, davon wird 40% so gut wie nie getragen und nach kurzer Zeit weggeworfen. Fast Fashion Ketten produzieren bis zu 24 Kollektionen jährlich, diese werden – wir wissen es ja – in Billiglohnländern unter unwürdigen Arbeitsbedingungen produziert. 

Aber gar nichts mehr kaufen ist ja auch nicht die Antwort. Ich persönlich liebe Klamotten. Mode ist ja auch Kommunikation und Identität. Good News ist, dass es noch nie so einfach war, nachhaltig Kleidung zu kaufen.

Wir haben einen Punkt in der Konsumkultur erreicht, in der Sharing Economy in Bezug auf Kleidung besser funktioniert als Einkaufen in einem Geschäft. Man kann in einer Klamotten-App präziser filtern als in jedem Laden: Nach Größe, Zustand, Marke, Farbe, Material. Die Auswahl ist besser, das Zeug kostet nur einen Bruchteil von dem, was der Laden dafür will und jeder Kauf ist klimaneutral. (Ich habe neulich eine ungetragene Levis Jeans in exakt meiner Göße für 15 Euro gekauft). 

In den Städten gibt es zudem an jeder Ecke gut sortierte Second-Hand-Läden, die täglich neu beliefert werden und auf Ebay Kleinanzeigen kann man im eigenen Kiez nach Privatverkäufen suchen, die man bloß abholen braucht. Btw: Tauschparties mit Freundinnen, anyone? Warum soll man damit aufhören, nur weil man über 30 ist?

Es gibt wirklich absolut keinen Grund mehr, Kleidung neu zu kaufen. Es gibt wirklich schon mehr als genug.

(Ich schreibe diesen Text unter anderem deswegen, weil wir natürlich den Ruf nach SodaKlub-Tshirts und Hoodies gehört haben, aber aufgrund der Problematik zögerlich waren. Wir suchen gerade eine nachhaltige Lösung.)

Unterdessen könnt ihr Mal in zwei tolle Bücher zum Thema reingucken, die ich liebe und die zeigen, dass man Style sowieso nicht kaufen kann:

Women in Clothes (deutsch: Frauen und Kleider – was wir tragen, was wir sind)

Ein Buch über unsere Beziehung zu Kleidung: Was Stil ist, was wir mit unserer Kleidung ausdrücken, über uns selbst erzählen, was an Mode politisch ist. Über die Beziehung zu unseren Müttern, Schwestern und Liebhaber:innen und wie sich der Stil ein Leben lang ändert. Die Themen sind etwa »Fashion Dos and Don’ts for the teenage Israeli female soldier«, oder Frauen beschreiben Fotos ihrer Mütter, aus der Zeit bevor sie geboren wurden. Dazu gibt es skurrile fotografische Essays (Körperpflege in der Öffentlichkeit ohne Hilfe von Spiegeln; Zosia Mamet imitiert Körperposen aus Modemagazinen in einem neutralen Outfit vor einem weißen Hintergrund).

Cheap Chic

Erstmals 1975 erschienen, ist dieses Buch voller praktischer Tipps, wie man ohne Geld geil aussehen kann. Darin erzählen normale Leute von den Systemen, nach denen sie sich anziehen (der Cost-per-Wear-Schlüssel ist z.B. eine gute Hilfe, um zu evaluieren ob sich eine Anschaffung lohnt), es wird erklärt, wie man ein Tuch auf unterschiedliche Arten wickeln kann, um es zu einem Cocktailkleid umzufunktionieren, wie man richtig Schichten trägt, wie man eine gut verarbeitete Naht erkennt.

Es gibt außerdem elegante Pro-Tipps, die klarmachen, dass ein guter Stil in erster Linie eine Haltung ist: 

»Der Milano Mix ist eine Prise Armee Restposten, ein bisschen Belotti-Seide, gut gewürzt mit Herrenschneiderei und trockenem Humor.«

Mikas Funfact der Woche

Einmal, als ich wieder mit dem Rauchen anfing, dachte ich: Solange ich mir nicht meine alten Rauchutensilien kaufe, kann ich noch zurück. Dann sah ich mir dabei zu, wie ich in den Kiosk ging. Ich dachte: Es wäre jetzt eine sehr schlechte Idee, mir meine alten Rauchutensilien zu kaufen. Ich ging zum Tresen, und dachte wieder: Ich sollte mir jetzt wirklich keinen Pueblo-Tabak zu kaufen. Dann hörte ich mich sagen: Einmal Pueblo-Tabak bitte.

Was ich in diesem Moment erlebte, bezeichneten die alten Griechen als Akrasia. Akrasia kann schlicht mit Willensschwäche übersetzt werden, aber beinhaltet eigentlich noch viel mehr als das, und zwar eine Erfahrung, die viele abhängige Menschen machen. Es ist die Erfahrung, entgegengesetzt zu einem besseren Wissen zu handeln – und zwar, während das bessere Wissen im Geist aktiv verhandelt wird. Während Sokrates den Grund für schlechte Entscheidungen vor allem in Ignoranz sieht, kommt sein Schüler Platon zu einem anderen Schluss. Carl Erik Fisher schreibt in seinem Buch »The Urge«: »Platon verstand das Problem der Selbstkontrolle als ein Resultat eines gespaltenen und mit sich selbst kollidierenden Selbst, das er mit seiner bekannten Metapher des Streitwagens illustriert.« Der Intellekt nimmt darin die Rolle des Kutschers ein, der sich bemüht zwei Pferde unter Kontrolle zu halten: eines steht für die positiven moralischen Impulse, das andere für die irrationalen, leidenschaftlichen Begehren.

Ich liebe es einfach sehr, dass es schon im alten Griechenland einen Begriff für meine Kiosk-Erfahrung gab: Akrasia

cu next week Hasis 🐰

Mika + Mia

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