Zwar wird aus erfolgreichen Videospielen immer häufiger ein Brettspiel, man denke an die Umsetzungen von Dark Souls, Bloodborne und Elden Ring oder das bald auch auf Deutsch verfügbare The Elder Scrolls: Betrayal of the Second Era, das ich hier kurz vorgestellt (Abre numa nova janela) habe. Aber die Ankündigung von Kingdom Come: Deliverance, das diesen Oktober auf Englisch und im Frühjahr 2027 übersetzt bei Heidelbär Games (Abre numa nova janela) für 149,95 Euro erscheinen soll, hat mich aus drei Gründen überrascht.
https://youtu.be/5nPuz_RUS8Q (Abre numa nova janela)Erstens sollte es bereits vor vier Jahren ein gleichnamiges Spiel dazu von Marek Loskot, Martin Řehořík und Jan Soukal mit kooperativer Kampagne samt begleitender App für vier Helden samt vollständiger Sprachausgabe (!) sowie adaptivem Sounddesign geben, das zeitlich nach dem Videospiel ansetzen wollte. Die Idee kam gut an, allerdings schaffte man es nicht über den Prototypen hinaus, denn das Gamefound-Projekt wurde 2022 eingestellt, obwohl schon über 2000 Leute über 318.000 Euro beitrugen.
Die Enttäuschten bekamen ihr Geld zurück und die Entwickler gaben zu, überfordert gewesen zu sein, denn sie hätten statt der anvisierten 100.000 Euro vor allem aufgrund der Features in der versprochenen App eher 1,5 Mio. Euro benötigt. Aber dieses offizielle Spiel kommt nicht von enthusiastischen Newcomern, sondern von den Brettspiel-Profis bei Czech Games Editon, die auch komplett auf digitale Unterstützung über eine App verzichten.
Trotzdem hat mich das zweitens überrascht, weil es sich beim Rollenspiel der Warhorse Studios bekanntlich um ein simulatives und hinsichtlich des Rhyhthmus' ein spazierendes Abenteuer handelt. Sprich: Der Fortschritt des Charakters erfolgt langsam, der Kampf will gelernt sein und hinzu kommen noch all die Möglichkeiten hinsichtlich der Route und Questlösungen. Jetzt hätte man das Erlebnis etwas linearer auf den Kampf runterbrechen können, aber laut Pressemitteilung will man das Spielgefühl zumindest ansatzweise nachahmen.

Man beginnt im Jahr 1403 in Böhmen als unbekannter Bauer ohne spezielle Fähigkeiten, während um einen herum Fehden und Kriege geführt werden. Ganz so episch wird die Karriere am Tisch hinsichtlich der Zeitspanne nicht ausfallen, denn es ist von fünf Tagen bzw. Runden die Rede, in denen man Dörflern und Adligen helfen, neben dem Kampf auch Alchemie zur Heilung erlernen und rhetorisch über "Witz und Charme" vorankommen kann. Recht interessant klingt auch, dass man Quests auf verschiedene Art mit anderen Enden angehen kann.
Was mich drittens überrascht hat, ist die erste Zusammenarbeit zweier erfahrener tschechischer Autoren. Zum einen Tomáš Holek, der u.a. das (laut einiger Bekannter richtig gute!) SETI: Search for Extraterrestrial Intelligence sowie das ebenfalls positiv besprochene Galileo Galilei gemacht hat. Zum anderen Vlaada Chvátil, einer der kreativsten Spieldesigner der letzten Jahre, der mit Galaxy Trucker und Through the Ages: A Story of Civilization zwei meiner Lieblingsspiele entwickelt hat.
Was die Spielmechanik angeht, klingt das nach einem anspruchsvollen und flexibel designten Abenteuer für einen bis vier Abenteurer ab 14 Jahren. Zunächst wählt man drei von neun verfügbaren Haupthandlungen aus, eine für jede der drei Städte auf der Karte. Und je nachdem, für was man sich emtscheidet, ändern sich Ereignisse sowie Aufgaben. Man entwickelt seinen Charakter über Erfahrungspunkte, sammelt Ressourcen, es gibt wie in Pen&Paper-Rollenspielen Fähigkeitenproben und Nebenquests.
Man soll viele Freiheiten haben, auch bei der Entwicklung des Charakters, denn man tauscht seine Erfahrung gegen Fertigkeitskarten, so dass auch Deckbau-Flair mit Spezialisierungen aufkommt, so dass man besser stehlen, jagen, überzeugen etc. kann. Die Ausrüstung von der Waffe bis zum Kettenhemd soll nicht nur im Kampf relevant sein, sondern auch für den Eindruck, den man beim Gegenüber hinterlässt.
(Abre numa nova janela)Der Preis von knapp 150 Euro ist natürlich nicht ohne, aber die Box ist prall gefüllt mit Material. Es gibt zwar keine Miniaturen, nur Plättchen für Helden, Tiere und Feinde, aber auch Tableaus für Händler, Tränke sowie an die 500 Karten für Tugenden, Sünden, Fähigkeiten etc.; ein Solo-Modus mit eigenen Karten ist ebenfalls enthalten.
In der Pressemitteilung werden 90 Minuten pro Teilnehmer genannt, womit man bei vier Leuten auf über fünf Stunden kommen würde. Im Gegensatz zur historische kurzen Zeit von fünf Tagen wird es also in Echtzeit ein längeres Abenteuer, für das man mehrere Sitzungen oder ein Wochenende einrechnen sollte. Ich bin mal gespannt, die englische Version soll im Oktober 2026 erscheinen und könnte auf der SPIEL in Essen dabei sein; die deutsche Version ist für das Frühjahr 2027 geplant.