Manche nehmen ihren Herzschlag stets besonders deutlich wahr. Teil 2 der Taktvoll-Serie über das Herzklopfen.
(Abre numa nova janela)Wer nach einem Sprint zur Haltestelle endlich im Bus sitzt oder in der Nacht mit dem Gedanken „Einbecher!“ erwacht, spürt sein klopfendes Herz mitunter sehr deutlich. Menschen mit einem ausgeprägten „Organempfinden“ können den eigenen Herzschlag aber selbst dann wahrnehmen, wenn äußerlich und innerlich alles entspannt ist. Laut der Psychologin (Abre numa nova janela) Beate Maria Herbert vom Embodiment Research Lab, München, verfügt rund jeder Fünfte über eine besonders gute Sensibilität dem eigenen Herzschlag gegenüber.
Ob der Arzt, den der niederländische Maler Adriaen van Ostade (1610 bis 1685) hier porträtiert, auch ein Herzspürer war? Zumindest hält er seine Hand prüfend aufs Herz und betrachtet dabei – ja, es ist laut Kunstkatalog wohl – ein Glasgefäß mit Eigenurin.
Die Wissenschaft bezeichnet die Wahrnehmung dessen, was nicht außerhalb, sondern IN unserem Körper stattfindet, ganz allgemein mit dem Begriff „Interozeption“. Das Gespür für den Herzschlag heißt „Kardiozeption“. Wir Menschen unterscheiden uns tatsächlich in der Fähigkeit, Signale aus dem eigenen Körperinneren bewusst wahrzunehmen.
Mehr oder weniger stark ausgeprägt sind nicht nur die Wahrnehmungen von Meldungen der Sensoren aus der Haut, den Muskeln, Sehnen, Gelenken, die uns im Rahmen der Propriozeption spüren lassen, wo und wie im Raum sich unser Körper gerade befindet.
Beim Blick nach innen können Menschen mit einem stark ausgeprägten Organempfinden tatsächlich in Magen und Darm oder eben auch ihr Herz hinein spüren, ohne dass der Bauch schmerzt, der Darm rumort oder das Herz bis zum Hals hinauf schlägt. Jeder von uns wird offenbar schon mit einer gewissen Veranlagung geboren, sich besonders stark oder eben auch weniger stark zu spüren.
Die Empfindung für die eigenen inneren Organe könne jedoch gefördert oder eben auch vernachlässigt werden, sich zu spüren, sei in einem gewissen Rahmen durchaus erlernbar, schreibt Herbert in ihrer Doktorarbeit. Die Bereiche unseres Nervensystems, die an der Weiterleitung der Reize aus der Peripherie und ihrer Umwandlung und Bewusstwerdung beteiligt sind, können sich verändern, sind, wie unser Gehirn insgesamt, plastisch.
Nach den Erkenntnissen des inzwischen verstorbenen US-Neurowissenschaftlers Arthur Craig sei eine unterschiedliche Fähigkeit zur Interozeption direkt gekoppelt mit einer unterschiedlich ausgeprägten emotionalen Bewusstheit, schreibt Herbert. Bewusste Gefühle und emotionales Erleben sind danach gebunden an die Signale, die das „materielle Ich“ aus den Tiefen des unsichtbaren Körperinneren heraufsendet.
Personen, die unter Angst- und Panikstörungen leiden, sind in der Regel mit einer besonders guten Organempfindung ausgestattet. Ob das zwei Phänomene sind, die sich völlig unabhängig voneinander ereignen, ist eher unwahrscheinlich. Ob das eine die Ursache von dem anderen oder das andere die Ursache von dem einen ist, vermag die Wissenschaft bisher noch nicht zu sagen.