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Die Blumenuhr in der Literatur und Musik

Von Carl von Linnés „Horologium Florae" zu Jean Pauls „Menschenuhr" und Jean Francaix' musikalischer Blumenuhr

Eine junge Frau mit einem langen Kleid steht vor einem Flügel und spielt auf einer Oboe. (Abre numa nova janela)
🎼

Vor zwei Wochen schrieb ich an dieser Stelle (Abre numa nova janela) über die „Blumenuhr“. Das tagesrhythmische Öffnen und Schließen der Blüten einiger Pflanzen brachte den schwedischen Naturforscher Carl von Linné (1707 bis 1778) zumindest auf dem Papier dazu, eine „Horologium Florae“ anzulegen.

Ob Linné sie zu Lebzeiten irgendwo mit echten Blumen verwirklichte oder pflanzen ließ, ist unklar. Sicher ist aber, dass die Idee der Blumenuhr Einzug in populärwissenschaftliche Schriften fand und auch Künstlerinnen und Künstler faszinierte.

„Der einzige Wecker in der kleinen Stadt war die Blumenuhr“

Den deutschen Schriftsteller Jean Paul (eigentlich Johann Paul Friedrich Richter, 1763 bis 1825) inspirierte die Blumenuhr in einer Passage seines humoristischen Romans „Siebenkäs“ zum Entwurf einer „Menschen-Uhr“, die die Tagesrhythmen seiner geschäftigen Mitmenschen erfasste:

In Kapitel 67 des dreibändigen Romans schildert Jean Paul, wie seine Hauptfigur, der Armenadvokat Firmian Stanislaus Siebenkäs, auf diese Idee kam:

„Ich glaube, Linnés Blumenuhr in Upsal (horologium florae), deren Räder die Sonne und Erde und deren Zeiger Blumen sind, wovon immer eine später erwacht und aufbricht als die andere, gab die geheime Veranlassung, daß ich auf meine Menschen-Uhr verfiel.

Ich wohnte sonst in Scheerau, mitten auf dem Markt, in zwei Zimmern; in mein vorderes schauete der ganze Marktplatz und die fürstlichen Gebäude hinein, in mein hinteres der botanische Garten. Wer jetzo in beiden wohnt, hat eine herrliche vorherbestimmte Harmonie zwischen der Blumenuhr im Garten und der Menschenuhr auf dem Markt.“

In der Gegenüberstellung der menschlichen Aktivitäten und der Ereignisse in der Pflanzenwelt sehen heutige Literaturfachleute auch eine Kritik der Entfremdung des Menschen von der natürlichen, „sanften“ Zeitordnung der Natur durch den harschen und – heutzutage würde man sagen: zunehmend technisierten – Arbeitsalltag der Bevölkerung:

„Um drei Uhr erwachen Wiesenbocksbart und der Stallknecht, der zu füttern beginnt; um vier Uhr das kleine Habichtskraut und die Bäcker; um fünf Uhr die Butterblumen und die Küchen- und Viehmägde; um sechs Uhr die Gansdisteln und Köchinnen; Um 7 Uhr sind schon viele Garderobejungfern im Schlosse und der zahme Salat in meinem botanischen Garten wach, auch viele Kauffrauen (…) Um 9 Uhr regt sich schon der weibliche Adel und die Ringelblume (…)“

In einem Kapitel des „Siebenkäs“ („Rede des todten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei“) gehe es laut Sven Friedrich, dem Direktor des Jean-Paul-Museums in Bayreuth, um die existenzielle Verstörung der Menschen in der Zeit Jean Pauls.

In einer aufgeklärten Welt ohne metaphysischen Bezugspunkt, in einer Welt ohne Gott, sei das Ich orientierungs- und haltlos geworden. Wie wohltuend sind da der Blick auf die Rhythmen der Natur, die Sonnenauf- und -untergänge, die Pflanzen und Tiere, die erwachen und auch auf die Rhythmen erfüllter Menschen in ihrem Dasein.

Um drei Uhr morgens grüßt die Gladiole

Musikalisch mit der Blumenuhr beschäftigt hat sich zum Beispiel der französische Pianist und Komponist Jean Françaix (1912 bis 1997) in seiner Suite für Orchester und Oboe „L’horloge de Flore“.

„Doch will ich ehrlich sein: Beim Komponieren sind die schönsten Theorien das Allerletzte, woran ich denke. In erster Linie sind es nicht die ‚gedanklichen Autobahnen‘, denen mein Interesse gilt, sondern die ‚Waldwege‘." (Jean Françaix)

Jedem der sieben Sätze der Suite, die Francaix 1959 komponierte, sind eine Blütenpflanze und eine Uhrzeit zugeschrieben. In aller Frühe, bereits um drei Uhr morgens, begrüßt eine Gladiole die bald aufgehende Sonne. Um 5 Uhr erscheint die blaue Liebesblume, um 10 Uhr ein Säulenkaktus mit großen Blüten, um 12 Uhr ein Gewächs von der indischen Pfefferküste, um 17 Uhr die „Schöne der Nacht“, um 19 Uhr die Hängegeranie und um 21 Uhr die Klatschnelke, die zwar Tag und Nacht blüht, jedoch nur in der Dunkelheit einen süßlichen Duft verströmt, um Insekten anzulocken.

Kostenfrei:

Wer versuchen möchte, aus dem „Andantino“ einen Säulenkaktus und aus dem „Allegrissimo giusto“ eine Hängegeranie herauszuhören, kann das hier tun:

https://www.youtube.com/watch?v=97ENww2uDJU&list=RD97ENww2uDJU&start_radio=1 (Abre numa nova janela)
Text: Dr. Ulrike Gebhardt

“Taktvoll – über die Rhythmen des Lebens” ist ein Projekt von mir, der Wissenschaftsjournalistin Ulrike Gebhardt. Wenn du in irgendeiner Weise von den Texten und Impulsen profitierst, überlege doch einmal, ob du nicht Taktvoll-Unterstützer:in werden möchtest: Wir könnten dann gemeinsam mehr Rhythmus in die Welt bringen 🎼. Danke 💚!

https://steady.page/de/taktvoll/posts/751754dd-7dc1-4cd9-93bb-7eb1fe035671 (Abre numa nova janela)https://steady.page/de/taktvoll/posts/7c5fb134-20fd-4c66-b56a-2658e1dd2476 (Abre numa nova janela)
Tópico Kultur + Rhythmus

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