Warum Carsons Sicht auf das Leben und ihre Bücher wie „Der stumme Frühling“ heute wichtiger sind denn je (Teil 1).
(Abre numa nova janela)Ein früher Sonntagmorgen, Ende März vor 27 Jahren. Noch liegt die Nacht in der Luft. Wir kommen nach Hause, steigen aus dem Auto und werden begrüßt von einem gewaltigen Chor aus Vogelstimmen. Einzelne Sänger sind kaum herauszuhören. Diese lebendige Klangwolke, die uns umgibt wie ein Mantel und gleichzeitig hell hineinfließt in Ohren und Herz, werde ich niemals vergessen. Sie ist das Geschenk des Lebens. Noch wenige Minuten zuvor standen wir im Krankenhaus am Bett meines Vaters, fassungslos. Er war plötzlich in der Nacht an Komplikationen nach einer Routine-Operation gestorben.
„Der stumme Frühling“
Eine Welt ohne Vogelstimmen? Unvorstellbar. Dass sie überhaupt noch singen, verdanken wir besonders einer Frau, Rachel Carson, und ihrem Buch „Der stumme Frühling“. „The Silent Spring“ erschien vor 63 Jahren zunächst in den USA und kurz darauf in vielen Ländern weltweit.
„Wo einst am frühen Morgen der herrliche Gesang der Vögel erschallte, ist es merkwürdig still geworden. Die gefiederten Sänger sind jäh verstummt, Schönheit, Farbe und der eigene Reiz, die sie unserer Welt verleihen, sind ausgelöscht; dies hat sich alles ganz schnell und heimtückisch ereignet.“ (Rachel Carson)
Die amerikanische Biologin und Schriftstellerin hat in ihrem über 400 Seiten umfassenden Buch Beobachtungen von Vogelkennern und unzählige wissenschaftliche Studien zusammengetragen. Sie macht darin auf die dramatischen Folgen aufmerksam, die sich durch den massenhaften Einsatz von Pestiziden in vielen Gebieten der USA ereigneten.
Die Vögel starben direkt an den weißen, giftigen Körnchen, die sie ahnungslos aufpickten. Oder sie verendeten, nachdem sie Wasser aus verseuchten Pfützen getrunken oder mit Insektiziden belastete Regenwürmer und Insekten gefressen hatten, die im Boden, auf den mit schmierigem Gift überzogenen Blättern der Baumkronen oder in Spalten der Baumrinde leben.
Zwei Jahre nach der Veröffentlichung, im April 1964, stirbt Rachel Carson an einer Krebserkrankung, an der sie seit langem leidet. Erste Reaktionen auf ihr letztes von insgesamt 4 Büchern, die sie veröffentlichte, kann sie noch erleben. Wie folgenreich „Der stumme Frühling“ über die Jahre wird, bekommt sie dagegen nicht mehr mit. Carson widmet ihr Buch dem Physiker Albert Einstein und stellt ein Zitat von ihm an den Anfang:
„Der Mensch hat die Fähigkeit, vorauszublicken und vorzusorgen, verloren. Er wird am Ende die Erde zerstören.“ (Albert Einstein)
Carsons Warnung wird gehört. Das Buch gilt als Initialzündung für die Umweltbewegung schlechthin. Die US-amerikanische Regierung erlässt, angestoßen durch Carson, einige Umweltgesetze, 1970 wird die US-Umweltbehörde gegründet, 1972 DDT verboten.
Kopernikus der Biologie
Die aus Bulgarien stammende, in den USA lebende Schriftstellerin Maria Popova nennt Carson den „Kopernikus der Biologie“. Mit ihrem Buch und mit ihrer Sichtweise auf das Leben habe sie den Menschen (the human animal) aus seiner anmaßenden Position im Zentrum des ökologischen Erdkosmos hinauskatapultiert und ihm einen neuen Platz zugewiesen. Er sei nun (nur) einer von unzähligen Organismen, die allesamt staunenswert und erfüllt von Leben und Wirklichkeit seien, schreibt Popova (Abre numa nova janela).
Rachel Carson wird 1907 in Pennsylvania geboren und wächst in sehr bescheidenen ländlichen Verhältnissen in der Nähe Pittsburghs auf – zwischen Hühnern und Schafen, Obstbäumen, Feldern und Hügeln. Durch ihre Mutter lernen ihre beiden älteren Geschwister und sie die Pflanzen und Tiere in der Umgebung kennen. Rachel beginnt am Pennsylvania College for Women ein Englisch-Studium, schwenkt dann aber auf die Biologie um.
(Abre numa nova janela)Die Sympathie für eine Dozentin und die Liebe zum Meer, das sie bei Exkursionen zum ersten Mal in ihrem Leben erlebt, sind wohl die Auslöser für diesen Wechsel. Nach dem Abschluss in Zoologie beginnt Rachel eine Doktorarbeit an der Johns Hopkins University in Baltimore. Später bekommt sie eine Anstellung bei der Fischereibehörde. Um zusätzliche Einkünfte für den nicht sonderlich gut bezahlten Job zu verdienen, schreibt sie journalistische Texte für Zeitungen und Zeitschriften.
Die Küste als heiliger Ort
Ihre Bücher beschäftigen sich mit dem Meer. „An der Meeresküste zu stehen – das Strömen von Ebbe und Flut zu spüren (..) – dem Flug der Ufervögel zu folgen, die seit vielen Tausenden von Jahren über die Brandungslinien der Kontinente steigen (..) – bedeutet solches Wissen nicht Wissen um Dinge, die ebenso ewig sind wie irgendein anderes Leben unserer Erde?“, schreibt sie in ihrem ersten Buch „Unter dem Meerwind“.
Diese Passage erinnert mich an Sätze von Robert MacFarlane. Der Naturschriftsteller beschreibt in seinem Bestseller „Im Unterland“ „dünne Orte“ und meint damit „Stellen in der Landschaft, wo die Grenze zwischen verschiedenen Welten oder Epochen besonders durchlässig erscheint“. Solche Orte befänden sich oft in Randgebieten, in den von MacFarlane aufgesuchten Höhlen, aber auch an Landspitzen, Inseln oder an den von Carson geliebten Küsten.
Mit „Unter dem Meerwind“ sei Rachel Carson der Durchbruch als Wissenschaftspoetin gelungen, schreibt Jill Lepore (Abre numa nova janela), Historikerin an der Harvard University. Carson muss mit einer besonderen Energie und Ausdauer ausgestattet gewesen sein. An ihren Büchern schreibt sie meist nachts. Ihre inzwischen verwitwete Mutter unterstützt sie beim Tippen der Texte an der Schreibmaschine. Tagsüber arbeitet Rachel in der Behörde und kümmert sich um ihre beiden Nichten, die nach dem Tod der Mutter (Rachels Schwester) mit ihr zusammenleben.
Der Blick für die Wissenschaft und ihre Sorge um die Familie habe dazu geführt, dass Rachel ihre ganz eigene Sichtweise auf die Welt gewann, beschreibt Jill Lepore: „Carson lernte, die Welt als wunderbaren, wilden, kreatürlichen und verletzlichen Ort zu sehen, dessen Einzelteile alle miteinander verbunden sind.“
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1951 erscheint Carsons zweites Buch „Geheimnisse des Meeres“ („The Sea around us“) über die Ökologie des Meeres, 1955 ihr drittes Buch „Am Saum der Gezeiten“ (“The edge of the sea“), das sich mit der Meeresküste als Ökosystem beschäftigt. Die Leser sind begeistert. Die Bücher verkaufen sich gut, mit „The Sea around us“ gewinnt Rachel den National Book Award.
Mit dem Erfolg geht es ihr auch finanziell besser. An der Küste von Maine kauft sie sich ein kleines Ferienhäuschen mit einem Stückchen eigenem Ufer und Wald. Bei der Fischereibehörde kündigt sie. 1955 stirbt eine ihrer beiden Nichten, Rachel adoptiert deren vierjährigen Sohn Roger.
Pestizide schädigen alles Lebendige
1958 beginnt Rachel mit der Recherche für „Der stumme Frühling“. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg boomt die Herstellung synthetischer Chemikalien und das Geschäft mit giftigen Stoffen. Mit deren Hilfe versucht der Mensch, die Natur zu kontrollieren und ungewollte Pflanzen und Insekten zu beseitigen.
„Unsere Einstellung zu Pflanzen ist höchst engherzig. Wenn uns eine Pflanze von irgendeinem unmittelbaren Nutzen scheint, hegen und pflegen wir sie. Ist uns aus irgendeinem Grunde ihre Anwesenheit unerwünscht oder auch nur gleichgültig, verurteilen wir sie vielleicht gleich zur Ausrottung.“ (Rachel Carson)
Mit erschreckenden Beispielen belegt Rachel Carson, wie kurzsichtig und überheblich dieses Handeln ist - etwa im regelrecht kriegerischen Kampf gegen den „Japanischen Käfer“. Flugzeuge ließen in den 1950er Jahren in Michigan Insektizide vom Himmel rieseln.
Doch die Kügelchen, die das Insektizid Aldrin enthielten, das sich in Tier und Pflanze zum krebserregenden, giftigen Dieldrin umwandelt, fielen nicht nur auf die ungeliebten Käfer. Sondern auch auf „Leute, die Einkäufe machten oder zur Arbeit gingen, auf Kinder, die zur Mittagszeit aus der Schule kamen, Hausfrauen fegten die Körnchen von Veranda und Gehsteig, wo sie wie Schnee ausgesehen haben sollen“, schreibt Rachel. Innerhalb weniger Tage seien tote oder sterbende Vögel beobachtet worden, Katzen und auch Menschen erkrankten.
1954 begann man in einigen Regionen der USA, den Ulmensplintkäfer mit DDT zu bekämpfen. Der Käfer überträgt eine Pilzkrankheit von Baum zu Baum, die die amerikanischen Ulmen sterben ließ. Carson beschreibt die verheerenden Folgen. Die Anreicherung des DDT in der Nahrungskette, das Massensterben von über 60 Vogelarten, der Verlust der Fruchtbarkeit und das drohende Aussterben des Weißkopfseeadlers.
Rachel Carson gibt in ihrem Buch viele Denkanstöße, die auch heute so aktuell sind wie damals.
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