Eins der Kapitel, das es nicht mehr in „Mama ist tot. Und jetzt?“ geschafft hat
Mein Trauerratgeber “Mama ist tot. Und jetzt?” wird oft bei Beerdigungen statt Blumen verschenkt, denn es geht um das Nach-vorne-trauern, um das Leben mit dem Verlust und das sogar mit Humor. Oder wie Wolfgang Joop mal sagte: “Endlich findet jemand den Mut, offen über den Tod zu schreiben- ehrlich und emotional, aber nicht kitschig und oft zum Totlachen.” Doch es gibt auch immer wieder Fragen und Antworten, die sich erst nach dem Erscheinen der aktualisierten Neuausgabe gestellt haben. Hier kommt eine plus Antwort.

Dies wird das Kapitel, das nicht mehr in „Mama ist tot. Und jetzt?“ geschafft hat und das ich immer schreiben wollte. Die Idee wuchs quasi wie ein Pflänzchen in meinem Kopf, da mir immer wieder eine Frage gestellt wurde: Wie hast du es geschafft, mit diesem riesigen Verlust so gut umzugehen? Sie lief mir immer mal wieder über den Weg, in Podcasts, in Magazininterviews, meistens „of the record“, also hinterher, oder von Leserinnen via Instagram gestellt. Erst lawinierte ich mich etwas drumherum, weil ich selbst keinen Schimmer hatte. Dann wusste ich es und zögerte, den Grund in Worte zu gießen, weil ich dachte, mich halten alle für komisch. Doch eins musste ich auch feststellen: Je länger mein Ratgeber “Mama ist tot…” existierte, desto mehr begriff ich, dass dieses Buch genau das konnte, was ich mit ihm erreichen wollte: Ein Trauerbuddy sein, eine echte Hilfe. Die Nachrichten, die ich dazu bekam, sprachen jedenfalls eine deutliche Sprache und treiben mir bis heute häufig Tränen in die Augen, so nah fühle ich mich mit allen, die sich melden, die mir ihre Geschichte erzählen und die mir berichteten, dass sie sich mit meinem Buch, also quasi mir, einschließen, Wein trinken, Schokolade essen, mit mir weinen, lachen und Kerzen anzünden würden. Und infolgedessen, wurde mir auch klar, dass es keine absurden Fragen und Antworten zum Thema „Tod“ gibt. (Auch wenn neulich ein Mann bei Instagram fragte, ob ich das mit den Glühbirnen ernst meinen würde oder ob das Satire wäre.) Wir sind alle gleich in der Trauer, aber jeder ordnet sie anders ein und macht etwas anderes draus. Und dabei kann man sich durchaus von denen inspirieren lassen, die es schaffen diese schwerste aller Aufgaben unseres Daseins schneller ins Positive zu drehen, finde ich. Ihr wisst schon, die, die aus den Zitronen des Lebens schneller Limonade quetschen.
Aber zurück zur Frage: Neulich kam sie wieder in einem Podcast und zum ersten Mal erzählte ich einfach von dem Gefühl, dass ich immer hatte. Dass die Energie meiner Mutter in mich übergegangen sei. So fühlte es sich zumindest an. Ich hatte Teile ihrer Persönlichkeit quasi in meine integriert, Rituale übernommen, Sichtweisen abgespeichert. Natürlich nur die, die zu mir passten. Oft fragte ich mich: Was würde Mama jetzt tun? Und so hatte ich ihren Rat immer auf Tasche. Ich sah sie vor meinem inneren Auge lachen, mir zunicken, mich umarmen und so war sie immer dabei. Ihr Nicht-mehr-Sein war auch immer ein Teil des Alltags, nicht als schweres Accessoire, sondern als positive Erinnerung. Da ich nach ihrem Tod ja noch zwei Kinder bekommen habe, die sie nicht kennen gelernt haben, versuche ich die Erinnerung, die Erzählungen über sie mit meiner großen Tochter Karlotta aufrecht zu erhalten. Das sind Anekdoten am Abendbrottisch, das ist ihr Käsetoast, den wir hin und wieder zu Mittag essen, mit dem echt bösen Scheiblettenkäse und weißem Wabbeltoastbrot. Ernährungsphysiologisch totaler Mist, aber eine wunderbare Kindheitserinnerung für mich und ein Anlass über Omi zu reden. Und die Kinder lieben ihn natürlich. Vor Auftritten, Lesungen oder anderen Terminen nehme ich Mama immer mit, indem ich etwas von ihr trage. Einen Armreif, einen Ring oder ich signiere Bücher mit ihrem alten Montblanc. Keiner ahnt es, aber ich habe meine Superpower dabei. Ist natürlich auch wissenschaftlich untermauert, wie ich bei meinen Recherchen feststellte. In der Bindungstheorie nach John Bowlby wird das Ganze so erklärt, dass Objekte des Verstorbenen eine symbolische Verbindung herstellen und damit als „transitional objects“ den Umgang mit dem Verlust erleichtern, ähnlich wie bei kleinen Kindern mit ihren Kuscheltieren. In der modernen Trauerforschung spricht man auch davon, dass die innere Präsenz durch innere Gespräche aufrechterhalten wird und diese Gegenstände die Beziehung stabilisieren. Bedeutet: Menschen, die diese Bindung auf gesunde Weise aufrecht erhalten, erleben oft weniger depressive Symptome. Außerdem haben sie immer einen Identitätsanker dabei. Großartig. In der Soziologie spricht man von „ narrativer Kontinuität“- man erzählt über Erinnerungsstücke also die Lebensgeschichte weiter. Gefällt mir richtig gut. Und wir bekommen dabei noch eine Extraportion Dopamin und Oxytocin, das neurologische Bindungs- und Belohnungssystem wird angeworfen. Wichtig dabei für alle Zweifler: Es ist kein Zeichen von Verdrängen oder Nicht-loslassen, sondern eine adaptive Form der Trauerarbeit. Müssen wir mehr wissen?
Manchmal stelle ich sogar erst nach einer Lesung fest, dass ich unbewusst Mama dabei hatte. Auch das ist okay. Dann muss ich schmunzeln. Und manchmal denke ich dann auch: Na, hast mich begleitet, obwohl ich es in der Eile fast vergessen hätte, dich mitzunehmen? Wie neulich den Parfum-Taschenflakon, den Karlotta in einer von Mamas alten Clutches fand, von denen ich mich nicht trennen wollte.
„Mama, das riecht so nach Omi!“ sagte sie und versprühte einen weiteren Stoß „L´air du temps“ auf der Treppe. Ein Duft voller Erinnerungen. Im selben Moment sah ich sie über die Galerie laufen, auf dem Weg zu einem Abendessen bei Freunden, gerne ganz in schwarz, mit rotem Lippenstift und frisch geföhnten Haaren.
„Bis später, mein Schatz!“
Ja, Erinnerungen haben Kraft! Und manchmal sind sie alles, was wir haben. Und niemand kann sie uns nehmen. Sie gehören uns und wir können sie formen wie Knete, damit sie uns guttun. In den ersten Wochen der Trauer ist das natürlich noch nicht möglich. Da ist man nur wie paralysiert, steht völlig neben sich und die Tränen fließen ständig, was sie auch dürfen. Es braucht Zeit. Was mir geholfen hat, war das Anpacken, das Gestalten. Die Trauerfeier planen, Fotos auf Leinwand ziehen, Blumen aussuchen, Gedichte und Tagebücher wälzen, auf den Spuren meiner Mutter zu wandeln. Da kam das erste Mal das Gefühl, als hätte ich jetzt Energie für zwei. Meine Mutter war auch eine Gestalterin. Es tat gut, in diese Fußstapfen zu springen. Und das geht auch im Kleinen, indem man sich vielleicht die Lieblingsblumen des Verstorbenen kauft, seinen Käsekuchen nachbackt oder ins Lieblingscafé geht. Für mich war das Ins-Tun-Kommen immer besser als das In-der-Trauer-Verharren.
Und plötzlich ist es geschrieben, das Kapitel, das es nicht mehr in „Mama ist tot…“ geschafft hat. Die Idee wuchs quasi wie ein Pflänzchen in meinem Kopf. Geht Ihr jetzt Eure gießen?
Ps. Wenn Ihr Fragen habt, immer her damit. Vielleicht das Thema für die nächste Ausgabe.
(Abre numa nova janela) Für alle, die gerne mit mir persönlich via Zoom-Call zum Buch und zum Thema Trauerbewältigung sprechen möchten, biete ich bald eine passende Möglichkeit hier an.
Ihr könnt mir auch jederzeit gerne schreiben an mailto:annafunck@me.com (Abre numa nova janela) .
Data
22/06/2025
Tópico
TRAUERBEWÄLTIGUNG
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