SACHBUCH-KRITIK (Abre numa nova janela)
Das südliche Afrika gehört nicht gerade zu den Reisehotspots der Welt. Paul Graetz hat den Kontinent vor 115 Jahren durchquert, der Journalist Simon Riesche ist auf Graetz‘ Spuren unterwegs. In dem Reisebericht „Zwischen Lüderitz und Sansibar“ setzt er sich mit den Menschen und Europas kolonialer Vergangenheit auseinander.
Früher war im Erdkundeunterricht öfter die Rede von „Schwarzafrika“. Das ist dort, wo die Schwarzen leben, deshalb Schwarzafrika – so mein damaliger Lehrer. Ich hatte hierbei als Teenager ein mulmiges Gefühl und heute, etwa 20 Jahre später, kann ich das besser einordnen: Mindestens latenter Rassismus schwang dort mit (Abre numa nova janela).
https://steady.page/de/018e38c0-7a57-4e1c-b5b8-4c831b91d2f7/posts/5c679f05-349d-4f62-a83d-fdcfa90f276d (Abre numa nova janela)Blicken wir auf dieses „Schwarzafrika“ – was wir besser mit dem mittlerweile geläufigeren Subsahara-Afrika bezeichnen – so sehen wir einen Erdteil, der klimatisch primär heiß und tropisch ist, politisch teils ruhig, teils instabil und fragil sowie wirtschaftlich eher wenig bedeutend. Was überrascht, denn mit Bodenschätzen ist diese Region eigentlich reich gesegnet, aber – so unsere europäische Perspektive – durch Korruption, schlechte Regierungsführung und andere Faktoren wird kein größerer Wohlstandsgewinn für die Menschen generiert.
Landschaft und Tierwelt vs. koloniales Erbe
Dabei hat die Region südlich von Tansania, Kongo und Angola sowohl landschaftlich, in Bezug auf die Tierwelt, die Gesellschaften und Kulturen sowie die Geschichte viel zu bieten. Und vor allem ist das koloniale Erbe von einem traurigen Reichtum – unsere noch bis heute reichende Verantwortung kann und sollte nicht geleugnet werden. Die Region zu bereisen hat also durchaus seine Tücken.

Ein Mann hat sich dennoch aufgemacht, das südliche Afrika von Ost nach West zu durchqueren. Der Journalist Simon Riesche ist von Tansania bis nach Namibia gereist und hat seine Erfahrungen und Gedanken in dem Buch Zwischen Sansibar und Lüderitz – Auf Roadtrip und Zeitreise im Süden Afrikas bei Knesebeck Stories festgehalten.
Reisen (fast) wie vor 115 Jahren
Riesche folgt dabei einer Route, die vor etwa 115 Jahren bereits ein anderer Deutscher unternommen hatte. Der sächsische Offizier Paul war in Deutsch-Ostafrika – dem heutigen Tansania – stationiert und beschloss, mit dem Auto nach Deutsch-Südwestafrika – heute Namibia – zu reisen. Was heute fast banal anmuten mag, war angesichts eines kaum existenten Straßennetzes und viel Wildnis inklusive der darin lauernden Gefahren ein Abenteuer ohne Vergleich. Niemand hatte zuvor solch eine kontinentale Durchquerung versucht.

Dem kommt heute der Transport in öffentlichen Verkehrsmitteln am nächsten. Den Luxus eines eigenen (gemieteten) Pkw wollte sich Riesche nicht gönnen, sondern so nah an der Route und den Reiseumständen von Graetz bleiben. So entschließt er sich, Graetz‘ Aufzeichnungen zum Vorbild zu nehmen und die Route möglichst originalgetreu nachzureisen – im Minibus, Sammeltaxi, per Bahn und Fähre, also auf dem Weg, der Kontakt mit den Einheimischen verspricht, soweit es die Corona-Pandemie zuließ.
Improvisation ist Alltag
Riesche beschreibt in seinen knapp 200 Seiten eine Reihe von Erlebnissen und Begegnungen, Improvisationserfordernis und -talent sowie ein richtig spannendes Abenteuer. Wer bereits im südlichen Afrika war, weiß, dass Sammeltransporte, ausgefallene oder umgeplante Bus- und Fährverbindungen oder Verkäufer*innen im Gefährt zum Alltag gehören. Wenn wir uns über die Deutsche Bahn beschweren, mag das oft berechtigt sein, aber im südlichen Afrika gehört eine gewisse Gelassenheit in Transportfragen zum Alltag.

Spannend ist der stetige Abgleich Riesches mit Graetz‘ Aufzeichnungen, die er als Reiselektüre dabeihat und am Ende sogar dessen Biografen trifft. Manchmal lässt sich ein Abweichen von der damaligen Route nicht vermeiden, aber im Großen und Ganzen bleibt der Journalist der Route des Entdeckers der Kolonialzeit sehr nahe.
Armut im reichen kolonialen Erbe
Kolonialzeit wiederum ist ein gutes Stichwort: Mit dieser, mit der kolonialen Vergangenheit und auch der Weltsicht eines Paul Graetz – vor 115 Jahren dürfte diese einigermaßen repräsentativ für die damalige Gesellschaft gewesen sein – setzt Simon Riesche sich permanent auseinander. Ob es der Völkermord an den Herero und Nama im heutigen Namibia ist, die Suche nach Booten aus deutscher oder schottischer Fertigung, die noch heute auf Seen wie dem Tanganjika- oder dem Malawisee verkehren, oder eben die Auseinandersetzung mit den vermeintlich minderwertigen „Rassen“ Afrikas, Riesche blickt mit den Augen eines aufgeklärten Europäers auf das Erbe, das Graetz und seine Zeitgenossen hinterlassen haben.

Da kommt immer wieder die Kolonialherrschaft deutscher und weiterer europäischer Mächte aufs Tableau, aber auch die Befreiungskämpfe werden häufig von ihm gewürdigt. Es ist nicht so, dass er versucht, Abbitte für die kolonialen Verbrechen zu leisten, aber er geht doch immer sehr kritisch mit dem um, was wir Europäer zwischen Sansibar und Lüderitz getan und hinterlassen haben. Und auch den Umgang der Verantwortungsträgerinnen und -träger hierzulande und vor Ort sowie gerade der deutschstämmigen Minderheit in Namibia betrachtet er mit großem und angemessenem Argwohn.
Auch die Reiseelemente, die Schilderung von Strapazen, Problemen und deren Lösungen sowie auch den Austausch mit den Menschen oder eben die schönen Landschaften des südlichen Afrikas beschreibt Riesche immer wieder sehr eindrücklich. Trotz aller schwierigen und traurigen Eindrücke der kolonialen Vergangenheit, es sind auch solche Schilderungen, die zu einem guten Reisebericht dazugehören.
Reisen wider die Hindernisse
Zwischen Sansibar und Lüderitz reist Simon Riesche somit auf den Spuren europäischer Kolonialherren, macht sich aber seinen ganz eigenen Eindruck und hat die Schwierigkeiten des 21. Jahrhunderts – inklusive Pandemie – zu bewältigen. Das ist an keiner Stelle moralisierend oder belehrend, aber dennoch reflektiert er die koloniale Vergangenheit, während er sich an der Schönheit von Subsahara-Afrika erfreut.

Er illustriert seine Begegnungen mit den Menschen vor Ort und das in Ländern, von denen viele von uns gar nicht einmal wissen dürften, wo sie liegen oder dass es sie überhaupt gibt. Afrika ist keine Gegend, die einfach zu bereisen ist, zumindest wenn mensch auf den Luxus eines schweren Individualgefährts verzichtet. Wie gut das aber dennoch funktioniert, welche Abenteuer und Hindernisse dort warten, das beschreibt Riesche aber sehr, sehr eindrücklich.
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Simon Riesche: Zwischen Sansibar und Lüderitz – Auf Roadtrip und Zeitreise im Süden Afrikas (Abre numa nova janela); 224 Seiten mit 90 Farb-Abbildungen und einer Karte; Klappenbroschur; ISBN 978-3-95728-743-4; Knesebeck Verlag; 22,00 €