
Es ist längst Zeit für einen weiteren Grundlagen-Artikel. Am Tresen sitzend, bei einem Bierchen, so unter uns. Denn alle reden wirr durcheinander und drücken irgendwo drauf. Und am Ende weiß keiner mehr, worum es eigentlich geht.
Dies ist der erste von drei Teilen.
Im ersten Teil erkläre ich die strategische Ausgangslage im Kalten Krieg.
Im zweiten Teil was daraus folgend heute zu erwarten ist und warum.
Im dritten Teil werde ich darauf eingehen, was das konkret für Deutschland bedeuten würde.
In vielen Social Media Kommentaren merke ich immer wieder, dass das Konzept fehlt. Das Konzept von Krieg. Das Konzept davon, was Militärs und Sicherheitspolitiker (und da bitte nur die Fachpolitiker) eigentlich mit der „Wehrtüchtigkeit“ meinen. Und wenn sie sagen, dass Russland angreifen würde, könnte oder wollte.
Genau deshalb habe ich diesen Artikel lange prokrastiniert.
Denn ich möchte vermitteln, wie so ein Angriff vermutlich ablaufen würde.
Doch würde ich schreiben, die Autobahnen könnten gesperrt werden oder Wehrpflichtige würden rekrutiert, würden sich in den Köpfen der geneigten Leserinnen und Leser Bilder etablieren, die genauso unzutreffend sind. Mehr noch: die ich ja eigentlich erklären oder widerlegen will.
Das Thema ist ungemein komplex. Noch komplexer ist es, es so darzustellen, dass Laien sich darunter etwas vorstellen können. Das haben mir auch viele Kommentare auf der Facebook Fanpage (Abre numa nova janela) gezeigt, auf der ich vor Wochen schon einmal aufgerufen hatte, Fragen zu stellen.
Es geht zunächst um Strategie. Und da wird es für viele irgendwie undenkbar. Heutzutage noch mehr als im vergangenen Jahrhundert.
Also beginnen wir einmal ganz woanders. In der guten, alten Zeit.
Beginnen wir im Kalten Krieg.
Die Ausgangssituation
Manche haben es noch nicht so ganz mitbekommen, aber die Sowjetunion ist kollabiert. Und der Warschauer Pakt mit ihr.
Bis dahin gab es strategische Pläne Russlands, wie Europa einzunehmen sein wird. Diese Pläne waren bekannt. Es wird einige überraschen, wie bekannt. Es wird gleich klarer.
Umgekehrt gab es solche Pläne der NATO nicht. Zumindest sind mir keine bekannt und es würde auch allem widersprechen, was ich auch intern über die NATO weiß. Im Grunde war auch ich Teil der NATO.

Die Sowjetunion reichte in der militärischen Realität bis an Deutschland heran.
Die NATO reichte über Griechenland und die Türkei an den Süden des Warschauer Paktes heran. Sie hätte also im Falle eines Angriffs über Rumänien und Bulgarien eine Zange um Osteuropa schließen können. Und von da aus dann Russland angreifen.
Deshalb war die Türkei auch ein so wichtiges NATO-Mitglied, dem man bis heute so einiges verzeiht. Sie war schon immer irgendwie anders und meiner persönlichen Erfahrungen nach im Militär recht unbeliebt. Es ist ein Zweckbündnis, keine Freundschaft.
Der russische Plan war eine Zangenbewegung über die norddeutsche Tiefebene. Also grob gesagt von der DDR aus nach Hamburg vorzustoßen und das heutige Tschechien nach Bayern.
Deshalb war es auch ein schlichtes Augenzuhalten Österreichs, nicht der NATO beizutreten. In der Hoffnung, der Sturm würde daran vorbeiziehen.

Die Zangenbewegung
Und wer sich nun auf einer Landkarte einmal anschaut, wo die meisten Kasernen der BRD lagen, wird verdutzt feststellen, dass sie genau auf dieser Zangenbewegung lagen. Viel in Bayern, viel Luftwaffe. Und viel im Norden. Wenig in Nordrhein-Westfalen, wenig im westlichen Niedersachsen.
Es gab auch in den 1970ern bereits die Bezeichnung des „Fulda Gap“, der „Fulda-Lücke“.
Hätte die Sowjetunion die leichten Höhen östlich von Fulda erreicht, hätte sie die Stadt in einer Zangenbewegung umschließen und darüber sehr schnell bis Frankfurt vorstoßen können.
Behalten wir das für einen Augenblick im Hinterkopf. Wir kommen darauf zurück.
Ich selber bin nach dem Kalten Krieg eingezogen worden zu einer KRK-Einheit der Kampfpanzer, zu den „Krisenreaktionskräften“. Östlich von Hamburg, keine 20km entfernt von der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Und so waren die Ausbilder auch noch drauf. Shoot first, hit hard.
Für mich war später klar, was kommen würde, als Russland Truppen in einem angeblichen „Manöver“ Ende 2021 nach Belarus und vor die Ukraine verlegte.
Und das war damals einer der Gründe, die zunächst provisorische Hauptstadt 1949 nach Bonn zu legen. Einem möglichst weit entfernten Punkt dieser Zangenbewegung im Westen.
Zur Wahl stand auch Frankfurt. Davon nahm man jedoch Abstand. Obwohl es in Deutschland eine Hauptstadttradition hat. Vermutlich auch, weil klar wurde, dass die Amerikaner sich dort niederlassen und damit ein primäres Ziel darstellen würden.
Die anti-russische DNA der Bundesrepublik
Anzumerken ist auch, dass viele hochrangige Organe der Bundesrepublik auseinandergezogen wurden.
Der Bundesnachrichtendienst saß in Pullach bei München, Bundesverfassungsgericht und Bundesgerichtshof in Karlsruhe, Verteidigungsministerium (zum Teil bis heute) in Bonn, das Kraftfahrt-Bundesamt in Flensburg, usw. Das nennt man „dislozieren“, man zieht mögliche Ziele auseinander, um einen Angriff zu erschweren, der alles mit einem Schlag ausschalten könnte.
Die Bundesrepublik war wie eine asymmetrische Abwehr gegen Russland gebaut.
Wer nun denkt, dass die 1949 doch die Pläne der Sowjets gar nicht kennen konnten: Doch, konnten sie. Denn durch die Kapitulation Deutschlands sind den westlichen Siegermächten Wissensschätze über die Russen in die Hände gefallen.
Der Bundesnachrichtendienst wurde ursprünglich nur „Organisation Gehlen“ genannt, nach seinem Leiter Reinhard Gehlen. Der war vorher als Generalmajor der Leiter der Dienstelle „Fremde Heere Ost“, einem Teil des Nachrichtendienstes der Wehrmacht. Die Organisation Gehlen arbeitete schon mit der CIA zusammen - ebenfalls gerade erst gegründeten -, bevor es überhaupt eine Bundesrepublik gab.
Viele der ehemaligen Nachrichtendienstler sind „übergelaufen“, viele waren nicht einmal Mitglied der NSDAP. Einige aber auch vom SD, dem Sicherheitsdienst der SS.

Ob einige das mögen, oder nicht: Die Bundesrepublik Deutschland hat die Ablehnung, eher die Feindschaft, zur Sowjetunion und Russlands tief in ihrer DNA verankert. Und die Spannung Russlands und Europas reicht mindestens bis zu Zar Peter dem Großen zurück. Das konnte auch der Anschluss der DDR nicht ändern.
Der spätere Umzug vieler Behörden nach Berlin fand genau während meiner Dienstzeit statt. Und viele im nachrichtendienstlichen Bereich haben die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Man wollte so dringend Frieden, dass man vergaß, warum die BRD so gebaut wurde. Nicht gegen den Kommunismus, sondern gegen Russland.
Putins Umbau
Und dann wurde Polen 1999 auch noch NATO-Mitglied. Ebenso wie Tschechien und Ungarn. Danach sollten viele osteuropäische Staaten folgen, vor allem die drei Baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen.
In dieser Zeit der kompletten Abkehr von Russland begann der Moskauer Aufstieg Putins nach seiner Zeit beim KGB und als mafiöser „Leiter des Komitees für Außenbeziehungen“ und Vizebürgermeister von St. Petersburg.

Jeder, der sich näher mit Putin beschäftigt, wird sagen, dass er diesen Zusammenbruch und diese Abkehr von Russland nie verwunden hat.
Ich möchte das in aller Deutlichkeit klarstellen: Russland wird bis heute von einem Geheimdienstler regiert.
Nicht so, als würde in Deutschland mal jemand gewählt, der auch mal irgendwas in einem Nachrichtendienst gemacht hat. Sondern ein lupenreiner, ausgebildeter Geheimdienstler. Der über überraschend wenige Zwischenstationen und mit mafiösen Verbindungen an die Macht kam und Russland umbaute.

Es geht nicht um Kommunismus. Es geht um die Weltsicht Russlands, in der das Volk die Handelsmasse eines Zaren ist. Die Staatsform ist unerheblich. Der Titel des Zaren auch.
Selbst der Titel „Zar“ ist abgeleitet. Übrigens über das Byzantinische und Altslawische vom Caesar (gesprochen „Kaisar“), nicht vom persischen Schah. Aber ich schweife ab.
Dazu habe ich häufig geschrieben, es würde hier den Rahmen sprengen. Aber ich erwähne es immer wieder, um zu verdeutlichen, dass ein nach europäischen Werten demokratisches Russland in den nächsten Jahrzehnten schlicht absurd ist. Nach Putin wird der nächste kommen, derzeit würde ich auf Medwedew wetten.

Die neue Realität
Dadurch waren aber alle Pläne der Sowjetunion obsolet. Denn es konnte ja nun nicht mehr mit den Panzern die norddeutsche Tiefebene einnehmen. Es musste zuerst einmal mindestens durch Polen durch.

Ich unterstelle, dass Putin bereits zur Jahrtausendwende angefangen hat, Russland darauf neu auszurichten. Während Europa sich friedensbesoffen freudestrahlend in die fossile Abhängigkeit begeben hat. Deutlich und für alle hörbar wurde das bei Putins Rede bei der Münchner Sicherheitskonferenz 2008. Da hat er den Sack zugemacht. Es wurde ignoriert, Öl und Gas waren so schön billig. Einer der Haupttreiber war BASF.

Und das macht vielleicht deutlich, wie sehr das Russland geschmerzt hat. Wie tief dieser Stachel im Fleisch sitzt.
Das hat nichts damit zu tun, dass Russland im Kalten Krieg am nächsten Tag Europa überfallen hätte. Es hätte es können, das reichte. Es hatte ein Bedrohungsszenario, eine Drohkulisse, eine Bedeutung.
Ohne das sackte Russland auf seine tatsächliche Bedeutung zusammen: Eine lokale Macht mit alten Atomraketen, wirtschaftlich abgehängt, auf der Schwelle zum Entwicklungsland, weniger Einwohner als Frankreich und Deutschland zusammen.
Das ist der Kern von allem, was wir seit spätestens 2014 sehen.
Die Propaganda, die versucht Europa und jeden zu diskreditieren, der sich für Europa stark macht.
Die angebliche Bedrohung durch die Ukraine und die Argumente, die NATO seit Russland auf die Pelle gerückt. (Einer Rakete ist es völlig gleichgültig, ob sie von Deutschland oder von der Ukraine aus abfeuert würde. Wie wir inzwischen durch die ballistischen Raketen auf Israel gelernt haben, sind die Unterschiede der Flugzeit wenige Minuten.)
Die Versuche, Einfluss auf die Politik europäischer Länder und vor allem von NATO-Ländern zu nehmen. (Ungarn, Serbien, etc.)
Einflussnahme im Kaukasus, vor allem Georgien, und Besetzungen in Moldawien.
Die Provokation eines Bürgerkriegs durch Nachrichtendienstler und rechtsradikale Separatisten im ukrainischen Donbass und auf der Krimm.
Der Überfall auf die Ukraine.
Die Sabotagen in Europa, die inzwischen ein Ausmaß angenommen haben, dass man als asymmetrische Kriegsführung bezeichnen muss.
Alles dient dazu, wieder den russischen Griff auf Europa stärken zu können.
Schon 2022 hatte ich geschrieben, dass Russland seinen Platz am Pokertisch der Weltmächte wiederhaben will. Und der Weg dazu führt über Europa. Denn in seiner Größe ist Russland eingeschlossen zwischen Europa, China und den menschenleeren mittelasiatischen Steppen und Gebirgen.
Willkommen im Gestern
Und natürlich erkennt Russland den größten Widersacher in den USA. Weil Russland sich nicht weiterentwickelt hat. Das sieht man auch an den Taktiken, die das Militär bis heute in der Ukraine einsetzt. Und auch in Syrien eingesetzt hat, ebenso wie in Afghanistan.
Europa wird als Kriegsschauplatz angesehen, aber nicht als strategischer Gegner. Das mag entscheidend sein, wenn man von einem dritten Weltkrieg fabuliert. Und so sieht Putin es und verlauft es auch so. Die Realität spielt sich aber zwischen Russland und Europa ab.

Ich kann mich sehr deutlich daran erinnern, welcher Shitstorm mir entgegenschlug, als ich am Anfang dieses Projektes U.M. OSINT erklärt habe, dass Butscha und Irpin keine „Massaker“ waren.
Sehr viele Menschen haben gar nicht verstanden, was ich damit ausdrücken wollte: Dass das die übliche russische Kriegsführung ist. (Und viele heute den Unterschied beispielsweise zu Israel nicht sehen.)
Nicht, weil ich das in den Hinterlassenschaften des Kalten Krieges so von der NATO gelernt habe. Sondern weil Russland so auch in Afghanistan, Tschetschenien und Syrien vorgegangen ist. Und weil es die Doktrin ist, abzulesen an der Ausbildung in der Struktur der Streitkräfte. Und bis heute an russischen Drohnen auf zivile Wohnhäuser.
Die grundsätzliche russische Vorstellung von Krieg ist bei den Endtagen des Zweiten Weltkriegs geblieben. Und weit davon entfernt, nur Streitkräfte auszuschalten.
Ja, Russland nutzt auch Drohnen und andere neue Möglichkeiten. Aber es verheizt Menschen in seinen „Sturmabteilungen“, es rekrutiert sogar Gefangene und Alkoholiker, es beschießt in einem unvergleichlichen Staatsterror zivile Infrastruktur, um den Verteidigungswillen zu brechen, hat kaum Unteroffiziere und bildet die Soldaten nicht richtig aus, es herrscht eine enorme Korruption innerhalb der Streitkräfte, es jagt Menschen ins Artilleriefeuer, nur um zu sehen, wo die Artillerie steht... Der russische Soldat ist Verbrauchsmaterial und war es immer. Bis auf die Eliten, selbstredend. Die es schon unter dem Zaren ebenso wie unter den Sowjets gab.
Es geht nicht um Empathie, Völkerrecht oder Menschenliebe. Es geht um Taktiken, die „im Westen“ seit dem Vietnamkrieg obsolet sind. Und der Erfolg der Ukraine besteht auch darin, diese westliche Kriegsführung adaptiert zu haben.
Masse statt Klasse gegen Klasse statt Masse. Menschen waren die größte Ressource des Warschauer Paktes. Russland stellt gerade fest, dass das für das heutige Russland nicht mehr gilt.
Und zu meiner Entschuldigung sei angemerkt, dass das sicher auch der Grund ist, warum ich selten zur Ukraine berichte. Es sind die immer gleichen Bilder, seit vier Jahren. Es ändert sich kaum etwas.
Es ist ein Stellungskrieg. Bis heute hat Russland nicht einmal die Gebiete eingenommen, die es im September 2022 annektiert hat. Schaue ich auf die aktuellen Karten, sind die Russen kaum weitergekommen, als Donezk und Bachmut. Namen, die schon 2022 auftauchten.
Tatsächlich hat Russland in der Ukraine seit 2022 mehr Gelände wieder verloren, als es gewonnen hat.
Deshalb habe ich das schon vor vier Jahren einen Stellvertreterkrieg genannt. Denn dafür müssen nicht zwei Stellvertreter Kämpfen. Die Ukraine ist Stellvertreter für Europa. Das reicht für die Bezeichnung. Auch Korea und Vietnam waren einseitige Stellvertreterkriege.
Das gibt vielleicht einen ersten Eindruck darüber, wovon wir sprechen. Das ist die absolute Grundlage, um überhaupt vernünftig erklären zu können.
Im nächsten Teil erkläre ich, was auf dieser Ebene überhaupt ablaufen würde, würde Russland Deutschland angreifen.
Wer es verstehen will, muss anfangen, strategisch zu denken.