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U.M.-Spionage-Kursus: Wie man Bilder lokalisiert

Um das gleich zu sagen: Dies wird ein Spaß-Artikel. Für Stammleserinnen und -leser. Weil ich weiß, dass die sowas spannend finden.
Und die Überschrift ist auch Clickbait: Niemand in meinem Bereich bezeichnet sich ernsthaft als Spion.

Am Freitag postete der Anwalt Wolf Reuter, der mir auch kurz persönlich bekannt ist, folgendes Bild mit der Überschrift: „Welcher Ort?“.

Natürlich wurde ich getriggert. Um ehrlich zu sein bin ich in meinem Freitagsgammel dafür sogar wieder an den Rechner gegangen. Schuldig.

Darunter antwortete ich:
»Aus der beliebten Reihe „Spiele, die keinen Spaß mehr machen, wenn man einen OSINT in der Liste hat“. ca. 32°00'08.41"N 34°52'18.87"E«

Erwähnen sollte man hier, dass das eine geografische Koordinate ist. Und auf zwei Stellen hinterm Komma, was eine Genauigkeit von 30cm bedeutet. Wie viele Flugkörper, wie die Tomahawk. (Zufall?)
Erwähnen sollte man aber auch, dass ich den Punkt nur „ca.“ gesetzt habe und die grafische Darstellung auch nicht diesem Punkt entspricht.

Tausende Kommentare kamen. „Wow, wie macht Ihr das nur?“, „Wenn ich groß bin, will ich sein wie du!“ und „Wer so etwas kann, hat auch schöne Haare und Geschlechtsorgane!“

Ja… ok… es waren nur 140 Likes. Und einige normale Nachfragen. Aber mit lustigen Memes. Wogegen ich ja nun wirklich machtlos bin. Wer kann etwas gegen lustige Memes machen? Oder Meerschweinchen?

Also gehen wir es zusammen durch.

Rechtsbündige Flughäfen mit Bewirtschaftungsgang

Das Bild zeigt nun sehr offensichtlich einen Flughafen. Irgendeinen Zubringer.
Da Wolf Reuter das in diesem Kontext gepostet hat, sehr sicher die Ankunft. Niemand fragt vor dem Abflug „Wo bin ich“. Weil er ja gleich ganz woanders ist.

Da die Menschen Koffer dabeihaben, müssen sie schon durch den Zoll und die Gepäckabfertigung sein. Andererseits haben aber wenige großes Gepäck dabei. Eher Rucksäcke und kleine Koffer. (Was typisch für das Land ist, aber ich will nicht vorgreifen.)

Das Folgende ist jetzt nicht die Reihenfolge, in der mein Hirn das gemacht hat. Aber gehen wir es einmal so herum durch. Dann ist es sicher nachvollziehbarer.
Wir suchen also die Ankunft an einem Ort eines zivilen Flughafens, wo derzeit derart die Sonne scheint.
Weite Teile der Südhalbkugel können wir also streichen.

Rechts haben wir einen Niedergang. Da oben stehen „Utility Vehicle“ (UTV), das ist also ein im Deutschen so bezeichneter „Bewirtschaftungsgang“ mit „Trollies“.
Die angekommenen Passagiere laufen aber auch „bergab“. Dieser Etagenwechsel dürfte zum ersten ziemlich selten weltweit sein. Zum zweiten sprechen wir hier also nicht von einem Flughafen in einem Dritte-Welt-Land oder einem kleinen Flughafen im Sauerland.

Am Ende des Ausgangs sind drei große Bilder zu sehen.
Das Bild ganz links erinnert schon sehr an das Bild einer alten Schriftrolle.
Mag sein, dass ich das so einordne, weil ich schon seit meiner Kindheit historisch interessiert bin. Aber es erinnert echt sehr an die Qumran-Schriftrollen bzw. die Schriftrollen, die im Schrein des Buches ausgestellt werden.

Auf der rechten Seite hängen Bilder in einer Galerie. Das vordere Bild zeigt eindeutig eine rechtsbündige Schrift. In dem Kontext bleiben da also eigentlich nur der arabische Raum oder Israel.
Gehen wir von Israel als Arbeitshypothese aus.

Und ein letztes sog. Bildzeichen ist bemerkenswert. Zumindest für mich, denn ich habe auf einigen Flugplätzen und zivilen Flughäfen gearbeitet: Die „Rennbahn“ vor der Scheibe.

Flughäfen mit Rennbahnen

In Israel gibt es nicht so furchtbar viele Flughäfen. Schauen wir uns also Ben Gurion in Tel Aviv einmal an.

Alle Flughäfen funktionieren irgendwie gleich. Auch wenn das nicht so aussieht, wenn man da durchläuft. Der Zu- und Abstrom von Menschen ist baulich reguliert. Das Geschäft ist so alt, dass es das tatsächlich schon beim Kolosseum im alten Rom gab. Funktioniert auch bei der Fußball-WM.

Der Flughafen Ben Gurion ist aber tatsächlich ziemlich besonders. Er hat eine sternförmige Anordnung der sog. Gates, der Zu- und Abbringer der Flugzeuge.
Zwar sind Gates häufig sternförmig angeordnet. So können mehr Flugzeuge gleichzeitig abgefertigt werden. Aber eben nicht so. Hier ist der ganze Bau darauf ausgelegt.

Und siehe da, wenn wir Ben Gurion einmal genauer anschauen, sehen wir ganz viele der Rennbahn-artigen Kurven, die für Flughäfen eher ungewöhnlich sind.

Weil die grundsätzliche Architektur durch den Ablauf an so gut wie allen Flughäfen auch klar ist, ergibt sich ein Bild:
Abreisende und Ankommende werden getrennt, bei den Ankommenden gibt es einen Zoll, die Gepäckabfertigung ist zumeist eher unter dem Bereich der Fluggäste, der Haupt-Terminal ist eher eine Shopping Mall.

Durch dieses Layout wird eigentlich ziemlich klar, wo Wolf Reuter war.
Hinterm Zoll, aber vor der Shopping Mall. Die beim Ben Gurion nur „Terminal 3“ heißt.

Danke für die Uhr!

Prüfen wir das.
Das ist eigentlich das, womit mein Hirn immer zuerst anfängt: Die Orientierung. Denn man kann ja vor den Pyramiden stehen und tausende Fotos machen, auf denen nicht eine Pyramide zu sehen ist. Man muss also die Richtung kennen.

Wolf Reuter hat netterweise gleich eine super Datum mitgeliefert. …was übrigens die Einzahl von Daten ist. Er hat eine Uhr fotografiert. Davon gibt es Flughäfen und Bahnhöfen viele.

Das Foto wurde aufgenommen um 16:34h Ortszeit. Was mit seinem Posting um 16.04h deutscher Zeit gut passt.
Israel ist eine Stunde voraus. Was bedeutet, dass Reuter das Bild gepostet hat, etwa eine halbe Stunde, nachdem er es gemacht hat. Vermutlich als er bereits im Auto saß.

„Im Osten geht die Sonne auf
Nach Süden nimmt sie ihren Lauf
Im Westen wird sie untergeh‘n
im Norden ist sie nie zu sehn.“

Zugegeben, hier wird es etwas kompliziert.
Denn nicht nur, dass er auf der Südhalbkugel genau umgekehrt ist. Sondern auch, dass der Sonnenstand umso weniger ausgeprägt ist, umso mehr man sich dem Äquator annähert.
Finnland hat monatelange Dunkelheit im Winter, im Kongo geht immer zur ziemlich gleichen Zeit die Sonne auf und unter.

Man kann es bei solchen so genannten „technischen Aufnahmen“ – im Gegensatz zu militärischen und anderen Luftbildern – eh immer nur schätzen. Oder man hat ein Equipment für ein paar Millionen, das einem in dem Punkt dann auch nicht so wirklich viel bringt.

Aber wir können auf dem Bild sehen, dass die Sonne recht steil auf Süd oder Süd-Süd-West steht. Was anhand der Uhrzeit dann wiederum sagt, dass Wolf Reuter nach Süden fotografiert hat.

Und hätte Reuter sich umgedreht, hätte man gesehen, dass eine Zubringer-Straße darunter durchläuft.

Der auf- und absteigende Zubringer am Ben Gurion Flughafen im Luftbild: Von außen zu erkennen.

Selber Angeber!

Ziemlich offensichtlich.
…ja, ok, wenn man ein trainiertes Auge hat.

Den Vorwurf der Angeberei lasse ich aber nicht auf mir sitzen.
Kennt ihr diese Nerds, denen man eine Frage zu Computern stellt, und die eine halbe Stunde referieren? Oder Auto-Freaks?
Glaubt Ihr, die meinen das böse? Oder die sind einfach so begeistert in ihrem Ding, dass sie sich schlagartig in Kindsköpfe verwandeln, die nur noch mit einem hingehaltenen Hundewelpen oder Döner aus der Euphorie gerissen werden können?
Das sind bei mir halt diese Detektivspiele.

Tel Aviv, Flughafen Ben Gurion, 16:34h, gerade angekommen, Zubringer zum Ausgang, etwa in der Mitte. Fisch geputzt.

Was mich an dem Bild eigentlich interessiert: Ist das an der Wand die Jesaja-Rolle aus Qumran? Das konnte ich selbst mit KI nicht feststellen.

Spionage und Schweinefarmen

Für diejenigen, die hier rein gestolpert sind und mich nicht kennen, stelle ich mich gerne nochmal kurz vor.

Mein Name ist Joey Hoffmann.
Ich wurde Anfang der 1990er als Wehrpflichtiger eingezogen und habe eine Ausbildung als Richtschütze auf dem Leopard II absolviert. Anschließend habe ich mich zur Luftbildauswertung beworben; bei einer nachrichtendienstlichen Spezialeinheit der Marineflieger. Verbunden mit einer zivilen Ausbildung.

Ich habe das Auswahlverfahren und die Lehrgänge bestanden, wurde vom MAD überprüft und zugelassen, Sprachenschule, Fachausbildung an der Offiziersschule der Luftwaffe… Eine der wenigen Werdegänge für Unteroffiziere, die auf dem Niveau ausgebildet wurden. Aber das ist nicht der Punkt.

Ohne ins Plaudern zu kommen erkläre ich es mit meiner liebsten Heldengeschichten. Wo wir gerade so nett zusammensitzen.

Der damalige Chef des Nachrichten-Bereichs der Marineflieger (Admiral A2) gab meiner Einheit immer einen Jahreskatalog von Zielen, die sie zur Übung aufklären sollten.

Noch als Obergefreiter betrat ich den Bunker und fand drei Auswerter und unseren Oberleutnant an einer Luftbildauswerteanlage, die diskutierten und über eins dieser Ziele stritten.
Eindeutig zu sehen ein landwirtschaftlicher Betrieb. Aber es waren große, runde Objekte zu erkennen. Aufgrund der Koordinaten irgendwo im Nordosten Deutschlands.

Mein Gruppenführer an einer Luftbildauswerteanlage in unserem Bunker. An den Wänden Bilder von russischen Schiffen. Pressefoto, das nach meiner Dienstzeit entstand und das ich nur zufällig gefunden habe.

Meine damalige Tätigkeit beschreibe ich gerne so: Wenn James Bond und Q in einem Bunker, voll mit leuchtenden Karten an den Wänden und Computern, diskutieren, und im Hintergrund läuft einer mit einem Klemmbrett und einem Kaffee durchs Bild und schreibt etwas kryptisches an eine Tafel und latscht fluchend-brummelnd wieder aus dem Bild: Das war ich. Montagmorgen.

Ich sah das Bild also auf dem Monitor der Auswerteanlage und sagte beiläufig „Schweinezucht“.
Stille, die Auswerter guckten sich erst gegenseitig an und dann mich. Comic-mäßig, Grillenzirpen im Hintergrund.

Viehzucht sieht aus der Luft immer ziemlich ähnlich aus. Aber die Fäkalien von Schweinen sind so aggressiv, dass sie nicht so einfach abgeleitet werden dürfen. Große runde Objekte bei einem landwirtschaftlichen Betrieb deuteten also auf eine Kläranlage an einem Schweine-Mastbetrieb hin.

Ich schlug vor, unter den Koordinaten doch einfach mal zu schauen, ob es da eine Schweinezucht gäbe. Einige Tage später erhielt ich ein Lob vom Chef. Der A2 war erfreut, meine Vermutung war richtig.

Exemplarisch: Schweinezucht im östlichen Norddeutschland.

Und bevor mich nun jemand fragen will: Was weiß denn ich, woher ich Stadtkind das wusste?

Deshalb arbeitet man in Teams. Und weit über 90% der nachrichtendienstlichen Informationsbeschaffung passieren aus offenen Quellen. (OSINT = Open Source Intelligence)
Natürlich bekommt man ein Handwerkszeug. Da muss man schon arbeiten. Und die Marine will immer die Besten, weltweit, ohne Strunzerei. Aber in dem Job muss man vor allem auch eine gute Allgemeinbildung haben, sich den Hut nicht mit dem Hammer aufziehen, flexibel sein und kindlichen Spaß an Detektivspielen haben.

Ich erkläre das gerne immer wieder. Nicht nur, weil viele solche Wimmelbilder ja spannend finden. Sondern um zu zeigen, dass es eben keine super-krasse „Spionage“ ist, wie viele sich das so vorstellen. Oder mit unterstellen, ich würde das behaupten.

Aber dafür habe ich einen großen Vorteil.
James Bond hat absolut keine Ahnung von Schweinezucht!

https://steady.page/de/u-m/posts/e8fba8e0-2f3b-4eef-bfb8-5c849bc45f8a (Abre numa nova janela)
Tópico Meta

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