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Venezuela, Iran, Sudan, Kongo, Taiwan, Grönland…
2026 – Das Jahr der Kognitiven Dissonanz
Liebe Rechte,
Ihr habt ein Problem.
Wenn Ihr Trumps soziopathischen Alleingang in Venezuela zu laut beklatscht, wir Euer Applaus auch in Russland, dem Iran und China gehört werden.
Was nun, wenn China auf die Idee kommt, Taiwan anzugreifen? Oder Russland nach Litauen spaziert? Oder die USA Grönland besetzen, das zu Dänemark gehört, zum europäischen Verteidigungsbündnis und zu Freunden, die uns näher sind, als die USA. Auch Applaus?
Denn wenn nicht, wäre das ein sehr deutliches Zeichen dafür, dass Ihr ein wenig mit der Idee hadert, das für alle Menschen und Staaten die gleichen Regeln gelten.
Ihr solltet Euch auf Fragen vorbereiten. Denn irgendwie bin ich mir ziemlich sicher, dass irgendetwas davon in diesem Jahr noch kommen wird. Nicht, dass nachher noch jemand überrascht ist.
Liebe Linke,
Ihr habt ein noch größeres Problem.
„Völker, hört die Signale! Auf zum letzten Gefecht!
Die Internationale erkämpft das Menschenrecht.“
Was Ihr durchgehend ignoriert ist, dass das Menschenrecht vor allem in den Ländern umgesetzt wird, die Ihr nicht mögt. Die Eurer Meinung nach gegen das Völkerrecht verstoßen.
Ein Bürger in den USA genießt mehr Menschenrechte, als ein Bürger in Venezuela. Ein Bürger in Israel mehr, als einer in Palästina. Ein Bürger in der Ukraine mehr, als in Russland.
Ein Hund in Deutschland genießt mehr Schutz, als eine Frau im Iran.
Ihr habt in einem geschichtsrevisionistischen Fiebertraum aus dem vorletzten Jahrhundert gelebt. Als die Linken tatsächlich noch für Menschenrechte gekämpft haben. (Und übrigens keineswegs pazifistisch unterwegs waren.)
Die Menschenrechte, die wir heute in unserer Wertegemeinschaft haben und die es Euch überhaupt ermöglichen, auf Social Media auf die Regierung zu schimpfen, waren nicht das Ergebnis einer Revolution. Die als Bewegung sicher wichtig war, die aber eine weit längere Vorgeschichte hat. Es ist das Ergebnis von demokratischem Ringen miteinander. In dem inzwischen auch die Rechten Ideen wie Menschenrechten und Gleichheit vor dem Gesetz nicht mehr so ablehnend gegenüberstehen, wie zur Zeit der Haymarket Riots und den Toten nach Straßenschlachten in Wuppertal. Oder als das zitierte Lied geschrieben wurde.
Damit Euer Narrativ aber irgendwie noch Sinn ergibt, verschließt Ihr die Augen.
Ihr verschließt sie vor den zu Tode Gefolterten in Syrien, vor unterdrückten iranischen Frauen, vor durch die Hamas hingerichteten auf den Straßen und Jahrzehnten palästinensischem Terror, vor den nun jubelnden Venezolanern.
Deshalb schweigt Ihr auch, wenn sie sich gegenseitig bekämpfen und dabei Millionen von Menschen massakrieren und vertreiben. Kulturelle Eigenheiten halt.
Eure Empörung scheint weniger darauf zu beruhen, dass Eure träumerische Idee von Völkerrecht durchbrochen wurde. Sondern dass andere nun den Job erledigen, den eigentlich Ihr Euch auf die Fahnen geschrieben hattet.
Hauptsache gegen „den Westen“, denn irgendwie ist bei Euch eine Himmelsrichtung zum Erbe des Adels geworden und Demokratie Kolonialismus.
Euer selektives Augenverschließen wird immer offensichtlicher. Mit jedem Posting und jedem Video. Die Rechten sind wenigstens ehrlich.
Thomas Hobbes schrieb schon 1651 in seinem Leviathan
„Verträge ohne das Schwert sind nur Worte.“
Paraphrasiert: „Ein Gesetz ohne Gewalt ist bloß ein Ratschlag.“
Wann immer ich auch nur erwähne, dass das Völkerrecht ein zahnloser Tiger ist, werde ich scharf angegangen. Selbst wenn ich betone, dass ich die Idee ja grundsätzlich gut finde. Dass die Umsetzung aber scheiße ist.
Denn es gibt absolut keine Möglichkeit, es durchzusetzen.
Und das bedeutet, dass nach wie vor das Recht des Stärkeren gilt. Da draußen, in der echten Welt, nicht in unserem friedensverwahrlosten Elfenbeinturm. Der so progressiv ist, dass einige sich neue Geschlechter und Minderheiten einfallen lassen müssen, um noch für irgendetwas kämpfen zu können.
Und das bedeutet, wir haben uns selbst seit Jahrzehnten ein Weltbild anerzogen, das nichts mit der Realität zu tun hat.
Unsere Werte der Menschenrechte, der Gleichheit vor dem Gesetz, der Presse- und Religionsfreiheit, haben immer nur für uns gegolten. Wir haben sie nur auf andere übertragen, die sie gar nicht haben wollten. Die auf diese Rechte scheißen, sie aber weidlich dafür genutzt haben, sie für sich einzufordern, damit wir ihre Scheiße durchgehen lassen.
Über die Hälfte der Mitglieder der UN sind keine Demokratien. Mehr noch, 1991 haben sich muslimische Länder zusammengetan, in Kairo der Menschenrechts-Charta widersprochen und einfach eigene Regeln aufgestellt. Und sie sind bis heute noch Teil der UN. Weil dummerweise bei genau denen das schöne Öl verbuddelt wurde.
Sie zeigen uns den Mittelfinger und wir laden sie zu Kaffee und Kuchen. Und lassen sie auf unseren Straßen demonstrieren. Nach Regeln, die in den Ländern nicht gelten, für die sie demonstrieren.
Was Trump und Netanjahu gerade tun, ist uns lediglich aus diesem Zuckerwattewolkentraum zu reißen. Und das ist es, was so viele Menschen umtreibt. Weil unberechtigt selbstverständlich erachtete Grundfesten hinterfragt werden.
Und plötzlich sind alle aufgeregt und rennen durcheinander und schreiben und klicken irgendwo drauf. Bekommen es aber nicht auf die Kette, sich zum Wehrdienst zu melden oder sich mit einem vegetarischen Tag in der Kantine abzufinden.
2026 wird das Jahr der Kognitiven Dissonanzen.
Wir wären gut beraten, jetzt – wo es eigentlich eh schon durch ist – mal darüber nachzudenken, ob wir unsere Werte tatsächlich auf jene projizieren sollten, die sie gar nicht wollen. Denn diese Idee ist ja nun so langsam echt gescheitert.
Und das hat gar nichts mit Links und Rechts in dem Sinne zu tun, in dem es heute ständig – ebenso realitätsfern - diskutiert wird. Sondern im Sinne dessen, was nach dem zweiten Weltkrieg eigentlich erreicht werden sollte.
Mir persönlich ist es völlig egal, wenn ein Sinwar sich eine Panzergranate durch den Kopf gehen lässt, ein Haniyya auf fremdem Staatsgebiet fragmentiert wird, ob die Ukraine die Autos von russischen Generälen in Moskau modifiziert oder ob Maduro den Rest seines durchgeknallten Lebens in Guantánamo sitzt.
Ja, es war völkerrechtswidrig. Aber das was Maduro vorher getan hat, war weit verwerflicher. Und diese Werte stehen in meiner persönlichen Beurteilung nun einmal über dem Völkerrecht.
Ouh man, die Weltbilder einiger werden nach dem kommenden Jahr aussehen wie Chan Yunis.
https://steady.page/de/u-m/posts/630fb935-3a8a-4416-a6dc-4fda832b224f (Abre numa nova janela)