Der Übermedien-Newsletter von Lisa Kräher

Liebe Übonnentin, lieber Übonnent,
vor Kurzem bin ich auf den US-amerikanischen Sänger und Musiker Anthony Vincent (Abre numa nova janela) gestoßen. Wie er bekannte Songs im Stil anderer Sänger oder Bands nachsingt, ist große Kunst. Er performt – auf Wunsch seiner Community – zum Beispiel Elvis Presleys Ballade „Can’t Help Falling in Love“ (Abre numa nova janela), aber so, als hätte Freddie Mercury sie mit charakteristischen Queen-Background-Vocals eingesungen. Oder den Alternative-Metal-Banger „Killing in the Name“ (Abre numa nova janela) von Rage Against the Machine, aber im Stil von David Bowie. Oder – Gänsehaut – Seals „Kiss from a Rose“ (Abre numa nova janela) im Stil von Metallica. Vincents Stimmrepertoire und seine Cover-Versionen sind außergewöhnlich.
Warum ich Ihnen das erzähle? Weil ich bei der neuen Sendung „Klar“ (Abre numa nova janela), die diese Woche Premiere hatte, unweigerlich auch an so eine Art Cover dachte. Es ist, als hätten NDR und BR die folgende Idee umgesetzt: „Bild“-Journalismus, aber im Stil eines öffentlich-rechtlichen Magazins. Emotionalisierung, Framing, Einseitigkeit, das Schüren von Ressentiments gegen Migranten – alles, was wir von „Bild“ (und auch Plattformen wie „Nius“) kennen, nur eben als Fernsehsendung mit NDR-Logo.
„Klar“ greife „große Streitfragen auf, die in der Mitte der Gesellschaft kontrovers diskutiert werden“, hieß es in einer Pressemitteilung (Abre numa nova janela) vorab. Thema der ersten Ausgabe war – wer hätte das geahnt – Migration.
Auf X kündigte Moderatorin Julia Ruhs ihre neue Sendung so an:

Fast wortgleich klingt auch das, was sie zu Beginn der Sendung sagt: „Was jetzt kommt, wird vielleicht nicht jedem gefallen.“ Oder: „Wir von ‚Klar‘ sagen, was falsch läuft.“ Sie suggeriert damit, dass die Sendung die Themen anspricht, die andere (öffentlich-rechtliche Formate) nicht ansprechen. Dass hier Stimmen zu Wort kommen, die anderswo nicht zu hören sind. Aber ist das so? Naja, nicht wirklich.
Wer sich zuletzt nicht in einer Waldhütte ohne Fernsehen und Internet aufgehalten hat, dem dürften die Themen und Begriffe, die „Klar“ aufgreift, einigermaßen bekannt vorkommen. Es geht um Messerattacken, den angeblichen „Kontrollverlust“ bei der Migration, Abschiebungen, naive Grüne und faule Migranten, die Bürgergeld kassieren. Es geht um uns Deutsche und die Migranten, die anderen Kulturen, die Gewalt, Frauenhass und Antisemitismus zu uns in die sonst so schön friedliche Bundesrepublik bringen. „Taz“-Autorin Gilda Sahebi kommentierte (Abre numa nova janela): „Im Prinzip ist die Sendung also nicht mehr als eine konzentrierte Aneinanderreihung von Spaltungserzählungen – die ‚bösen‘ Migranten gegen die ‚guten‘ Deutschen.“
Vieles, worum sich gefühlt fast der gesamte Wahlkampf, die Berichterstattung der vergangenen Monate sowie sämtliche Talkshows gedreht haben – auch die der Öffentlich-Rechtlichen –, wird hier in einen Topf geworfen, vermischt und ohne weitere Einordnung oder Gegenpositionen 45 Minuten lang vor dem Zuschauer wieder ausgeschüttet. Auch Gilda Sahebi weist darauf hin, dass es das alles schon gab:
„Im Jahr 1966 titelte eine Kölner Boulevardzeitung nach einer Serie von Gewalttaten, dass die ‚Gastarbeiter‘ Köln in ein ‚Chicago am Rhein‘ verwandeln würden. Die Bild-Zeitung schrieb 1967 über eingewanderte Menschen: ‚Sie halten Frauen wie Kamele.‘ Die Idee, ‚Klartext‘ zu sprechen, hatten allem Anschein nach auch schon andere. Besonders neu ist das, was ‚Klar‘ da erzählt, also nicht. Auch öffentlich-rechtliche Formate wiederholen diese Erzählungen seit Jahrzehnten rauf und runter. Allerdings in der Regel ohne das ‚Wir sagen das, was andere sich nicht trauen‘-Prädikat.“
Und Samira El Ouassil warnte (Abre numa nova janela) im „Spiegel“ in einer Rezension des neuen Formats:
„Wenn ständig wiederholt wird, über Migration dürfe man ja nicht reden, bleibt vor allem hängen, dass man nicht darüber reden darf.“
Das beste Beispiel dafür, dass das, was „Klar“ in seiner Pilotfolge zum Thema macht, auch vorher schon erzählt wurde, ist: „Klar“. Die Sendung begleitet einen Vater, dessen Tochter zusammen mit ihrem Freund vor zwei Jahren von einem Asylbewerber ermordet wurde und der nun für eine Reform des Asylrechts kämpft. Die Reporter gehen mit ihm in die Sendung von Markus Lanz, wo er als Talkgast geladen ist, und sie verwenden Ausschnitte seines Besuchs bei „RTL Direkt“. Sie zeigen also, wie präsent dieser Mann mit seinen Forderungen in den Medien ist, auch in Formaten, die viel mehr Reichweite haben dürften als die neue Sendung „Klar“.
Und keine Frage, dieser Vater hat Schlimmstes erlebt und es ist legitim, dass seine Position gehört wird. Seine Geschichte, die sich durch die ganze Sendung zieht, geht nah. Doch sie erweckt auch den Eindruck, solche Gewalttaten bzw. deren Verhinderung stünden in unmittelbarem Zusammenhang mit mehr Abschiebungen, Grenzschließungen oder einer Abschaffung des Asylrechts. Zumindest das sollten Journalisten hinterfragen.
Es ist ja grundsätzlich gut, wenn sich die ARD Gedanken über Meinungsvielfalt im Programm macht. Aber halt nicht so. „Klar“ wirkt wie ein plumper Versuch, dem Vorwurf, man sei zu links-grün, irgendetwas entgegenzusetzen. Ein rechtskonservatives Format für alle, die man von Telegram-Kanälen und alternativen Medienplattformen abholen und deren Vertrauen man zurückgewinnen will.
Dass Julia Ruhs (Jahrgang 1994) als Moderatorin ausgewählt wurde, ist keine Überraschung. Sie kokettiert immer wieder damit, dass sie eine der wenigen Konservativen unter jungen Journalisten ist – vor allem unter den jungen öffentlich-rechtlichen Journalisten. In ihrer „Focus Online“-Kolumne (Abre numa nova janela) grenzt sie sich von „Klimaaktivisten, Gender-Bewegten und Zeitgeist-Anhängern“ ihrer Generation ab und erklärt unter anderem, dass sie niemanden kenne, „der Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, Herkunft oder ethnischer Gruppenzugehörigkeit für minderwertig hält“ – und das, obwohl sie privat „weit weg von linken Blasen“ lebe. Ihr Buch „Die links-grüne Meinungsmacht: Und wie sie unser Land spaltet“ ist für August angekündigt.
In einer ZDF-Debattensendung (Abre numa nova janela) mit dem Titel „Was darf man noch sagen?“ – auf so einen Titel war vorher wirklich noch keiner gekommen (Abre numa nova janela) – war Ruhs kürzlich zu Gast und sagte, auch in Bezug auf alternative Medien:
„Dadurch, dass wir als Journalisten nicht mehr die Gatekeeper sind, müssen wir aufpassen, dass wir Diskussionen, die man führen muss in der Gesellschaft, nicht außen vor lassen und anderen Plattformen überlassen. Und wenn wir es nicht hinkriegen, auch als öffentlich-rechtlicher Rundfunk, dass wir die Leute wieder einsammeln mit Journalismus, der für alle ist, dann sind wir in meinen Augen mit schuld an der Spaltung der Gesellschaft.“
Ich kann diesen Gedanken verstehen – also dass Journalisten die Konkurrenz auf anderen Plattformen zu schaffen macht und es immens wichtig ist, den Draht zum Publikum nicht zu verlieren. Aber gerade öffentlich-rechtliche Sender sollten auf plumpe und populistische Inhalte anderer Plattformen nicht mit fast denselben plumpen und populistischen Inhalten antworten.
Die redaktionelle Leitung des Formats „Klar“ hat der NDR-Journalist Thomas Berbner übernommen – auch er eine wenig überraschende Wahl. Er hatte nach dem Ampel-Aus im Dezember in einem „Tagesthemen“-Kommentar in „bestem Stammtisch-Jargon“ (FAZ) (Abre numa nova janela) gegen Habeck und die „grüne Ideologie“ gepoltert. FAZ-Redakteur Harald Staun schrieb damals:
„Um das beitragszahlende Publikum zu Reaktionen zu bewegen, reicht es schon, das undifferenzierte Bashing abzuliefern, das es überall anders umsonst gibt. Aber warum ihm dafür auch jene applaudieren, die sonst notorisch durchdrehen, wenn irgendwo ein Journalist seine eigene Meinung äußert, ist etwas rätselhaft.“
Diese Sätze passen auch bei „Klar“. Auf der Plattform X und in den YouTube-Kommentaren bejubeln viele Nutzer das neue Format. Eine Nutzerin schreibt: „Endlich mal ein Format, das sich wagt, unbequeme Wahrheiten an- bzw. auszusprechen.“ Bislang sind zwei weitere Sendungen geplant. Im Mai soll es laut Pressemitteilung um Bauern gehen, im Juni um Wirtschaft.
Beim NDR herrscht intern offenbar viel Unmut über die neue Sendung. Einige Mitarbeiter äußerten ihre Kritik auch öffentlich. Der Journalist und Moderator Daniel Bröckerhoff distanzierte (Abre numa nova janela) sich „als freier Mitarbeiter des NDR von dieser Produktion“ und warf den Machern vor, „rechtspopulistische Takes“ zu normalisieren. Frederik Merten, der als freier Cutter beim NDR arbeitet und anfangs am Schnitt der Sendung beteiligt war, schrieb bei Threads (Abre numa nova janela), es sei mit „Abstand die schlimmste Produktion“ gewesen, an der er jemals mitgearbeitet habe. Er empfinde es „als Schande, im Abspann genannt zu werden und bedaure, nicht früher ausgestiegen zu sein“.
In diesem Sinne hat Julia Ruhs Recht: „Klar“ gefällt nicht jedem. Das liegt aber vielleicht auch einfach an der mangelnden journalistischen Qualität.
Diese Woche bei Übermedien

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Warum berichtet die „Zeit“ so ausführlich über einen Sorgerechtsstreit? (Abre numa nova janela) | Der Sorgerechtsstreit zwischen der Hamburger Unternehmerin Christina Block und ihrem Ex-Mann gipfelte 2024 in der Entführungs der beiden jüngsten Kinder. Die „Zeit“ hat den Fall auf Basis von 30.000 Seiten Ermittlungsakten rekonstruiert. Wie recherchiert man so eine Geschichte? Und was gehört an die Öffentlichkeit? Ein Anruf bei Reporterin Anne Kunze. (Podcast)
Nächste Woche ist Ostern. Und falls Sie in den kommenden Tagen einkaufen gehen, um das Osternest zu befüllen, hier noch eine Info: Sollte der Schokohase im Supermarkt Ihres Vertrauens möglicherweise „Sitzhase“ oder „Traditionshase“ heißen und nicht „Osterhase“, hat das nichts mit der „schleichenden Islamisierung Deutschlands“ zu tun, wie ein AfD-Politiker kürzlich behauptete.
Man darf also noch „Ostern“ sagen und es gibt keinen Grund „auszurasten“, auch wenn einige klickgeile Medien in jüngster Zeit in ihren Headlines den Eindruck erweckt haben. Boris Rosenkranz erklärt hier (Abre numa nova janela), nochmal, die Hintergründe. 2018 hat Mats Schönauer es schonmal erklärt (Abre numa nova janela).
Genau genommen gibt es den Begriff „Sitzhasen“ schon sehr, sehr lange, wie ein Blick in die Archive verrät. Am 28. März 1968 erschien, zum Beispiel, in der „Nordwest-Zeitung“ in Niedersachsen diese Anzeige:
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Und bereits 30 Jahre vorher, am 7. April 1938, wurden der Kundschaft in Ahaus im Münsterland folgende feine Osterköstlichkeiten in der Kreiszeitung der „Zeitungsgesellschaft Nordwestdeutschland“ angepriesen:
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(Ist das Wort Persipaneier nicht schön?)
Ein Nutzer hat uns bei Bluesky auf eine noch ältere Quelle aufmerksam gemacht. In einem Wörterbuch von 1828 (Abre numa nova janela) taucht bereits das Wort „Sitzhase“ auf. Es ist die Bezeichnung für einen weiblichen Hasen, analog zum Rammler als Bezeichnung für einen männlichen Hasen.

Was man dank so eines vorösterlichen Kulturkampfes um den Schokohasen alles lernt!
Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende!
Ihre Lisa Kräher