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Folge 124

Vorweg

Heute hat hier zum ersten Mal ein Kreuzfahrtschiff angelegt, nicht direkt hier, das geht glücklicherweise nicht, aber nah genug, damit die Passagier*innen mit einem Boots-Shuttle auf die Insel kommen können. Mein Mann hat im Internet recherchiert, was die Menschen, die hier gerade herumspazieren für die Reise bezahlen. Sie legen bis zu 30.000 Euro pro Person für eine Kreuzfahrt hin, deren Dauer nicht mal in Wochen, sondern in Tagen angegeben wird. Ausflüge gehen extra.

Mein Mann war bleich im Gesicht, als er sich dieses Wissen besorgt hatte, so wie man eben aussieht, wenn man im nicht übertragenen Sinne einen Schock hat.

Wir gehen spazieren und versuchen, Leute »vom Schiff« zu spotten. Die Menschen sehen für mich ganz normal aus, vermutlich weil sie sich selbst, ihren Lebensstil ganz normal finden und nicht bemerken, wie gemeingefährlich homogen ihre Reisegruppe ist. Wie weiß. Europäer*innen halt, ja klar, Kreuzfahrtschiffeuropäer*innen. U-Bahn-Europäer*innen eher nicht. Und schon gar nicht Boat-People-Europäer*innen. Schiffe, Boote, dazwischen Welten.

Nicht identifizierbares schwimmendes Objekt
Schattenflotte, aber als Bewusstseinszustand

Etwas Altes: Aus den Augen, aus dem Sinn

Neulich saß ich hier auf der Insel im Nebensaison-Minibus hinter einer Person, die offensichtlich zum ersten Mal diese Strecke fuhr. Immer wieder wandte sie sich begeistert an ihre Begleitung, um irgendetwas Schönes zu kommentieren. Zweimal verpasste sie genau durch diesen Begeisterungsmoment Anblicke, die ich im Vergleich als noch viel begeisterungswürdiger einschätzen würde.

So konkret hatte ich vorher noch nie beobachtet, wie sich Wirklichkeitskonstruktion durch Wahrnehmung und Nichtwahrnehmung vollzieht. Für die Person im Bus gibt es den schönen alten Friedhof und die sich überraschend ins Bild schiebende Aussicht aufs offene Meer nicht, für mich schon. Wer weiß, was für mich alles nicht existiert, weil ich es nicht wahrgenommen habe, obwohl es möglich gewesen wäre. Andere wissen es, und ich weiß nicht, dass sie es wissen.

Im Anschluss an diese Gedanken habe ich mich gefragt, ob mein Intellekt von Inselverzwergung betroffen ist und ich immer einfacher gestrickt denke. Falls es so ist, habe ich kein Problem damit.

Etwas Neues: Verpferdungspop

Nicht erst das temporäre Inselleben, sondern auch die letzten zehn Jahre im Internet haben mich gelehrt, dass Menschen wirklich sehr unterschiedliche Wirklichkeiten bewohnen, deshalb wird das Phänomen, welches ich jetzt schildere, einigen ganz selbstverständlich vertraut sein, während andere noch absolut nichts davon mitbekommen haben: Ich spreche vom Boom der popkulturellen Pferdemetapher, insbesondere im technoiden und hyperpoppigen Deutschrap.

Die Metapher ist schnell entschlüsselt, im Grunde wird sie auch bei jeder einzelnen Verwendung gleich miterklärt: Es geht um den Konsum von Ketamin, jener 1962 erstmals synthetisierten Droge, die lange Zeit vor allem Pferden verabreicht wurde. Aber auch Menschen nehmen die Pferdedroge, legal medizinisch verordnet gegen Depressionen oder illegal, »zum Spaß«, was ja oft nichts anderes als eine Selbstmedikation gegen Depressionen ist.

Nach allem, was ich so mitbekomme, wird Ketamin in Deutschland in epidemischem Ausmaß geballert. SOGAR DER SPIEGEL HAT SCHON DARÜBER BERICHTET. Ich wüsste und wusste das auch ohne den SPIEGEL, in Berlin zu leben, genügt.

Berlin ist wirklich tiefenverdrogt, und ich kann es beweisen: Ich habe schon zweimal (!!) in meinem Bücherregal (!!!) Ketamin gefunden, nicht etwa nach monatelanger Abwesenheit oder versteckt hinter Büchern, sondern einfach so daliegend in winzigen Reaktionsgefäßen, einfach von random Personen dort liegengelassen, die vermutlich noch zu akut mit Verzerrung des Raum- und Zeitempfindens beschäftigt waren, als dass sie auf minimale Etikette hätten achten können. Früher hätte man bei so einem Fund einfach frontal seine Kinder beschuldigt, aber im Fall dieser Droge kann es wirklich buchstäblich jede*r gewesen sein, der in den letzten Wochen unerkannt dissoziativ durchs Haus geweht ist. Das Regal befindet sich im Wohnzimmer und allzu oft sehe ich da auch nicht richtig hin. (Vielleicht ist der Kater gar nicht dement, sondern hat Hirnschäden von langjährigem Ketaminkonsum …)

Soll ich eine Rundmail schreiben: Liebe Verwandte, Freund*innen, Bekannte, bitte achtet darauf, nach Möglichkeit kein Ketamin mehr in meinem Bücherregal liegenzulassen, zum Beispiel, indem ihr keines mehr nehmt und dadurch verlässlich wisst, wo ihr gerade seid: VOR DEM BÜCHERREGAL EINER DROGENKRITISCHEN PERSON. Danke.

Ich selbst habe also noch nie Ketamin genommen, aber schon zweimal Ketamin im Bücherregal gefunden. So viel zur surrealen Realität von 2025.

Gern würde ich jetzt sagen, dass all das der Situation 1999 in Berlin vergleichbar ist, als man in Clubtoiletten teilweise nicht mehr pinkeln konnte, weil jede einzelne Kabine von Koksenden blockiert war, aber das Koksnehmen bzw. der Mischkonsum (vornehm für: schluck alles, was du kriegen kannst, wir müssen alle irgendwann sterben) ist ja seitdem nicht zurückgegangen. Es ist wohl eher so, dass Ketamin für junge, drogenerlebnisorientierte Menschen aktuell das beste Pferd im Stall ist, weil so schön drastisch in der Wirkung und dabei günstig im Preis. DER MARKT REGELT DAS!

Kein Wunder also, dass Ketamin bzw. Pferde, Sprachspiele rund um Pferde oder auch Pferdegeräusche, wie Wiehern und Galoppieren, gerade in mehr und mehr Songs vorkommen. Pferd im Pop heißt aber nicht nur Ketamin, oft kommt als Nebenbedeutung sexuelles Reiten oder Sichreitenlassen hinzu. Das trifft sich metaphorisch gut, denn Ketamin gilt als libidosteigernd.

These, nein, ich habe einfach recht: »Verpferdung« ist die Kafka(mit Deleuze)sche Vertierung der zeitgenössischen Clubkultur.

Ich zitiere jetzt ein paar Beispiele für Verpferdungs-Lyrics: von eher andeutend bis raumgreifend. Ob mir die jeweiligen Songs im Ganzen oder im Detail textlich oder musikalisch gut gefallen, verrate ich nicht, das gehört nicht hierhin.

Pionier*innen und Immerweiterentwickler*innen der Ketamin-Lyrik mit zunehmendem Pferdeanteil (und trotz krassem, nicht gerade wokem Image übrigens auch beim Einsetzen von Awareness Teams) sind Tiefbasskommando, zu denen auch Shoki gehört. Erfolgreichste Verpferderungsrapperin ist zum jetzigen Zeitpunkt Ikkimel.

Nachfolgend ein paar Lines, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Mir bleibt nicht sehr viel im Gedächtnis, aber ich habe etwas übrig für die Pferdemetapher, das hilft.

»Wo ist oben, wo ist unten? Ich spür die Pferde-Energien.« (Beslik, Dauner, Shoki, Pferdeenergie, 2023), »Das beste Pferd im Stall und ich mache mich dumm.« (Ikkimel, Keta und Krawall«), »Was für Pferde gut ist, kann für mich doch gar nicht schlecht sein.«(Ikkimel, Bikini Grell«, 2024), »Wir ballern so viel Keta, da wird selbst ein Pferd verrückt. [Wiehern]« (Tiefbasskommando / Admiral Klatsch, »Vor und zurück«, 2025). Und schließlich, noch eine Schleife weiter- bzw. provokativ zum Buchstäblichen zurückgedreht: »Brauch kein Keta, nur vier Räder, um ein Pferd zu betäuben.« (Tiefbasskommando, »Vier Räder«, 2025)

Den noch ziemlich neuen, explizitesten aller Verpferdungssong, in dem die Pferdemetapher vollends und ziemlich cute auserzählt wird, poste ich euch als Video.

https://youtu.be/4lsu19beN9E?si=WaxlPg7PhrMl_-Sz (Abre numa nova janela)

Ja, die Verpferdung kommt immer im Kontext von exzessivem Drogenkonsum und oft auch kinky Sexualität daher. Das ist nicht jedermenschs Sache, manchen Personen ist das eine oder andere oder beides thematisch unbehaglich. Nun existiert gesellschaftlich beides aber in großem Maßstab, und, nein, nicht nur in Berlin. Deshalb kann man wirklich nicht erwarten, dass beides nicht auch in Popkultur stattfindet und jetzt den Mainstream erreicht.

Bringt Verpferdungspop junge Menschen auf die Idee, auch verpferden zu wollen? Ja. Gibt es Verpferdungspop, weil junge Menschen die Welt nicht aushalten, ohne zu verpferden. Ja.

Sie »gehen dumm« (= feiern über jedes vernünftige Maß hinaus), um möglichst oft, möglichst lange an nichts denken, nicht denken zu müssen, denn Denken und Mindfuck sind aktuell ja kaum noch zu trennen – kennt ihr. Darum geht es unter anderem auch in meiner Novelle Vier Wochen, in der die Pferdemetapher ebenfalls eingesetzt wird.

Ja, ich wünsche mir weiterhin eine Welt, die Menschen auch ohne Vollnarkose aushalten können, in der das Leben so schön ist, wie es sein könnte.

In jedem einzelnen Song, den ich zitiert habe, gibt es Formulierungen, die ich so niemals benutzen würde, bei denen ich denke: Da hat es sich jemand zu einfach gemacht. Ich würde selbst auch nicht »dumm gehen« sagen, weil es ableistisch ist, obwohl ich, wenn ich ehrlich bin, mit dem Ausdruck vibe. Aber es ist mein Job als so genannte Intellektuelle, nicht beim Vibe hängenzubleiben, sondern ihn rational einzuordnen. Vor allem gehöre ich nicht zu der Generation, die »dumm gehen« in Umkehrung einer oft gehörten Verächtlichmachung als Selbstbezeichnung nutzt und bin deshalb einfach ruhig. Ich habe großes Verständnis dafür, dass andere Menschen andere Wege gehen, um sich Luft zu verschaffen, um klarzukommen, um ein Gruppengefühl zu erzeugen. Wenn du, Leser*in, jetzt nach Luft schnappst, um zu widersprechen, erinnere dich nur mal daran, was du früher so alles gedacht, gesagt, geurteilt hast.

Keine Zeit braucht Ältere, die Jugendkultur kritisieren. Beobachten: ja, urteilen: nein. Jede Generation ist auf ihre Art wundervoll und scheiße. (Ja, aaaber Faschismus: Nein, Faschismus ist kein Generationen-, sondern ein Gesamtgesellschaftsding.)

Habt ihr noch auf dem Schirm, wie misogyn immer von »Pferdemädchen« gesprochen wurde und vermutlich jeden Tag noch irgendwo gesprochen wird? Ist doch nur gerecht, wenn weibliche und queere Pferdeenergie jetzt am »Ich ficke deine Mutter«-Deutschrap vorübergaloppiert.

Etwas Unheimliches: Kolibrischmuck

Eine Neben-Expertise, die ich mir einst im Rahmen meiner unvollendeten Dissertation angeeignet und dann etwas verstauben habe lassen, ist die für unheimlichen antiken Schmuck. Aktuell beschäftige ich mich aus Lektoratsgründen mit nicht unheimlichem Antikschmuck und da fand es mein Gehirn naheliegend, sich auch wieder mit unheimlichem Antikschmuck zu beschäftigen.

Aus diesem Anlass zeige ich euch eine Absonderlichkeit, deren Anblick mich immer an den Rand der Ohnmacht bringt: Schmuck aus Kolobris, nein, nicht Kolibris aus Gold und Smaragden, auch keine Emaille-Kolobris, sondern Kolibris aus Kolibris.

Es ist einfach so brrrrrrrrrrr. Maximale Triggerwarnung, aber leider geil (kulturwissenschaftlich interessant). Stellt es euch ungefähr so schlimm vor, wie einmal mit den Augen einen 100 Jahre alten Leoparden-Pelzmantel anzufassen.

Jetzt Luft anhalten oder wegklicken.

Viktorianische Schmuckstücke unter Verwendung echter Kolibris

Zoomorpher Echt-Kolibrischmuck stammt vor allem aus den 1870ern, einer Zeit, in der man sehr kreativ beim Design von Unheimlichkeit war. Ich stelle mir vor, dass wegen zu viel Patriarchat komplett hysterische Darwinist*innen neben der Botanisiertrommel ihr kleines Fangnetz und einen juwelenbesetzten Dolch einpackten und dann massenhaft evolutionär unvorbereitete Kolibris killten. Spaß beiseite: Wer kommt auf die Idee, Kolibris zu killen? Andere Zeiten hin oder her. Dachte man: Wenn ich sie erwische, waren sie einfach zu schwach zum Arterhalt, also nicht schade drum … (Habe ich zu viele Podcasts über Rechte gehört und bin auf dem Weg, Kreationistin zu werden?)

Wäre ich nicht strikt dagegen, Serienkiller*innen zu romantisieren, würde ich eine Serie schreiben, in der die Villainesse beim Morden diese entsetzliche Tiara mit zwölf »fliegenden« Kolibris aus dem Bild trägt.

Die niederschmetternde Kombination aus absoluter Verfeinerung und entfesselter Brutalität im Kolibrikolibrischmuck erinnert mich irgendwie an die Gegenwart.

Wenn ich wählen muss, dann doch lieber Verpferdung.

Rubrikloses

Auf meinem Grabstein wird stehen:
Sie postete unverifiziert im Internet.

Präraffaelitische Girls erklären

im separaten Newsletter, ebenfalls heute erschienen (Abre numa nova janela).

Maus sieht sich. Seid lieb, nur nicht zu Nazis.

XOXO,
FrauFrohmann

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