Seit Deutschland wieder Kanonenfutter sucht, beschwöre ich meine Söhne, endlich Töchter zu werden – und gehe als besorgte Mutter mit gutem Beispiel voran. Von Constanze Witzel
Habt ihr den Antrag gestellt?
(Abre numa nova janela)Andere Eltern fragen ihre erwachsenen Kinder vielleicht zuerst, wie es ihnen geht, was das Studium macht oder ob sie auch mal etwas Gesundes essen. Meine beiden Jungs müssen sich dagegen seit Monaten anhören, wie es um ihr Geschlecht steht. Am Telefon, im Familien-Chat, wenn ich sie vom Zug abhole und als Ermahnung zum Abschied noch einmal:
Stellt endlich den verdammten Antrag!
Sicher nervt es schon. Wahrscheinlich finden sie es „cringe“ oder „weird“, dass ihr Vater ständig über ihr Geschlecht reden will. Sie nehmen die Sache nicht ernst – oder zu sehr. Schließlich geht es nicht um einen ordinären Antrag auf BAföG oder Kriegsdienstverweigerung, sondern um das immer noch recht sperrige „Gesetz über die Selbstbestimmung in Bezug auf den Geschlechtseintrag“.
Seit anderthalb Jahren lässt sich damit beim Standesamt ein neues Geschlecht schneller eintragen, als ein Baby ausgetragen ist. Deshalb gebe ich nicht nach, bis ich offiziell zwei Töchter habe. Ein Mädchen habe ich mir sowieso immer gewünscht. Damals sollte es nicht sein und wie junge Eltern in ähnlichen Fällen tröste ich mich bis heute damit: Hauptsache gesund, egal wie sie heißen. Von mir aus können sie eine Chantalle, ein doppelt diverses Einhorn oder sogar ein Wessi werden – nur keine Soldaten.

Reinhard Mey singt seit Jahren davon, er würde seine Söhne dafür nicht hergeben. Noch einfacher ist es heute allerdings, gar keine mehr zu haben. Im Vergleich zu Fahnenflucht oder Heldentod sind auch die Folgen überschaubar. Man muss nur aus dem Knick kommen und den Antrag rechtzeitig stellen.
Nicht irgendwann – rechtzeitig. Habt ihr das gelesen, Jungs?!
Die sorglosen Burschen entgegnen mir, sie könnten den Kriegsdienst ja später immer noch verweigern. Verfassung, Ausreden, alles auf den letzten Drücker – so kenne ich sie. Als ob man sich auf das westdeutsche Grundgesetz verlassen kann. Es wäre nicht das erste Mal, dass es für Kriegskredite aufgeweicht wird. Und was ist, wenn eine künftige Regierung das Selbstbestimmungsgesetz wieder kassiert und mit den vielen neuen Waffen nichts besseres anzufangen weiß, als sie zu benutzen?
Paragraf 9 sieht zudem eine Art Karenzzeit vor: Wer den Antrag erst im sogenannten Spannungs- oder Verteidigungsfall stellt, zählt weiter als männliche Opferreserve. Der „unmittelbare zeitliche Zusammenhang“ dafür gilt auch noch zwei Monate rückwirkend. Mit den drei Monaten Wartezeit bis zur amtlichen Änderung sind es also insgesamt fünf Monate, bevor irgendein Putin oder Merz durchdrehen darf.
Habt ihr jetzt den Schuss gehört, Jungs? Nach dem ersten richtigen Knall ist es zu spät.
Es ist doch nur auf dem Papier – und in ihrer Generation überhaupt kein Ding mehr. Sie haben in ihren Freundeskreisen selbst Leute, für die das Gesetz eigentlich gedacht ist: Transgender, Genderfluide, ganz ohne – jedes wie es will.
Das Beste daran ist: Selbstbestimmung gilt für alle und hat wenig mit den engen Grenzen der Biologie zu tun. Die Motive gehen den Staat nichts an, egal ob Körper, Vorname oder Uniform nicht zur Identität passen. Es gibt indessen Transmänner, die Erfolge als Dragqueen feiern –also frühere Mädchen, die jetzt Männer sind und sich für die Bühne als Frau verkleiden. Warum sollen meine Jungs nicht offiziell Mädchen sein und weiter als Jungs auftreten?
Sobald wieder Frieden in der Welt droht, können sie ja fast genauso einfach zurück. Das Gesetz sieht dafür lediglich eine einjährige Sperrfrist vor, die dann plötzlich vor übereilten Entscheidungen schützen soll. Sie hatten schon Handyverträge, aus denen man schwerer wieder herauskam. Gar nicht davon zu reden, was die Sache noch für Vorteile hätte.
Womöglich potenzieren sich Frauen- und Ost-Quote bei der Jobsuche. Ihre Chefs müssten dennoch keine Angst vor Schwangerschaften haben. Sie könnten überall Sonderrechte einfordern und Olympiasieger im Frauenboxen werden. Ich würde sogar alle Kosten für neue Dokumente übernehmen, sie weiter mit ihren alten Vornamen anreden und auch sonst keine altmodischen Dad-Jokes machen. Versprochen!
Wenn sie selbst auf diese öffentliche Ermahnung nicht reagieren, gehe ich noch einen Schritt weiter: Im Wehrpflichtgesetz habe ich nämlich gelesen, dass Väter bis 60 Jahre auch noch fällig sind, wenn die Söhne nicht reichen. Deshalb werde ich meinen künftigen Töchtern ein gutes Vorbild sein und selbst eine sogenannte FLINTA* werden. Vater oder Mutter, mir doch egal. Zur Not gehe ich auch zu den Omas gegen Krieg.
Hört auf die Mutti und stellt endlich den Antrag!
Constanze H. Witzel
* Bitte googeln Sie selbst, was FLINTA heißt! Ich brauchte das Wort nur für die Überschrift, glaube aber, es meint alles außer Mann. Das Sternchen steht für Lebensversicherung.