Du liest Wie du nicht den Verstand verlierst – der Newsletter gegen mentalen Dauerlärm. Heute: Schon mal Namen verwechselt oder mitten im Satz vergessen, was du noch sagen wolltest? Dein vergesslicher Kopf will dir vielleicht etwas sagen.
Hi!
„Einmal habe ich fast meine Kopfhörer gegessen.“ Mein Kollege hielt sie kurz hoch, als wären sie ein Beweisstück. „Ich hatte Nüsse in der einen Hand, die Earbuds in der anderen, und – naja.“ Ich nickte verständnisvoll. „Ich habe mir neulich Tagescreme auf die Zahnbürste getan“, gestand ich.
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Es war Montag und wir erzählten uns von Momenten, in denen unser Gehirn an einfachen Alltagsaufgaben versagte. Einerseits fand ich es beruhigend, dass mein mehr als zehn Jahre jüngerer Kollege genauso dumme Aussetzer hatte wie ich. Andererseits frage ich mich: Was ist mit uns los?
Eine verbreitete Erklärung lautet: Brain Fog. Vielleicht kennst du den Begriff aus dem medizinischen Zusammenhang – Long Covid, chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS), Migräne. Vielleicht aber auch nur von Instagram, wo dir erzählt wird, welche Morgenroutine gegen Brain Fog hilft. Längst steht der Begriff nicht mehr nur für ein Symptom von Krankheiten, sondern für einen Zustand, den heute fast jeder kennt.
Bei all dem ist leicht zu vergessen: Brain Fog ist keine ärztliche Diagnose, sondern ein Sammelwort für einen Zustand. Gemeint ist dieses neblige Durchwursteln durch den Tag. Du liest denselben Satz immer wieder, aber es bleibt einfach nichts hängen. Du willst deinen Partner an einen Arzttermin erinnern und eine Mail schreiben, aber kaum ist die Mail raus, hast du den Arzttermin vergessen. Du bist kurz geistig abwesend und merkst auf einmal, dass die Zahnpasta merkwürdig schmeckt.
Gegen diesen Nebel bietet das Internet unzählige Hacks an. Oft sind sie sinnlos, weil Brain Fog ganz unterschiedliche Ursachen haben kann. Das ist dem Internet egal, es verkauft munter Achtsamkeitsübungen und Nahrungsergänzungsmittel, die den Geist wieder scharf stellen sollen. Männern bietet es Kapseln in dunkelblauer Packung an, auf denen Worte wie „Fokus“ stehen. Frauen kriegen pastellfarbene Packungen und die Information, schuld am Brain Fog seien die Hormone – Gehirnnebel gilt als eines der häufigsten Symptome der Wechseljahre. Dabei sind Hormone nur ein möglicher Grund von vielen. Brain Fog trifft Menschen jeden Geschlechts und Alters.
Drei wirklich gute Fragen
„Mir gefällt dein Hut“, wollte die australische Neurowissenschaftlerin Sarah McKay einmal zu ihrem Kind sagen. Stattdessen sagte sie: „Ich mag deinen Deckel.“
Die Geschichte erzählt sie im Podcast (Abre numa nova janela)„Healthy Her”. (Abre numa nova janela) McKay kennt Brain Fog aus eigener Erfahrung gut. Und sie findet, dass das Thema oft flach behandelt wird.
Sie rät zu einer anderen Herangehensweise. Die Kurzversion erklärt McKay in diesem Video (Abre numa nova janela). Wenn du Brain Fog erlebst, sagt sie darin, stelle dir diese drei Fragen:
Was passiert gerade in meinem Körper? Habe ich schlecht geschlafen, richtig gegessen? Habe ich Schmerzen, werde ich krank, bin ich gestresst, prämenstruell, perimenopausal oder gibt es andere hormonelle Einflüsse?
Was passiert gerade in meinem Leben? Trage ich zu viel Arbeitslast, Sorgearbeit, Lärm, Unterbrechungen, Entscheidungen, emotionale Arbeit?
Was mache ich damit? Erzähle ich mir gerade „Mein Gehirn funktioniert nicht“ oder „Mit mir stimmt etwas nicht“?
Hinter diesen drei Fragen steckt ein ganzes Modell davon, wie unser Gehirn funktioniert. McKay lehnt es an das sogenannte biopsychosoziale Modell an – ein Erklärungsansatz dafür, wie Krankheiten entstehen – und übersetzt es in eine zugänglichere Form (wer mehr über das Original-Modell verstehen will: hier (Abre numa nova janela)ein Überblick der Universität Augsburg).
Das Gehirn, erklärt McKay im Podcast (Abre numa nova janela), ist eine Schaltzentrale, die ununterbrochen Informationen aus drei Richtungen empfängt und daraus Schlüsse zieht. Die drei Fragen entsprechen genau diesen drei Richtungen.
Der erste Strom kommt von unten, aus dem Körper. Das Gehirn meldet sich selbst pausenlos, wie es um den Körper steht: zu wenig Schlaf, ein sinkender Blutzucker, eine volle Blase, schwankende Hormone, das Immunsystem, das gerade gegen einen Infekt arbeitet. Es verarbeitet Millionen solcher Signale gleichzeitig, von den meisten merkst du nie etwas.
Der zweite Strom kommt von außen. Also was du siehst, hörst, riechst, aber auch dein voller Schreibtisch, das Großraumbüro, das Smartphone neben der Tastatur, die Nachrichtenlage, der Streit mit deinem Teenagersohn von gestern. Das Gehirn registriert nicht nur die Welt, es versucht ununterbrochen einzuordnen, in welcher Lage wir gerade sind.
Der dritte Strom kommt aus dem Gehirn selbst: Erinnerungen, Überzeugungen, Erwartungen, Ängste. Hier spielt die Geschichte, die wir uns selbst über den Brain Fog erzählen, eine Rolle. Wer sich nach einem Aussetzer sofort sagt: „Mit mir stimmt etwas nicht“, füttert sein Gehirn mit einer anderen Information als jemand, der denkt: „Ich bin gerade einfach erschöpft.“ Auch dieser Gedanke verändert, wie es uns geht. Eine negative Geschichte kann den Stress verstärken – und so für noch mehr Nebel sorgen.
Was Baby Brain wirklich ist
Erst aus dem Zusammenspiel der drei Ströme entsteht, was wir im Moment erleben. Ob wir konzentriert arbeiten, zur Kaffeetasse greifen oder mitten im Satz vergessen, was wir sagen wollten. Brain Fog ist deshalb nicht eine Sache, kein Defekt, der irgendwo sitzt und repariert werden muss, sondern ein Warnsignal, dass zu viel gleichzeitig hereinkommt. Mal drückt der Körper am stärksten, mal die Umwelt, mal die Gedanken, mit denen wir auf beides reagieren. Genau deshalb gibt es selten den einen Hack, der für alle passt.
Sobald man das Modell verstanden hat, ergeben plötzlich Phänomene Sinn, über die jahrelang ganz anders gesprochen wurde: das Baby-Brain frischgebackener Mütter, der Nebel in den Wechseljahren – und auch der Grund, warum mein Kollege fast in seine Kopfhörer gebissen hätte.