Saltar para o conteúdo principal

Warum wir uns beim Scrollen nicht schuldig fühlen müssen

Du liest Wie du nicht den Verstand verlierst – den Newsletter für Klarheit in einer Welt, die uns ständig überfordert. Du liest noch nicht regelmäßig mit? Hier kannst du dich kostenlos anmelden (Abre numa nova janela).

Neulich Abend scrollte ich mal wieder auf meinem Handy herum und stieß – natürlich auf Social Media – auf einen Artikel darüber, wie man weniger Zeit auf Social Media verbringt. Es war ein absurder Moment. Ungefähr so, wie wenn im Eisladen zur Kugel Pekannuss-Karamell ein Buch über die Gefahren von Zucker serviert würde. 

Seit Jahren lese ich Artikel darüber, wie schädlich Social Media ist. Ich habe selbst einige davon geschrieben. Viele Argumente stimmen auch. Aber bei einem wesentlichen Punkt zweifele ich. Auch wenn ich jahrelang davon überzeugt war. Du kennst ihn sicher: Social Media, heißt es, sei eine Art Dopamin-Slotmaschine, die uns süchtig macht. Deswegen fällt es uns so schwer, die Finger davonzulassen.

Etwas fehlt an dieser Erklärung. 

Es gibt etwas Besseres als Disziplin

Richtig ist: Social Media funktioniert wie eine endlose Überraschungskiste. Nie weiß man, was als Nächstes kommt – und genau das macht sie so unwiderstehlich.  Weil ich das natürlich weiß, fühlte ich mich lange schuldig, wenn ich, sagen wir, nachts im Bett bis drei Uhr morgens Videos (Abre numa nova janela)über einen Friseur guckte, der die Haare seiner Kundinnen zu Hüten stylt. Ich müsste es doch besser wissen! Warum habe ich nicht mehr Disziplin? 

Heute denke ich anders. Disziplin ist schön und gut, aber wenn ich eines gelernt habe, dann das: Wenn man eine Gewohnheit ändern will, hilft vor allem, dass man sich selbst besser versteht. 

Wenn ich ehrlich bin, greife ich nicht zum Handy, weil ich willensschwach bin oder süchtig nach dem nächsten Like. Okay, das auch. Aber ebenso greife ich danach, weil da Menschen sind. Weil ich nach einem langen Arbeitstag überdreht bin und es ein natürlicher Reflex ist, nach irgendeiner Form Kontakt zu suchen. Der Griff zum Handy ist dann weniger Disziplinlosigkeit als der Versuch, ein evolutionär altes Bedürfnis nach Verbindung schnell zu beruhigen. 

In ihrem Buch The Extended Mind zeigt die Wissenschaftsjournalistin Annie Murphy Paul, dass Denken kein einsamer Prozess ist. Unser Gehirn ist darauf ausgelegt, sich mit anderen zu verbinden. Wir denken klarer und fühlen stabiler, wenn wir nicht allein in unserer Blase schweben. Wenn wir uns aufgehoben fühlen, funktioniert unser Gehirn besser. Umgekehrt hemmt Einsamkeit unsere kognitiven Fähigkeiten.

Einsamkeit funktioniert wie Hunger oder Durst: ein Signal, das uns motivieren soll, Nähe zu suchen. Social Media verspricht, diesen Mangel sofort zu lindern. Natürlich wollen wir das.

Manchmal braucht man Menschen statt mittelalterlicher Katzen

Wir sind also nicht einfach nur disziplinlos oder süchtig nach dem nächsten Dopamin-Kick, wenn wir stundenlang scrollen. Oft folgen wir auch einem legitimen Bedürfnis nach Nähe. 

Dazu kommt: Für viele Menschen ist es leichter, digital in Kontakt zu kommen als im echten Leben. Wer introvertiert ist, weiß: Im Chat kann man sich Zeit nehmen, beim Video-Call lässt sich das Mikro stumm schalten. Den Mann im Bus, der zu laut telefoniert, kann ich nicht muten (auch wenn ich es oft sehr gern tun würde). 

Die entscheidende Frage lautet: Ersetzen Whatsapp, Facebook oder Bluesky Nähe – oder ermöglichen sie diese? 

Als Ersatz können soziale Medien dem Wohlbefinden eher schaden. Wir fühlen uns sozial beschäftigt, bleiben aber einsam. Ebenso können sie aber auch hilfreich sein: Ich bleibe mit meiner Mutter, die hunderte Kilometer entfernt von mir lebt, per Messenger verbunden.

Die Forschung fasst diesen Gegensatz unter zwei Begriffen: Displacement und Stimulation. 

Displacement heißt: Das Digitale verdrängt das Reale. Statt mit den Menschen neben sich zu sprechen, scrollt man durch Instagram, 

 Stimulation bedeutet dagegen: Das Digitale ermöglicht das Reale. Ein Chat führt zu einem Treffen, ein Kommentar zu einer Freundschaft.

Statt mich wegen meiner Handy-Nutzung schuldig zu fühlen und mir mehr Disziplin abzufordern, habe ich den Druck rausgenommen. Jetzt achte ich darauf, was ich eigentlich brauche, wenn ich automatisch nach dem Handy greife. Manchmal will ich mich einfach nur von der Welt ablenken. Aber manchmal fehlt mir in Wirklichkeit Kontakt zu anderen Menschen. Wenn ich das merke, lasse ich die mittelalterlichen Katzen-Memes (Abre numa nova janela)sein. Und schreibe lieber meiner Schwester oder frage eine Freundin, wann sie mal wieder Zeit hat.

Ich finde das lohnender, als gegen Social-Media-Gewohnheiten anzukämpfen. Oder?

Bis nächste Woche!

Deine Theresa

Übrigens: Diesen Newsletter gibt es nur dank der Unterstützung meiner Leserinnen und Leser. Wenn du mich fördern möchtest – hier entlang:

Oder empfiehl ihn weiter. Auch das hilft sehr!

0 comentários

Gostaria de ser o primeiro a escrever um comentário?
Torne-se membro de Wie du nicht den Verstand verlierst e comece a conversa.
Torne-se membro