Du liest Wie du nicht den Verstand verlierst. Woche für Woche finde ich heraus, was wirklich hilft gegen mentalen Dauerlärm. Heute: Was, schon wieder November? Ich möchte, dass mein Leben langsamer vergeht.

Hi!
Einmal saß ich in einem Café in München und habe eine alte Frau betrachtet, die durch die Tür kam. Das Café war einer dieser Third-Wave-Specialty-Single-Origin Läden, mit ungemütlichen Holzstühlen, eigener Rösterei und angeberischen Glasballons, aus denen unendlich langsam Kaffee in Gefäße tropft. Die Frau trug einen Hut und einen Mantel in der Farbe, die meine Mutter „Rentner-Beige“ nennt. Sie bestellte „eine Tasse Kaffee“. Ohne nähere Angaben zu Milchart und -schaummenge, Tassengröße, Bohnenröstung. Einfach „Kaffee“. Dann setzte sie sich mit ihrer Tasse auf einen ungemütlichen Holzstuhl und nippte langsam. Sie wirkte völlig fehl am Platz und doch zu Hause, wie ein Fuchs in der Großstadt.
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Ich vermisse das Gefühl, wirklich Zeit zu haben für scheinbar unproduktive Tätigkeiten wie Menschen beobachten. Stattdessen hängt heute eine unendlich lange To-do-Liste bedeutungsschwanger in meinen Gedanken herum. Abends liege ich dann oft im Bett, schaue an die Schatten an der Zimmerdecke und frage mich, wie es sein kann, dass schon wieder Schlafenszeit ist. Ich war doch gefühlt vor ein paar Stunden erst hier? Was ist in der Zwischenzeit passiert?
Warum Zeit für Kinder langsamer läuft
Ich möchte, dass mein Leben langsamer vergeht. Das ist aber gar nicht so einfach. Denn das Gefühl, dass die Zeit rast, verstärkt sich, wenn man älter wird. Weiß jeder. Ich wollte herausfinden, woran das liegt – und vor allem, ob sich das ändern lässt.
Jetzt kann ich berichten: Ja, das geht! Mich hat überrascht, dass der Alterseffekt – also das Gefühl, dass Zeit schneller vergeht – ein Trick des Gedächtnisses ist. Eine Arbeitsgruppe um die Psychologin Isabell Winkler hat dazu über 500 Menschen zwischen 20 und 80 Jahren befragt (Abre numa nova janela). Einmal zu ihrem aktuellen Zeitempfinden und einmal dazu, wie es früher in ihrem Leben war.
Das Interessante: Jüngere und ältere Erwachsene erleben im Hier und Jetzt ganz ähnlich, wie Zeit vergeht. Der Alterseffekt tauchte erst im Rückblick auf. Das kann man sofort nachvollziehen: Wenn wir uns an frühere Zeiten im Leben erinnern, wirken diese oft länger. Wie unendlich lang waren sechs Wochen Sommerferien!
Der Effekt kommt daher, dass unser Gehirn nicht in Stunden und Minuten rechnet. Es verbucht die Zeit wie ein Buchhalter, und zwar in Form von Ereignissen. Je mehr unterschiedliche, neue, intensiv erlebte Posten der Buchhalter einträgt, desto länger wirkt die Zeitspanne. Kinder erleben eine Premiere nach der anderen, ihre Tage dehnen sich wie Kaugummi. Beim Älterwerden geraten wir mehr und mehr in Routinen. Vieles läuft auf Autopilot. Es gibt weniger Ereignisse, die herausstechen. Deshalb wirken sechs Wochen für Erwachsene viel kürzer als für ein Kind. Acht Stunden Bildschirmarbeit im Büro erscheinen im Rückblick wie ein einziger, langer Moment. Und schon liegt man nachts wieder im Bett und fragt sich, wo die Zeit hin ist.
Stress verstärkt diesen Effekt noch. Denn er verändert, wie wir Zeit erleben. Wenn vieles gleichzeitig passiert, bleibt keine Aufmerksamkeit für Details. Genau die braucht das Gedächtnis aber, um Erlebnisse zu verankern.
Das zu verstehen ist einerseits bitter. Andererseits bietet es aber auch eine große Chance. Wenn ich möchte, dass das Leben gefühlt langsamer vergeht, kann ich das beeinflussen.
Dafür ist wichtig zu verstehen: Unsere Wahrnehmung von Zeit beschleunigt sich – oder verlangsamt sich – je nachdem, was wir in einem gegebenen Moment erleben.
Küssen in Zeitlupe
Eine extreme Form davon fühlt sich an, als würde die Zeit einfrieren. Das kann eine positive Erfahrung sein, wie wenn man ganz allmählich dem Gesicht eines Menschen näherkommt und weiß: Gleich küssen wir uns. Die negative Version habe ich einmal erlebt, als ich einen Auffahrunfall auf der Autobahn hatte. Ich sah das Heck des Wagens wie im Zeitlupentempo auf uns zurutschen. Am Ende entstand nur ein Blechschaden. Aber zwanzig Jahre später kann ich diesen ewig langen Moment immer noch abrufen.
Eine Vermutung lautet, dass in solchen Momenten die Wahrnehmung tatsächlich beschleunigt ist – also dass unser Gehirn quasi mehr Bilder pro Sekunde verarbeitet. Dann würde die Zeit real langsamer erscheinen, ähnlich wie bei einer Kamera mit höherer Bildrate. Um das zu testen, stürzten sich für eine Studie (Abre numa nova janela) Versuchspersonen 31 Meter frei in ein Sicherheitsnetz, während ein Handgerät ihre visuelle Zeitauflösung maß (also ob sie in kurzer Zeit mehr Reize unterscheiden konnten). Danach schätzten sie, wie lange ihr eigener Fall gedauert hatte – und wie lange der Fall anderer Teilnehmender dauerte.
Ergebnis: Es gab keine messbare Verbesserung der zeitlichen Auflösung. Das Gehirn hat also nicht schneller gearbeitet. Die Personen schätzten im Rückblick ihren eigenen Fall trotzdem um etwa 36 Prozent länger ein als den Fall ihrer Kollegen.
Die Forschenden interpretierten das Ergebnis so: Das gedehnte Zeitgefühl entstand im Rückblick, weil während des Falls mehr Aufmerksamkeit, Erregung und Emotion involviert waren. Deshalb speicherten die Teilnehmenden die Erfahrung ihres Sturzes dichter und detailreicher im Gedächtnis – und er erschien länger.
Dein Zeitgefühl kannst du verändern
Das klingt jetzt vielleicht, als wollte ich dir vorschlagen, öfter extreme Momente zu erleben. Aber das ist gar nicht nötig. Man kann sein Zeitgefühl viel einfacher beeinflussen.