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Vielleicht brauchst du keinen Smartphone-Detox

Du liest Wie du nicht den Verstand verlierst – der Newsletter gegen mentalen Dauerlärm. Was eine Studie über das Leben ohne mobiles Internet wirklich zeigt.

Hi!

Ich saß an einem nach Holzpolitur duftenden Tisch in einem Ferienhaus in Italien und dachte darüber nach, welches Eis ich zum Abendessen wollte. Granatapfel oder Pistazie oder vielleicht doch wieder beides? Der Eisladen hat bis 23:30 Uhr offen. In Italien hat man bei manchen Dingen einfach die richtigen Prioritäten. Dann ging das Licht aus. 

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Stromausfall, und zwar zu einem denkbar schlechten Moment: Ich testete gerade eine App, die mein Smartphone in ein Dumbphone verwandelte. Das mobile Internet war blockiert, nur noch Telefonieren und SMS gingen. Schnell war klar, dass ich damit nicht weit kommen würde. Ich brauchte die Telefonnummer des Elektrikers aus Whatsapp, außerdem musste ich Fotos machen und sie verschicken. Tapfer versuchte ich zunächst, alles mit meinem Laptop zu regeln. Hast du schon einmal versucht, mit deiner Laptop-Kamera einen Sicherungskasten zu fotografieren? Nach zehn Minuten gab ich auf und deaktivierte die Dumbphone-App. Mein Handy wurde wieder schlau und ich konnte das Problem lösen. 

Anti-Aging fürs Gehirn

Wie war ich überhaupt auf die Idee gekommen, mein Handy zu verblöden? Ich hatte einen Artikel gelesen, der große Dinge versprach. „Dieser Detox macht zehn Jahre Social-Media-Hirnschaden rückgängig”, berichtete (Abre numa nova janela) die Washington Post über eine Studie (Abre numa nova janela), bei der 467 Teilnehmende zwei Wochen lang alles mobile Internet auf ihren Smartphones blockiert hatten: kein Instagram, kein Browser, kein WhatsApp. Nur telefonieren und SMS verschicken konnten sie noch. Dafür nutzten sie eine App namens Freedom.

Die Ergebnisse klangen bemerkenswert: 91 Prozent der Teilnehmenden zeigten Verbesserungen in mindestens einem der gemessenen Bereiche: Wohlbefinden, mentale Gesundheit, Aufmerksamkeit. Die mentale Gesundheit habe sich stärker verbessert als durch Antidepressiva. Wer weniger scrollte, schlief besser, bewegte sich mehr und verbrachte mehr Zeit mit anderen Menschen. Und die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit über längere Zeit aufrechtzuerhalten – also nicht abzuschweifen, nicht Mitteilungen zu checken, bei einer Sache zu bleiben – ebenfalls.

Sensationell klingende Studienergebnisse gibt es bei diesem Thema häufig, aber was mich hier aufhorchen ließ: Es war eine experimentelle Studie, also kein reines Beobachtungsdesign, das nur feststellt, dass zwei Dinge gleichzeitig auftreten, ohne sagen zu können, was was verursacht. Experimente können genau diese Frage beantworten: Macht mobiles Internet Menschen unglücklicher? Oder scrollen Menschen, denen es sowieso schlechter geht, einfach mehr? Die Forschenden schreiben entsprechend selbstbewusst, ihre Ergebnisse lieferten „kausale Belege" dafür, dass mobiles Internet Wohlbefinden und Aufmerksamkeit beeinträchtigt.

 Die Vorstellung, meine zerrüttete Aufmerksamkeit auf ein Niveau wie vor zehn Jahren zurücksetzen zu können, interessierte mich sehr. Anti-Aging fürs Gehirn! Wer will das nicht? Meine Aufmerksamkeit ist in den letzten Jahren schlechter geworden. Ich merke es beim Lesen, in Gesprächen, beim Arbeiten. Also lud ich mir die Freedom-App herunter. Und landete kurz darauf im dunklen Ferienhaus in Italien. Mir wurde wieder einmal klar, dass mobiles Internet leider sehr praktisch ist. Und es ist sehr schwierig, sich davon abzukoppeln, wenn alle anderen es benutzen. 

Lohnte es sich, das Dumbphone-Experiment noch einmal zu versuchen? Ich sah mir die Studie genauer an. Und bin auf einiges gestoßen, das mich skeptisch gemacht hat. Aber auch auf ein interessantes Ergebnis, das ich bis dahin übersehen hatte.

Echte Smartphone-Pausen sind schwer

Zunächst einmal haben sehr wenige der Teilnehmenden überhaupt zwei Wochen lang durchgehalten. Nur jede vierte Person hielt das Handy-Internet tatsächlich für mindestens zehn der vierzehn Tage blockiert. Drei von vieren (!) haben es also nicht geschafft.

Ein weiterer Punkt: Rund 80 Prozent der Teilnehmenden gaben zu Beginn an, dass sie ihre Smartphone-Nutzung reduzieren wollten. Das war also keine zufällige Stichprobe, sondern eine Gruppe Menschen, die bereits wussten, dass sie ein Problem haben, und es ändern wollten. Ihnen war außerdem klar, dass es in der Studie um Smartphones und mentale Gesundheit ging. Sie gingen also mit sehr konkreten Erwartungen rein. Die Forschenden schreiben selbst, dass sie einen Placebo- oder Demand-Effekt nicht ausschließen können: dass Versuchspersonen ihr Verhalten und ihre Wahrnehmung unbewusst anpassen, weil sie glauben, die Erwartungen der Studienleitung zu kennen.

Besser als Antidepressiva? Was die Studie wirklich zeigt

Und dann wäre da noch der Vergleich mit Antidepressiva. Der spektakulärste Befund der Studie und vielleicht der problematischste. Wir erinnern uns: Zwei Wochen ohne mobiles Internet, behaupten die Forschenden, verbesserten Depressionssymptome stärker als Antidepressiva es tun. Das klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Und ist es auch ein bisschen.

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