Liebe Wein-Freund:in,
Du liest den WeinLetter #110. Heute gibt’s: Südtirol. Baron von Kripp. Stachlburg in Südtirol. Und da ist ja klar, wer das schreibt: Franz Untersteller. Früher mal Umweltminister in Baden-Württemberg. Heute Württemberg-Korrespondent des WeinLetter mit einem Hang zu Südtirol. Hang zu Südtirol heißt erstens: Der gebürtige Saarländer hat eine Ahnengeschichte in Südtirol und besucht diesen Flecken regelmäßig. Das heißt deshalb zweitens: Gibt’s eigentlich noch ein Weingut, das er noch nicht besucht hat? Klar. Aber seine WeinLetter zu Südtirol lesen sich schon ein bisschen wie das Who is Who des Alto Adige: Kellerei Tramin und A. V. Elzenbaum (Abre numa nova janela); Manincor, Elena Walch, Alois Lageder und Tiefenbrunner (Abre numa nova janela). Und jetzt: das Schlossweingut Stachlburg von Sigmund Baron von Kripp. Er erzählt, wie die „wilden Jahre“ des Barons dazu geführt haben, dass es das Weingut überhaupt gibt. Und zu was er es heute gemacht hat. +++ Viel Spaß beim Lesen! Und jetzt empfehlt (und shared) diesen WeinLetter bitte. Unterstützt den WeinLetter gerne auch finanziell und werdet aktives Mitglied!
Aber vor allem:
Trinkt friedlich!
Euer Thilo

Der Blick auf die Weinberge des Weinguts Schloss Stachlburg. Im Hintergrund sieht man die Texelgruppe FOTO: SCHLOSSWEINGUT STACHLBURG
Schloss Stachlburg: Ein Baron im Schloss, ein Pianist im Weinberg und ihr Mix-Geheimnis
von Franz Untersteller
Wenn man im Südwesten Deutschlands lebt, dann gehören Burgen und Burgruinen zum vertrauten Landschaftsbild. Sie krönen links und rechts des Neckars so manche markante Anhöhe. Meist sind sie bereits von weitem sichtbare und seit Jahrhunderten die Landschaft prägende Bauwerke. Das gilt zum Beispiel für die imposante Burgruine Hohenneuffen am Albtrauf oberhalb des Weinguts von Hedwig und Helmut Dolde. Das gilt für das „schwäbische Neuschwanstein“: die Burg der Hohenzollern bei Balingen.
Völlig anders und für unsereins ungewohnt verhält es sich mit der Stachlburg. Das aus dem 13. Jahrhundert stammende Gemäuer wurde ursprünglich als Ministerialsitz errichtet und prägt als typische Tiroler Dorfburg das Zentrum der Südtiroler Vinschgau-Gemeinde Partschins.
Auch mehr als 800 Jahre nach seiner Gründung ist die Stachlburg alles andere als ein langsam dahinsiechendes museales Gemäuer. Zum einen dient sie Baron Sigmund von Kripp und seiner Familie als stilvoller und geschichtsträchtiger Wohnsitz. Zum anderen beherbergen die uralten Burgmauern aber auch das 1990 von seinem aktuellen Burgherrn gegründete Schlossweingut Stachlburg.

800 Jahre alt, seit 35 Jahre Weingut: das Schloss Stachlburg FOTO: FRANZ UNTERSTELLER
Ein langjähriger Freund hat mich zum Besuch des Weinguts ermuntert, das heute einer von 22 Weinbaubetrieben im Etschtal ist. Und er hat nicht zu viel versprochen!
Er übernimmt den Obst-Betriebe – aber nur mit Weinbau
Bis vor 35 Jahren bewirtschaftete Sigmund von Kripps Vater lediglich die umliegenden in Familienbesitz befindlichen Apfelplantagen. Diese sind für das Landschaftsbild im oberen Vinschgau bis heute überaus prägend. Für den jungen Baron war in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts rasch klar, dass eine Übernahme des väterlichen Betriebs durch ihn nur in Frage käme, wenn er die Chance bekommt, neben dem Obstbau den Weinbau zu einem zweiten wirtschaftlichen Standbein für die Stachlburg aufzubauen. Er wollte damit an die Traditionen früherer Bewirtschafter anknüpfen.
Baron von Kripp schildert im Gespräch diese Zeit als seine „wilden Jahre“, in denen zunächst nicht so recht klar gewesen sei, was aus ihm einmal werde. Orientierung gaben ihm dann wohl auch die Lehrjahre auf dem seinerzeit verwandtschaftlich verbundenen Graf Wolff-Metternich’schen Weingut im badischen Durbach, die Arbeit auf einem weiteren Weingut in Castell, Unterfranken, und schließlich die Weinbautechnikerschule in Bad Kreuznach sowie die sich daran anschließende Obstbauausbildung in Geisenheim.
Nach der Übernahme des väterlichen Betriebs bepflanzte er 1990 auf 650 Höhenmetern und nach Süden ausgerichteten Hängen der Partschinser Gemarkung einen ersten Weinberg mit Chardonnay und Blauburgunderreben. Inzwischen kamen weitere Flächen hinzu, auf denen Weißburgunder, Ruländer und Gewürztraminer reifen.

„Natürlichkeit, Echtheit und ein eigenständiger Charakter”: Sigmund Baron von Kripp FOTO: FRANZ UNTERSTELLER
Weiter talaufwärts an den steilen Hängen des Naturnser Sonnenbergs – der Name ist hier wirklich Programm - reifen heute ebenfalls Blauburgunder sowie Regent des Weinguts Stachlburg. Alles in allem bewirtschaftet Baron von Kripp auf den humusreichen und tiefgründigen Böden des oberen Etschtals inzwischen rund vier Hektar.
Fährt man von Partschins aus talwärts vorbei an Meran in Richtung Bozen, dann liegt kurz vor der Südtiroler Landeshauptstadt rechts der Staatsstraße der kleine, zur Weinbaugemeinde Terlan gehörende Weiler Andrian. Oberhalb der Ortschaft liegt die von Baron Paul von Kripp, einem Bruder des Partschinser Burgherrn, bewohnte Burg Wolfsthurn.
Rund 2,5 Hektar auf 250 bis 300 Metern Meereshöhe gelegene Weinberge gehören zum Familienbesitz. Auf diesen gegenüber den Partschinser Lagen viel wärmeren, aber durch die steilen Wände der angrenzenden Porphyrfelsen vor zu heißer Nachmittagssonne geschützten Rebflächen stehen heute Sauvignon Blanc, Grauburgunder, Merlot, Lagrein und die pilzresistente Sorte Souvignier Gris. Seit 2008 werden auch die hier gelesenen Trauben im Keller der Stachlburg auf möglichst schonende Weise verarbeitet und zu hochwertigen Weinen heranreifen gelassen.
Der Pianist im Weinberg und Weinkeller
Acht Jahre nach Gründung des Weinguts wurde Stachlburg 1998 auf biologischen Anbau umgestellt und zertifiziert. Entlang der Philosophie, es kann nur Qualität erhalten und nicht geschaffen werden, erzeugt man seither naturnahe, qualitativ hochwertige Weine, die sich frei entfalten können. Jeder Jahrgang darf seine eigene Charakteristik hervorbringen. „Natürlichkeit, Echtheit und ein eigenständiger Charakter sind uns ein besonderes Anliegen“, sagt Sigmund von Kripp im Gespräch.

Er ist Önologe und Pianist: Mattia Bolzan, Kellermeister der Stachlburg FOTO: WEINGUT SCHLOSS STACHLBURG
Seit 2020 wacht der in Padua, Udine und Geisenheim ausgebildete junge Önologe und Kellermeister Mattia Bolzan darüber, dass diese Philosophie sowohl in den Weinbergen als auch bei der Vinifikation und Reifung im Keller der Stachlburg möglichst konsequent umgesetzt wird. Findet man ihn weder im Weinberg noch im Keller der Stachlburg, dann kann es gut sein, dass der mehrfach prämierte klassische Pianist für eines seiner gefragten Konzerte am Flügel übt.
Das Mix-Geheimnis der unterschiedlichen Lesezeitpunkte
Gegenwärtig werden unter den Augen von Mattia Bolzan auf Stachlburg 15 verschiedene Weine erzeugt. Dabei fällt auf, dass es - bedingt durch die Folgen des Klimawandels - in den Stachelburg’schen Weinbergen ein paar Besonderheiten gibt, die Baron von Kripp im Gespräch detailliert erläutert. „Da die Klimaerwärmung uns bei den meisten Sorten die Säure regelrecht wegheizt, versuchen wir, einen Teil der Trauben bereits zu einem frühen Zeitpunkt zu lesen, wenn sie noch mehr Säure, aber weniger Zucker haben“, sagt der Chef der Stachlburg. Das gebe die „schlanke“, frische Partie. „Der Hauptteil der Trauben wird zum Zeitpunkt jenes Mostgewichtes geerntet, das uns den geplanten Alkoholgehalt des Weines vorgibt“, sagt Baron von Kripp.
Und schließlich belasse man oft noch eine Restpartie, um auch eine vollreife Teilmenge zu haben, die dem Wein dann andere Aromen und mehr Fülle gibt.
Es verwundert denn auch nicht, was Baron von Kripp sehr eindrücklich beschreibt: Zum Ende der Lese stehen im Keller insgesamt gut 50 Stahlbehälter, die mit Traubensaft der unterschiedlichen Lesezeitpunkte befüllt sind. Die gestufte und aufwendige Vorgehensweise bei der Lese hat zur Folge, dass die Stachelburg-Weine eine Komposition aus mehreren „Fraktionen“ sind, wie das der Baron nennt, die alle zusammen mehr ergeben als jede einzelne für sich.
Nachfolgend möchte ich drei Weine aus dem Stachlburg-Keller vorstellen, darunter zunächst mit dem für Südtirol typischen Lagrein auch ein Wein, der aus den niedrigeren Lagen bei Andrian stammt:
1. Der „Wolfsthurn“-Lagrein, 2023
Der Wein: Stachlburg Südtiroler Lagrein „Wolfsthurn“ 2023; 13% Vol.; Gesamtsäure 5,3g/l; Restzucker 1g/l; Lagerfähigkeit 10 Jahre; Preis 0,75 l / 23 Euro ab Hof. FOTO: FRANZ UNTERSTELLER
Von den weltweit 850 Hektar, die mit Lagrein bestückt sind, entfallen heute rund 530 Hektar auf das „Alto Adige“ - sprich Südtirol. Eigentliche Heimat des Lagrein sind neben der Talsohle rund um die Landeshauptstadt Bozen die Weinberge von Kaltern, St Michael-Eppan sowie Tramin. Die hier vorhandenen kargen Böden mit hohen Kies- und Schotteranteilen und das warme Klima bringen wunderschön dichte und elegante Weine hervor.
Rund 30 Hektoliter pro Hektar werden durchschnittlich pro Jahr vom Lagrein in den Weinbergen von Burg Wolfsthurn gelesen. Die vergleichsweise geringe Menge ist das Ergebnis frühzeitiger Reduktion der sich an den Ruten ausbildenden Trauben sowie sorgfältiger Sortierung bei der Lese. Um Farben, Aromen und Gerbstoffe aus den Schalen, Kernen und dem Fruchtfleisch herauszulösen, bleiben die Trauben nach der Lese rund zwei Wochen auf der Maische. Daran schließt sich die sogenannte malolaktische Gärung in Barrique-Fässern an. Die Reifung erfolgt schließlich über 18 Monate hinweg in neuen Demi-Tonneaux (300 Liter). Zuletzt hat man rund 1.000 Flaschen des „Wolfsthurn“-Lagrein erzeugt.
Im Glas fällt zunächst die für Lagrein typische dunkle, Granatrot funkelnde Farbe auf. Er besticht in der Nase mit Fruchtaromen, die an dunkle Beeren und saftig reife Kirschen erinnern. Im Mund zeigt er sich voll, aber zugleich elegant und es zeigen sich ein wenig Gewürz- und Schokoladentöne. Meiner Meinung nach ein idealer Essensbegleiter zu einem schönen Rinderbraten sowie allem was Flügel hat und aus der Bratröhre kommt.
2. Der „Vinschgauer Chardonnay Riserva“, 2021
Der Wein: Stachlburg Südtirol Vinschgauer Chardonnay Riserva DOC Bio; 2021; 13,5% Vol; Gesamtsäure: 6,7g/l; Restzucker: < 1g/l; 0,75 l / 26 Euro ab Hof. FOTO: FRANZ UNTERSTELLER
Die Trauben für den Chardonnay der Stachlburg stammen ausschließlich aus der auf 630 Meter Höhe gelegenen Partschinser Lage „Steigacker“. Die West-Ost-Ausrichtung des dortigen Geländes ermöglicht eine optimale Nutzung der für den Vinschgau typischen Winde. Pro Hektar werden nach sorgfältiger Sortierung lediglich 25 Hektoliter gewonnen, was schlussendlich für gut 800 Flaschen reicht.
Nach der Lese werden die reifen, goldgelben Trauben gepresst. Der Most kommt umgehend in neue Barriquefässer aus ungarischer Eiche (225 Liter). Nach der dort erfolgten Gärung bekommt der Wein anschließend 18 Monate Zeit, um auf der Hefe zu reifen und sich zu entwickeln. Um die Eichenaromen zu integrieren und abzurunden, schließen sich dann weitere zwei Jahre Flaschenlagerung an.
Im Ergebnis haben wir einen sehr kräftigen Chardonnay, dessen reife Noten sich in der langen Reifezeit herrlich mit den zarten Holztönen vereinigt haben. Im Glas besticht der Wein durch seine goldgelbe Farbe. Er zeigt intensive Aromen, die an reife und getrocknete Marille sowie Akazienhonig erinnern.
Der Wein ist ein idealer Essensbegleiter zu gegrilltem und stark gewürztem Fisch aber auch zu einem Vitello tonnato.
3. Der Vinschgauer Blauburgunder Riserva „Eustachius“ 2019
Der Wein: Stachlburg Vinschgauer Blauburgunder Riserva 2019 „Eustachius“ 12,5% Vol; Gesamtsäure: 5,2g/l Restzucker: < 1g/l, 40 Euro ab Hof. FOTO: FRANZ UNTERSTELLER
Diesen Blauburgunder Riserva darf man getrost als Aushängeschild des Stachlburg-Weinguts betrachten. Die Trauben stammen ausschließlich aus der auf 650 Höhenmetern gelegenen Partschinser Lage „Stockacker“, dem mit 35 Jahren ältesten Weinberg der Stachlburg. Nur in ausgewählten Jahrgängen werden die Trauben zu einem Blauburgunder Riserva gekeltert und dann unter dem Namen des Schutzpatrons der Stachlburg vermarktet - dem heiligen Eustachius. Die letzten drei Jahrgänge stammen aus 2015; 2018 und 2019. Für Sigmund von Kripp ist er die idealtypische Interpretation eines alpinen Blauburgunders.
Sorgfältige Pflege im Weinberg, geringe Erträge mit lediglich 22 Hektoliter pro Hektar und eine möglichst späte Lese sind wesentliche Voraussetzungen für diesen kräftigen und ausdrucksvollen Blauburgunder. Nach einer gemischten Mazeration über 15 Tage in offenen Stahl- und Holzfässern mit täglichem Unterstoßen und Délestage erfolgt eine Reifung über 18 Monate in französischem Barrique und einer weiteren einjährigen Lagerung auf der Flasche sind wesentliche Merkmale für diesen hochwertigen Blauburgunder.
Der Wein zeigt einen guten Körper, vielschichtige Waldbeerenaromen und besticht zudem durch seine Frucht- und Burgundertypizität. Ein idealer Begleiter zu Wild und Roastbeef.
Franz Untersteller, 67, ist gelernter Landschaftsplaner. Er war zwischen 2006 und 2021 Abgeordneter der Grünen im baden-württembergischen Landtag und zwischen 2011 bis 2021 Minister für Umwelt, Klima u. Energiewirtschaft im Kabinett von Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Seit Januar 2022 ist er als selbstständiger Unternehmensberater im Energiesektor tätig. Zudem ist er Globaler Botschafter für das weltweite Klima-Projekt Under2Coalition (Abre numa nova janela). Er schreibt regelmäßig für den WeinLetter. Und hilft bei der Weinlese von Helmut Dolde (Abre numa nova janela). FOTO: FRANZ UNTERSTELLER
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